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Who, the fuck, is Hedwig? oder Wer ist diese geheimnisvolle Frau?

Von daniB
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Fotos Ilja Mess

Am Theater Konstanz inszeniert Susi Weber das punkverrockte Musical „Hedwig and the angry inch“ von John Cameron Mitchel und Stephan Trask, uraufgeführt 1998 am Off Broadway. „Die Leute blieben in Scharen fern“, so Mitchel rückblickend. Erst als sich Musiker wie Lou Reed und David Bowie als Fans outen, wurde es 2001 verfilmt und feierte dann 2014 erfolgreich Premiere am Broadway.

Hansel – noch with a Schwanzel – wächst in der DDR auf. Sucht seine Ganzheit in einer ebenfalls geteilten Stadt. Glaubt seine fehlende Hälfte in Luther Schmidt aus den USA gefunden zu haben, der ihm, dem zarten, mädchenhaften Jungen einen Ausweg bietet. Raus aus der Tristesse – nicht als Hansel, sondern als Hedwig. Doch der Arzt ist auch nicht ganz bei sich und so bleibt Hedwig „the angy inch“ erhalten.

„Hedwig ist wie die Mauer, steht vor Euch auf der Grenze zwischen Ost und West, Unterdrückung und Freiheit, Mann und Frau. Hallo! Ihr missachteten Kreaturen und geschändeten Opfer einer unnatürlichen Teilung, ich, selbst missachtet und geteilt, grüße Euch! Die meisten von Euch kennen meinen Namen wohl erst seit kurzem.“ Erzählt wird – aus US-amerikanischer Sicht, wie aus dem mädchenhaften Hansel die weltweit ignorierte Chanteuse Hedwig wurde.

Die Hauptrolle spielt die Musik. Wild, aufpeitschend, ruhig und seelenergreifend! In Konstanz gespielt von einer – wieder einmal – überragenden Band aus Wolfgang Kehle (git), Albert Arpi Kettler (bass), Frank Denzinger (drums) und Rudolf Hartmann an den Tasten.

Take a walk on the wilde side

„Wer ist diese geheimnisvolle Frau?“ – diese Frage stellt Ingo Biermann als Hedwig auf der Suche nach seiner anderen Hälfte. „Aber ist es ein Er oder ’ne Sie? Wie sieht dieser Mensch wohl aus? Genauso wie ich? Oder vervollständigt es mich?“.

Biermann ist eine Naturgewalt. Beherrscht die Bühne, reißt mit. Röhrt und rockt und ist doch am eindringlichsten in seinen leisen, verletzten Tönen. Ein Schauspieler, der Seelenqualen offenbart. Und dabei ein Sänger und Musiker, der weit über sich hinauswächst. Er lebt die Bühne, er lebt die Musik.

Das zeigte sich schon bei „It takes one to know me“, dem Abend über Johnny Cash, den er gemeinsam mit André Rohde und Laura Lippmann bestritt, 2016 als Neil Young in „I`m glad, I found you“, als Judas Ischariot in „Jesus Christ Superstar“, als Cyrano auf dem Münsterplatz, in „Cabaret“, in der Junk-Oper „Shockheaded Peter“ oder zuletzt in „NINA Mother of Punk“ zusammen mit Katrin Huke, Svea Kirschmeier und Anne Rohde. Und da ist er auch nun wieder – voller Leidenschaft. Und mit der „geileren Gitarre“ – ist ja auch seine persönliche. Eigens für Hedwig organisiert.

An Biermanns Seite Anna Lisa Grebe – Neuzugang am Konstanzer Theater – als Yitzhak mit wunderbarer Gestik und ausgebildeter Stimme. Teilt Hedwis Leid und leidet unter ihrer Wut und Überheblichkeit. Und hat doch am Ende die ganz großen Momente! Besonders dann, wenn der Soul sich in ihre Stimme schmeichelt. Wenn Hedwig Ihr Drag ablegt, ein verletzliches Selbst zeigt und Yitzhak Raum lässt.

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Fotos Ilja Mess

Auf der Suche nach der zweiten Hälfte

Ein großes queeres Thema mit der Berliner Mauer als Metapher und den Dualitäten Mann/Frau, oben/unten, Ost/West, Realität/Fiktion und dazu Platons „Kugelmenschen“, zerschlagen von den Göttern und seither auf der Suche nach dem fehlenden Stück. Ein Thema, das jeden anspricht. Denn wer ist schon mit sich im Reinen, fühlt sich als Ganzes? Wer ist nicht auf der Suche nach seinem eigenen Selbst, nach Vollkommenheit?

Ein Musical, das auch Menschen anspricht, die eigentlich keine Musicals mögen. Getreu Hedwis Motto: „Lou Reed! … Iggy Pop! … Oder David Bowie! … Diese Musiker hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck… She said: Hey babe, take a walk on the wild side. I said: Hey honey, take a walk on the wild side…”.

Das Theater Konstanz hat gut daran getan, Hedwig in die bewährten Hände eines eingespielten Regie-Teams zu geben. Susi Weber, der nach eigener Aussage der Punk nähersteht als das Musical und die bei Hedwig „mit den Mitteln des Musicals behauptet, es wäre Punk Rock“. Luis Graninger, der von den Konstanzer Werkstätten eine beeindruckende Kulisse schaffen ließ, eine abgefuckte Bar mit großer US-Flagge, eine mit Stickern bepflasterte Theke, darüber ein alles verschlingender Haikopf. Und Katia Bottegal, deren Kostüme, Perücken und Masken nicht ausgefeilter, verrückter und passender sein könnten. Alle drei überzeugten schon 2022 bei „Shockheaded Peter“, sowie 2024 bei „Der kleine Horrorladen“ und dem Familienstück „Gangsta Oma“.

daniB

Weitere Vorstellungstermine: 14.03., 20.00 Uhr | 17.03., 20.00 Uhr | 18.03., 15.00 Uhr | 19.03., 20.00 Uhr | 26.03., 19:30 Uhr | 27.03.,19:30 Uhr | 28.03., 20.00 Uhr | 04.04., 20.00 Uhr | 08.04., 20.00 Uhr | 10.04.2026, 19:30 Uhr | 11.04.2026, 20.00 Uhr

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