Buber rosenzweig medaille

Gastgeschenk oder Grabmal: Die Debatte um die Buber-Rosenzweig-Bibel

Von Albert Kümmel-Schnur
Buber rosenzweig medaille
Seit 1968 wird sie jährlich verliehen: die Buber-Rosenzweig-Medaille

Vor 100 Jahren erschien in der Frankfurter Zeitung der Artikel „Die Bibel auf deutsch“ von Siegfried Kracauer. Er verriss darin sarkastisch die Übersetzung der Genesis, des ersten biblischen Buches, durch Martin Buber und Franz Rosenzweig. An diesem Verriss entzündete sich eine intellektuelle Debatte, die noch heute aufschlussreich ist. 

Als ich vor mittlerweile zwanzig Jahren mit Studierenden Romane des japanischen Kultautors Haruki Murakami las, verweigerten Kolleg:innen Teilnehmenden dieses Seminars, die gelesenen Texte zur Prüfungsgrundlage zu machen. Der Grund: Wir hätten diese Texte ja in Übersetzung und nicht im japanischen Original gelesen. Ja, das stimmte. Gleichzeitig konnten Murakamis Romane weltweit eben nur deshalb gelesen werden, weil sie übersetzt wurden. Und es stellt sich die Frage, inwieweit nicht auch Übersetzungen zum Teil einer Nationalliteratur gezählt werden sollten. 

Anders formuliert: Ist ein Text nur dann ein deutscher Text, wenn er ursprünglich auf deutsch verfasst wurde? Oder sollte man nicht all die Übersetzungen, insbesondere aus dem Englischen, die tatsächlich von deutschen Leserinnen und Lesern gelesen werden, auch zum Korpus der deutschen Literatur zählen? Denn schließlich ist auch eine Übersetzung eine, wenn auch abhängige, so doch, soll sie funktionieren, eigenständige Schöpfung in der Sprache, in die hinein übersetzt wird. 

Der US-amerikanische Physiker und Kognitionswissenschaftler Douglas Hofstadter, der mit dem Mitte der 1980er Jahre ins Deutsche übersetzten Buch „Gödel, Escher, Bach: ein Endloses Geflochtenes Band“  bekannt wurde, stellt darin die Frage, was Übersetzung überhaupt bedeutet und bringt die Figur des „semantischen Netzes“ ins Spiel. 

Übersetzen bedeute nicht einfach Worte für andere Worte zu finden; übersetzen, das heiße vielmehr, all die Assoziationen, gedanklichen Verbindungen, jenen impliziten Sinnüberschuss, den jede Sprache für die in ihr Sozialisierten mitbringe, zu übertragen. Und wenn man das mache, dann seien die angemessenen Übersetzungen der Romane von Charles Dickens ins Französische eben die Romane etwa eines Emile Zola und keineswegs eine wörtliche Übertragung der Wörter von Dickens aus dem Englischen ins Französische. 

Eine unvermeidbare Unmöglichkeit 

Viele Jahrzehnte vor Hofstadter vertrat der Historiker und Philosoph Franz Rosenzweig eine radikalere Variante dieser These. Letztlich sei jede Kommunikation, jeder Dialog nichts anderes als ein dauernder Übersetzungsprozess: „Übersetzen heißt zwei Herren dienen. Also kann es niemand. Also ist es wie alles, was theoretisch besehen niemand kann, praktisch jedermanns Aufgabe. Jeder muß übersetzen und jeder tuts“, schrieb er. 

„Wer spricht, übersetzt aus seiner Meinung in das von ihm erwartete Verständnis des Andern, und zwar nicht eines unvorhandenen allgemeinen Anderen, sondern dieses ganz bestimmten, den er vor sich sieht und dem die Augen, je nachdem, aufgehen oder zufallen. Wer hört, übersetzt Worte, die an sein Ohr schallen, in seinen Verstand, also konkret geredet: in die Sprache seines Mundes. Jeder hat seine eigene Sprache. Oder vielmehr: jeder hätte seine eigene Sprache, wenn es ein monologisches Sprechen […] in Wahrheit gäbe und nicht alles Sprechen schon dialogisches Sprechen wäre und also – Übersetzen.“ (332)

Rosenzweig sagt also, Übersetzen sei eine unvermeidbare Unmöglichkeit – und das entspricht nicht nur den Erkenntnissen der Kommunikationswissenschaft, denen zufolge Botschaften nicht in der Sendung, sondern erst im Empfang entstehen. Wir alle erfahren es tagtäglich: selbst wenn Worte akustisch einwandfrei übertragen werden, dann bringen sie doch ganz unterschiedliche Bedeutungen – „semantische Netze“ – in denen zum Klingen, die sie hören. Und das ist oft durchaus verschieden von den Bedeutungen, die die- oder derjenige, die oder der sie sprach, mit ihnen verband. 

Und was da im Hören erklingt und anklingt, aktiviert oft Gefühle – werden diese auch für andere erkennbar geäußert, dann spricht man von „Triggern“, Schaltern, die emotional umgelegt werden und Reaktionen hervorrufen, die oft nicht einmal der Person, der das Triggern widerfährt, zur Gänze verständlich sind. So entstehen Missverständnisse. Und wie die Gebrüder Ernst Heinrich, Wilhelm und Eduard Weber, Physiologen im 19. Jahrhundert, einmal das Gehen als eine Art dauernd aufgehaltenes Fallen beschrieben, so könnte man analog Kommunizieren als stetig zu reparierendes Missverstehen auffassen. 

Bitte dreimal durchatmen

Der unschätzbare Wert des von Inka Sauter, Christoph Kasten und Ansgar Martins herausgegebenen Buches „Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig. Geschichte eines Projektes“ besteht darin, an einer ebenso genau wie elegant aufbereiteten historischen Fallgeschichte die Zirkel, die das Kommunizieren zwischen unablässiger Störung und dauernden Reparaturversuchen durchläuft, quälend genau lesbar zu machen. 

Immer wieder möchte man bei der Lektüre eingreifen und laut rufen „Halt! Nein! So war es doch nicht gemeint!“ Oder aber auch: „Muss das jetzt sein? Atme doch bitte dreimal durch, bevor Du antwortest.“ Doch zu spät – schon gibt ein Wort das andere, Lager bilden sich und Unversöhnlichkeiten, Streit entsteht, und hie und da wird Streit auch wieder beigelegt, manchmal an gänzlich unerwarteter Stelle. 

Den kommunikativen Verstrickungen der Beteiligten zu folgen, ist möglich, weil das Herausgeber:innenteam einerseits den publizierten Texten – Kritiken, Antworten, Widerreden, Essays, Kolumnen und so weiter– die unpublizierten Briefe zur Seite gestellt hat, in denen man sich über die publizierten Texte austauscht, echauffiert, Reaktionen plant, und diese andererseits durch zwischengeschnittene Kommentare – an der Kursivierung stets gut erkennbar – kontextualisiert und einzuordnen hilft. 

Die Briefe sind allerdings nicht, wie es in einer wissenschaftlichen Materialsammlung üblich wäre, ungekürzt und vollständig wiedergegeben. Vielmehr wurde eine Auswahl getroffen und auch Kürzungen vorgenommen. Außerdem haben die Herausgeber:innen alle Texte zu thematischen Kapiteln zusammengefasst. 

Neuübersetzer gesucht

Es entsteht auf diese Weise ein außerordentlich gut und spannend zu lesendes Buch und genau darum geht es: für ein interessiertes, aber fachlich nicht vorgebildetes Publikum die Diskussion und ihre Protagonist:innen greifbar werden zu lassen. Nach einem mit 80 Seiten sehr umfänglichen und außerordentlich lesenswerten Vorwort beginnt die Entfaltung der Geschichte mit dem Schreiben Lambert Schneiders an Martin Buber vom  6. Mai 1925. 

Sie endet mit einem Brief der Philosophin Margarete Susman vom 12. Mai 1961, in dem sie sich, inzwischen 88jährig, bei Gershom Scholem für die Zusendung seines Vortragstextes bedankt und „in bündiger Form auf jene Zusammenhänge zu sprechen [kommt], die sich seinerzeit hinter den Kulissen abgespielt hatten“ (453).

Der aus katholischer Familie stammende Student der Theaterwissenschaften Lambert Schneider gründete im Alter von 25 Jahren einen Verlag und nahm sich als erstes Buchprojekt die Publikation einer „erschwinglich[en]“ Neuübersetzung der Bibel vor. Auf der Suche nach einer geeigneten Person für die Übersetzung schrieb er dem damals schon für seine Übersetzungen der Erzählungen der Chassidim, einer mystisch-orthodoxen Spielart des Judentums, sowie sein zionistisches Engagement bekannten Schriftsteller, Religionsphilosophen und Publizisten Martin Buber, der nur zwei Jahre zuvor sein philosophisches Hauptwerk, „Ich und Du“, vorgelegt hatte. 

Schneiders Wunsch traf auf ein bereits vorhandenes Interesse Bubers, der seinen Freund Franz Rosenzweig in das Projekt hineinholte. Rosenzweig, der sich mit dem Gedanken trug, zum Christentum zu konvertieren, hatte sich am Vorabend des Ersten Weltkriegs dem eigenen jüdischen Erbe, jüdischen Studien und der Religionsphilosophie zugewandt und, wie Buber, Übersetzungserfahrungen gesammelt und reflektiert. 

Eingeschränkte Kommunikation

Rosenzweig wurde 1920 zum ersten Leiter des antizionistisch orientierten Freien Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt am Main eingestellt. Man stellt die Entwicklung der jüdischen Kultur in Deutschland über die Gründung eines eigenen Staates. Viele der Protagonist:innen des Streits um die Buber-Rosenzweig-Bibel traten als Vortragende und Unterrichtende am Lehrhaus auf. Und auch das ist wichtig: Die meisten Diskutant:innen kannten einander – einige bereits aus dem Kreis um den charismatischen Rabbiner Nehemia Anton Nobel. Der Streit hatte also nicht nur eine imaginierte, sondern eine ganz reale Beziehungsebene.

1922 erhielt Rosenzweig die Diagnose einer amyotrophen Lateralsklerose (ALS), einer schweren Nervenschädigung, die in kurzer Zeit zur Lähmung des gesamten Körpers und infolge dessen zum Tod führt. Margarete Susman schrieb 1961 an Scholem, Buber habe ihr gegenüber gesagt, „Hauptgrund für diese Unternehmung [die Bibelübersetzung] sei für ihn, Rosenzweig durch diese Arbeit am Leben zu erhalten.“ (455)

Konkret bedeutete das, dass Rosenzweig 1925 nur noch über Bewegungen seiner Augenlider kommunizieren konnte. Unter dem Namen „Rosenzweig“ muss man sich deshalb ein Kollektiv aus ihm sowie den Frauen, die ihn pflegen, betreuen und seine Lidbewegungen für andere in Wort und Schrift übersetzen, vorstellen. Im Buch wird dieses Kollektiv nur einmal sichtbar, nämlich in einem Brief von Edith Rosenzweig, der Ehefrau Rosenzweigs, an Martin Buber, in dem sie diesen um die Drosselung des Arbeitstempos bat und auch auf die eigene Erschöpfung hinwies.

„Nur eine Frau“

Ohne Edith Rosenzweigs intuitives Verständnis der Artikulationswünsche ihres Mannes, ohne ihre eigene Hebräisch-Expertise und ihre kreativen Wortfindungsvorschläge hätte es keine Bibelübersetzung gegeben: die Buber-Rosenzweig-Bibel stützt sich tatsächlich auf zwei Rosenzweigs! „Yet because the men viewed her as a wife providing wifely support – and not as a scholar – they had no compunction about slighting her involvement“, schrieb Amy Hill Shevitz in einem Text, den ich ergänzend zum Buch über das Übersetzungsprojekt zu lesen empfehle, weil dieser Aspekt im Buch eher randständig bleibt.

Gemeinsam entwickelten Buber und (die) Rosenzweig(s) die Vision einer Übersetzung, die den hebräischen Urtext gänzlich neu „verdeutschen“ soll. „Verdeutschen“ ist ein recht guter Begriff, denn er fasst den Geist des Unternehmens: Rhythmen, Klänge, Bedeutungsvielfalt des Hebräischen und vor allem die Intention auf einen laut zu sprechenden Text sollten in den deutschen Text übertragen werden.

Man mochte gerade dem Teil der jüdischen Bevölkerung Deutschlands, der kein Hebräisch mehr spricht, einen Text anbieten, der gewissermaßen ‚auf Deutsch‘ hebräisch ist. Und man wollte der nicht nur von der mittelalterlichen Lebenswelt, sondern auch von christlichen Glaubensüberzeugungen geprägten Übersetzung Martin Luthers eine explizit jüdische Textfassung gegenüberstellen. 

Das Grabmal einer Beziehung

Es wird, so formulierte es der als Erforscher der jüdischen Mystik bekannte Gershom Scholem anlässlich des Abschlusses der Übersetzung durch Martin Buber im Jahr 1961, ein „Gastgeschenk der Juden an Deutschland“ gewesen sein und fährt fort: „Historisch gesehen ist sie nicht mehr ein Gastgeschenk der Juden an die Deutschen, sondern – und es fällt mir nicht leicht, das zu sagen – das Grabmal einer in unsagbarem Grauen erloschenen Beziehung.“ (432) 

1961 sah Scholem in dem Übersetzungsprojekt die Ruine eines Möglichkeitsraumes, und wir, die wir geglaubt haben, auf dem Fundament dieser Ruine ein Haus bauen zu können, sehen es heute (um im Bild zu bleiben) von neuem Hass untergraben und auf diese Weise einsturzgefährdet. Der rechte wie linke Judenhass ist weltweit, aber eben auch in Deutschland, auf einem neuen Höchststand.

Israelfeindlichkeit und Antisemitismus sind ohnehin oft nur schwer unterscheidbar, und eine rechte Regierung in Israel macht es leicht, Kritik und Urteil ineinander verfließen zu lassen, ohne die innerisraelische und innerjüdische Diskussion der Palästinafrage überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Heute also die Diskussion innerhalb vornehmlich jüdischer intellektueller Zirkel der 1920er Jahre zu lesen – aus einer Zeit also, die noch offen war für verschiedene Zukünfte des Judentums in Deutschland –, ist also weit mehr als ein rein philologisch-historisches Unternehmen.

Denn ein Kernpunkt der Diskussion ist die Frage, welche Rolle die Religion in der Moderne insgesamt und darin das Judentum einnehmen soll, kann oder darf. Kommt das Unternehmen einer Übersetzung des Tanach, also der im Christentum als ‚Altes Testament‘ bekannten biblischen Bücher, zu einem „geeigneten“ oder überhaupt nur „möglichen“ Zeitpunkt? Oder hätte das längst geschehen sein müssen, um noch wirksam zu werden? Kann der Tanach noch als „lebendiges Wort Gottes“ übersetzt werden oder nur noch als altorientalischer Text mit historischem Apparat?

Rückwärts gewandt?

Genau an dieser Stelle setzte die Kritik des heute vor allem für seine Filmtheorie und seine soziologischen Analysen bekannten Siegfried Kracauers ein. Kracauer hielt das gesamte Unternehmen schlicht für falsch: Er war überzeugt – und da wusste er sich mit anderen, etwa Walter Benjamin, der seiner Kritik beipflichtete, einig –, dass der „Zugang zur Wahrheit“ in der Moderne nicht mehr religiös möglich ist, sondern nur noch „im Profanen“ (198) liege. 

Das eben sei bei Luther noch anders gewesen. Luthers Bibelübersetzung sei nicht nur sprachlich, sondern auch politisch revolutionär, weil sie zu einem Zeitpunkt, als das Leben eben noch nicht durch und durch säkularisiert war, dem herrschenden Klerus das Werkzeug der Macht – die lateinische Bibelübersetzung des Hieronymus, die sogenannte „Vulgata“ – entrissen habe, um sie „aus den unnahbaren Sphären in das Volksleben hinein“ zu holen.

Eben aus dieser Intention auf Profanisierung des Sakralen heraus behalte Luthers Übersetzung bis in die Gegenwart hinein ihre Berechtigung. Revidiere man jedoch, wie, Kracauers Meinung nach, Buber und Rosenzweig heute diesen Schritt durch eine willentliche Resakralisierung des Textes, so handele es sich um ein nicht nur rückwärts gewandtes, sondern schädliches Unternehmen. 

Kracauer betonte, dass er den deutschen Text ohne Kenntnis des hebräischen Originals als deutschen Text beurteile. Und, ganz gleichgültig, wie nah die sprachlichen Wendungen, die Buber/Rosenzweig gefunden haben, dem Urtext tatsächlich seien, sei der Effekt dieser „Verdeutschung des Hebräischen’“doch ein ganz anderer: Er klinge wie die Stabreime des alliterationsbesoffenen Richard Wagner. Das war nun wohl ein sehr gezielter Tiefschlag, denn Wagner war ein bekennender Antisemit (siehe seinen gegen seinen Gönner, den jüdischen Komponisten Giacomo Meyerbeer, gerichteten Text „Das Judenthum in der Musik“ von 1850). Insgesamt ist der Ton von Kracauers Kritik hoch polemisch. Das kann man so verstehen, wie Walter Benjamin oder auch Ernst Bloch es verstanden haben: nämlich der Dringlichkeit der (politischen) Sache angemessen. Hier führte tatsächlich jemand einen Kampf. 

Aus Versehen Altpapier

Das verstand auch die Gegenseite sofort. Das Problem mit Kracauers Kritik ist allerdings auch ihr Publikationsmedium, der für die intellektuellen Debatten der Weimarer Republik zentralen Frankfurter Zeitung. Da musste man nun entweder selbst hinein oder aber andere Wege großer Publizität finden – und so begann jenes Spiel, das ich oben beschrieben habe. 

Worauf die erheblichen bewussten und unbewussten Verletzungen, die schrill ausgestellt oder leise erlitten werden, in dieser Debatte beruhten, kann man nur, wenn auch mit guten Gründen, vermuten. Kracauer plante offenbar von vornherein einen Verriss, das wird in einem kolumnistischen Vorgeplänkel seiner Kritik deutlich: Dort stürzte er sich voll Ironie auf einen Druckfehler in der Bewerbung der Bibelübersetzung, die, so kann man in der Anzeige lesen, auf „Altpapier“ gedruckt sei. Nun waren Buber/Rosenzweig aber keine Vorreiter des Recyclings, sondern aus dem eigentlich gemeinten „Alfapapier“, um das der Verleger sich extra in England bemühen musste, wurde im Druck eben bloßer Müll: Altpapier. 

So aufgeschreckt sah das Übersetzer:innenteam Kracauers Verriss kommen. Die eine Zeitlang mit Kracauer befreundete Philosophin und Schriftstellerin Margarete Susman versuchte zu intervenieren. Susman ist die einzige Frau, die in dieser Debatte deutlich sichtbar wurde. Sie fand Kracauers Angriff nicht nur inhaltlich falsch, sondern vor allem, angesichts der Krankheit Rosenzweigs, menschlich schäbig. Susman war eine Freundin Edith Rosenzweigs und mit der familiären Situation bestens vertraut. Sie begleitete die Diskussion nicht nur brieflich hinter den Kulissen, sondern publizierte selbst Beiträge dazu. 

Zumeist reagierten Buber/Rosenzweig auf Kritik philologisch und gingen damit aber am Kern der Sache vorbei, wie Kracauer festhielt. 

Ein vielstimmiger Chor

Als Katholik bin ich mit der sogenannten „Einheitsübersetzung“ aufgewachsen. Schon das Deutsch der Lutherbibel schien mir fremd. Vor ein paar Jahren habe ich eine Bibelübersetzung gesucht, die näher am Original war: ich wollte den Text als fremden. Dabei ging es mir nicht um eine religiöse Wahrheit oder einen Glauben. Den hatte ich längst verloren. Es ging mir gerade im Gegenteil darum, einen Zugang zu einem kulturhistorisch so bedeutsamen Text wie dem sogenannten „Alten Testament“, dem Tanach, jenseits christlicher Interpretationen. 

Da ich kein Hebräisch spreche, kaufte ich die Buber-Rosenzweig-Übersetzung und fand mich von einem Text angesprochen, der erkennbar nicht aus unserer Zeit war – vielleicht der Zeit seiner Entstehung näher. Ich konnte die Worte neu hören, weil sie mir eben nicht vertraut waren. 

Allerdings, das muss ich ergänzend zugeben, wäre mir die Übersetzung mit Kommentar (so wie es Kracauer gefordert hatte) noch hilfreicher gewesen. Wo ich in den Reaktionen von Buber und Rosenzweig auf Kritiken und Verrisse etwas über die Gründe für die Wahl eines Wortes oder einer Wendung erfahre, da bereichern diese auch mein Textverständnis und mit ihm auch meine Freude an der Lektüre. 

Freilich mag ich als Philologe da einer gewissen déformation professionelle unterliegen, denn gerade dort, wo Nicht-Philolog:innen die Lust am Text an ein Ende kommen sehen, nämlich in seinen Kommentierungen, Besprechungen, im Geflecht seiner widerstreitenden oder zunehmend erhellenden Interpretationen, da tönt mir ein vielstimmiger Chor, ein Bedeutungsreichtum entgegen, der ohne die rahmenden und begleitenden Texte stumm bliebe.

Was mir besonders eingeleuchtet hat, ist das Gewicht, das die Übersetzenden der sinnhaften Physis der von ihnen gewählten Worte zuschreiben. Diese Körperlichkeit der Sprache erschließt sich in der lauten Lektüre. 

Über den NS-Terror hinaus

Und so führt der Streit um Worte schließlich auf Körper zurück, auch auf die Leiblichkeit der Diskutierenden: auf den stotternden Kracauer, dessen Rede – lang vor der Bibelübersetzung – Rosenzweig im Jüdischen Lehrhaus verlesen musste und den polemos, den Krieg, den dieser dann in der Schrift gegen einen führte, der ihm die Stimme geliehen hatte und der nun selbst nicht mehr sprechen und auch nicht mehr schreiben konnte. Gegen einen, dessen Medium eine Frau wird, die selbst hinter dieser Aufgabe verschwindet. Gegen den Arzt (Richard Koch), der sich um den Körper des gelähmten Philosophen kümmert und dann öffentlich die erste negative Kritik verfasste zur Übersetzung jenes Buches, das Buber/Rosenzweig „Das Buch Im Anfang“ nannten.

Bei dessen allerersten Bewerbung mussten übrigens Übersetzende und Verlag mit den Tücken der Schrift oder des professionellen Auges eines Setzers leben, der aus der Majuskel zur Freude der Kritiker eine Minuskel machte und so den Buchnamen in einen bloßen Beginn umdeutete: „Das Buch im Anfang“. 

Ich denke an die lebendige Gemeinde laut Lesender, die anzusprechen, zu begeistern, vielleicht überhaupt erst (wieder) entstehen zu lassen der Text im Sinn hatte, und an das Netz einander Bekannter, aber in Lager sich Zersplitternder. Wenige Jahre nach der Kontroverse blieb, wie Scholem schrieb: ein Grabmal.

Und ich denke an die Rückkehr der Überlebenden der Frankfurter Schule, von denen ja viele direkt oder indirekt an der Kontroverse beteiligt waren und die entscheidend zum Wiederaufbau des intellektuellen Lebens in der BRD nach Ende des NS-Terrors beigetragen haben. 

Vorbedingung: kulturell anregend

Ich denke an den Erben der Frankfurter Schule, den großen Jürgen Habermas, dessen Kommunikationsmodell auch das eines Jungen mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte war: klar sprechen, klar kommunizieren. Habermas habe seine Vorlesungen immer damit begonnen, so erzählte mir mein Philosophieprofessor in Paderborn, seine Studierenden dazu aufzufordern, ihm auf den Mund schauen, damit sie ihn verstünden. 

„Die dramatische Intervention [der Korrektur der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Kleinkindalter] könnte das Gefühl von Abhängigkeit und Verletzbarkeit verstärkt, aber auch den Sinn für die Relevanz des Umgangs mit Anderen verstärkt haben“, formuliert Habermas in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Kyoto-Preises im Jahr 2004. „Wir Menschen lernen voneinander. Und das ist nur im öffentlichen Raum eines kulturell anregenden Milieus möglich.“

Es ist das Verdienst der Herausgeber:innen des besprochenen Bandes, ein solch anregendes kulturelles Milieu, das vor dem Krieg zentral war für die intellektuelle Geschichte Deutschlands, wieder und anders als bisher hörbar gemacht zu haben. Und es ist schmerzlich zu lesen, wie das Ringen um eine Übersetzung hier eben nicht in eine Bewegung aufeinander zu geführt hat. 

Inka Sauter/Christoph Kasten/Ansgar Martins (Hg.): „Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig. Geschichte eines Projektes“, Frankfurt a.M. 2025, 38 Euro

Alle Fotos: Wikipedia

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert