Wasserzeichen heft 2 – faust

„Wasserzeichen“: Gesänge, Fäuste und junge Zähne

Von Albert Kümmel-Schnur
Wasserzeichen heft 2 – faust

Im letzten Jahr haben sich sechs Studierende der Universität Konstanz zusammengetan, um eine neue Zeitschrift zu gründen. Das dritte Heft, „Milchzahnketten“, ist gerade erschienen. Der Autor hat die ersten Hefte gelesen und die Redaktion interviewt.

Wir treffen uns virtuell. Das ist angesichts der Termindichte am einfachsten. Fünf der sechs Redaktionsmitglieder der neuen Zeitschrift Wasserzeichen blicken mir aus den Kacheln der Zoom-Galerie entgegen: Pablo Moosmayer, Lea Eckes, Tante Bea, Niko Hönig und Philo. Außerdem gehört Clara Goldammer zum Team. Vier studieren Literatur-Kunst-Medien, eine Person Soziologie und eine Psychologie. Die Stimmung ist entspannt, die Fröhlichkeit und begeisterte Energie der Blattmacher:innen ansteckend.

Beim Essen in der Mensa konkretisierte sich die Idee, gemeinsam eine Zeitschrift zu machen. Gedruckt, nicht online. Es sollten nicht nur Texte sein, sondern auch „irgendwas mit Kunst“. Vor allem Philo und Pablo engagieren sich stark für die graphischen Elemente der Zeitschrift. Beide veröffentlichen auch selbst regelmässig Bildbeiträge. 

Wer Geisteswissenschaften studiert, meint eine:r, hegt oft auch den Wunsch, etwas Schönes tatsächlich umzusetzen. Und so begreifen sie bereits das gemeinsame Essen als eine Praxis, die sich fortsetzt in der Praxis des Zeitschriftenmachens. „Dafür“, setzt jemand hinzu, „habe ich angefangen zu studieren“. Es sei vor allem „die Magazine-Idee“ gewesen, die dann gezündet habe. Man habe anknüpfen wollen an die Ästhetik alternativer, experimenteller „Fanzines“, wie es sie vermehrt in den 1990er und frühen 2000er Jahren gab. „Deswegen ist Wasserzeichen ja auch nicht gebunden. Der Druck soll ganz bewusst ‚roh‘, ‚unsauber‘ anmuten. 

Authenzität am Bodensee

Fanzines waren Szenepublikationen von Fans für Fans. Das Magazin szeneRadar definiert: „Fanzines sind von Fans erstellte Magazine, die meist ohne kommerziellen Zweck entstehen. Sie sind oft liebevoll und mit großem Aufwand produziert […]. Die Inhalte sind meist spezialisiert, etwa auf Musikgenres, Rollenspiele oder Phantastik.“ (https://magazin.szene-radar.de/byTag/fanzines) 

Der Mut zum Experiment gehört für die Wasserzeichen-Macher:innen ebenso dazu wie die Anmutung des Unfertigen, vielleicht auch Fehlerbehafteten. Auch die Entscheidung gegen Farbdruck ist deshalb nicht nur den höheren Kosten geschuldet. Als Bezugspunkte werden eher Strömungen in der Bildenden Kunst – im Gespräch werden Expressionismus, Dada, Situationismus genannt – gesucht, weniger in musikalischer Fankultur (Metal etwa oder später Punk). Das ist aber eher als „Schatz mit spannenden publizistischen Ideen“ denn als nerdiges Verweisspiel zu sehen. „Wir möchten eine möglichst breite Leser:innenschaft ansprechen.“

Wasserzeichen redaktion gruppenfoto
Wasserzeichen-Redaktion

Wasserzeichen – das signalisiert für uns zunächst die von uns allen sehr geschätzte Nähe zum Bodensee. Aber es ist auch eine Positionierung im Umfeld von Digitalisierung und KI-generierten Content. Wasserzeichen – das ist auch eine Urheberrechtsfrage.“ Es geht um Authentizität auf ganz verschiedenen Ebenen: die Authentizität des Ausdrucks einerseits, aber auch die Authentizität aktueller Stimmungslagen. „Das Thema ist schon das, was uns alle in dem Moment beschäftigt.“ – „Wir haben einen Rahmen. Aber wir haben keine Richtung. Wir sind ‚frei‘, wir sind ‚organisch‘.“

Anders offen

Neben dem Begriff des Authentischen benutzen die Mitglieder der Redaktion häufig das Wort „anders“ zur Selbstbeschreibung. Das, was sie machen, soll „anders“ sein. Dieses „anders“ wird im Gespräch nicht klar definiert, wendet sich aber, so scheint mir, gegen eine als Mainstream wahrgenommene Kultur, ohne sich jedoch als eine szene-immanente Grenzziehung mit entsprechenden Ausschlüssen zu verstehen.

„Relativ frei“ und „offen“ sind Worte, die die Redakteur:inn:e:n benutzen, um sich dem als „anders“ Empfundenen anzunähern. „Anders“ ist also wohl zunächst eine Figur des Entzugs, ein deutlich fluides Element, das ja ebenfalls enthalten ist im Begriff des „Wasserzeichens“. Zeichen auf dem Wasser lassen sich, wenn überhaupt, so nur einen Lidschlag lang lesen.

Wenn Wasser selbst zum Zeichen (oder Symbol) wird, dann soll Bewegtheit und Flüchtigkeit betont werden. Dass Zeichen wie Wasser sind, gehört zu den wichtigsten Überzeugungen schon strukturalistischer (und recht erst poststrukturalistischer) Theorie: Maus, Haus, Laus, raus – Bedeutungen haften den Zeichen nicht an, sondern entstehen in ihrem dauernden Verschub und in der Beziehung zu anderen Zeichen. Raus Haus Laus Maus – schon die Änderung der Reihenfolge, das Weglassen von Interpunktionszeichen zumal, öffnet bei gleichbleibenden Wörtern neue Beziehungen und Bindungen, die, schwebend, Bedeutung entstehen lassen. 

Fragen an Tante Bea

Dazu passt der Vorschlag zum „kreativen Recyclen“, der sich am Ende von Heft 1 und 2 findet, gut. Eine ungeheftete, ausgelesene Zeitschrift kann man wegwerfen. Man kann sie aber auch falten und als Segelboot, Flying Dutchman oder doch, Vorsicht Bildbruch!, eher Flaschenpost sei dahingestellt, vorsichtig aufs Wasser setzen. Manche Boote erreichen neue Ufer. 

„Wir trudeln auf den Wellen des Diskurses wie ein Schiffchen auf dem Wasser. Wir tauchen auf, fallen den Leuten in die Hände und werden dann im besten Fall weitergetragen.“ Zumindest als Bild: „Instagram Challenge | Mach ein Foto von dir und deinem Wasserzeichen-Segelbootauf dem Bodensee, poste es auf Instagram und tagge uns in deinem Post.“ So wird noch das, was vom Gelesenen übrig bleibt, wieder eingespeist in den Strom der Zeichen und das analoge Druckerzeugnis Teil einer digitalen Community. 

Denn eine Community oder Fans braucht dieses Fanzine, um sich weiterzuentwickeln. Denn „anders“ meint auch immer: andere. Teilhabe, Mitmachen, selbst aktiv werden, Prosument werden: das ist ein Ziel von Wasserzeichen. Am Ende der Hefte wird aufgerufen zur Einsendung von Beiträgen – bitte zeichenbegrenzt und anonym; man möchte die Auswahl nicht an Personen orientieren oder von ihnen beeinflussen lassen. Und man bietet unter dem schmissigen Titel „Tante Bea spills the tea“ zusätzlich einen Service für alle an, die gern einer Trans*Wissenschaftlerin Fragen stellen möchten.

Gedankenskizzen, Poesiesplitter, Texttrümmer

Instagram Challenge, Genderpronomina, Transgender-Beratung – trotz einer an Jugendstil oder William Blake orientierten Visualität und obwohl anspruchsvolle und voraussetzungsreiche Lyrik den Großteil der Texte ausmacht, ist Wasserzeichen kein nostalgisches Projekt, sondern durch und durch an gegenwärtigen Themen und Debatten interessiert. 

Das erste Heft ist „Gesang der Sirenen“ übertitelt und vereint spielerische „Pink out“-Poesie, bei der Leser:innen aufgefordert werden, ein Gedicht durch Ausstreichen von Wörtern zu verändern, mit einem lyrischen Gedenken an ein SS-Massaker in einem griechischen Dorf, bei dem 218 Menschen ermordet wurden, um mit einer Anleitung zu einem Blutopfer, das die opfernde FLINTA*-Person als Sirene ermächtigt, zu enden. Das ist eine weite Strecke für ein Heft von nicht einmal 20 Seiten.

„Gedankenskizzen, Poesiesplitter und Texttrümmer“ versprach das Vorwort und daran hat sich das Heft strikt gehalten. Mittendrin erscheint ein Text sogar so, als sei er ein Ausriss aus einem größeren Ganzen, einem Tagebuch vielleicht. Wasserzeichen will das Unzusammengehörige eher kuratieren als organisch fügen.

Passenderweise heisst das Folgeheft dann „Wie die Faust aufs Auge“. „Alles muss immer passen im Leben / Wie die Faust aufs Auge“, lese ich im ersten Text des zweiten Heftes. Eine als „Saga“ firmierende Autorin beklagt darin den Zwang zur Uniformität. Es folgen ein zigarrerauchender Kommissar, der Nietzsche ähnlich sieht und Ludwig Feuerbach als Leiche findet. Danach fragt jemand nach Punk. Amanitas arbeitet sich an Goethes Faust ab und im Studierzimmer des nächsten Textes trifft Fausta im Cyberspace einen Pudel, der doch bloß ein Dick-Pic ist, und das Heft bleibt mit einer Manga-Neuinterpretation des Prozesses gegen Faust beim klassischen Thema.

Tante Bea beantwortet die Frage, ob eine Trans*Frau doch nicht lieber eine Cis*Frau wäre mit einem mephistophelischen Gedankenexperiment und schon, aus die Maus, geht es ans Schiffchenfalten beim kreativen Heftrecyclen.

Fäuste bei der Disputatio

Das zweite Heft las sich für mich – wohl wegen der vielen Faust-Bezüge oder aber der fehlenden gereckten Fäuste – etwas eindimensionaler als das erste. Was mich noch gespannter auf das dritte Heft werden ließ. Denn etwas gelingt der Redaktion ziemlich gut: einen Resonanzraum zu öffnen, der tatsächlich vieles hörbar macht. 

Und was mir auch sehr gut gefällt, ist der Mut zum anspruchsvollen Experiment – der Manga, so höre ich im Gespräch, war der erste Schritt auf neuem Gelände für die unter dem Kürzel „brutal“ firmierende Künstlerin. Tante Beas Votum für bedingungslose Selbstannahme gilt und sollte grundsätzlich und für alle gelten, egal, welches Pronomen sie für sich in Anspruch nehmen. Was mich fasziniert, ist die Frage, warum „Faust“ immer noch ein Referenztext zu sein scheint. Wenn ich recht sehe, ist die Germanistik weit davon entfernt, ihn dauernd wiederzukäuen. Vielleicht ein Erbe schulischer Lektüren?

„Faust-Editionen“ war eines der drei Themen meiner Disputatio, jener mündlichen Prüfung, die eine Promotion zum Abschluss bringt. Und ich habe mich dann von Zeit-Feuilleton zu Harald-Schmidt-Late-Night-Shows gewundert, dass es einfach kein Ende nehmen wollte mit dem ewigen „Faust“, der allerdings weniger diskutiert wurde als als Chiffre für „bürgerliche Bildung“ schlechthin zu dienen. Die Fäuste auf Fausts Augen lassen zumindest vermuten, dass es da noch etwas abzuarbeiten gibt: Bigotterie als Bildungsinhalt zum Beispiel.

Der schwere Job des Zahnmärchens

Und da ist es nun, das dritte Heft. Ich finde es in der Auslage auf dem Gang des Gebäudetrakts H der Universität, wo sich Büros der Geisteswissenschaften befinden. Ein maskenartiges Gesicht heult mich irgendwo zwischen Edvard Munch und der Scream-Horrorfilmserie aus dunklem Wald an, eine Kette mit Zähnen schlingt sich um die Schultern, darunter in zuckersüßer kursivierter Retroserifenschrift der Schriftzug „Milchzahnketten“. 

Die Kette verbindet die Vorderseite des Heftes mit seiner Rückseite, wo sie im Zopf eines Mädchens endet, das still verträumt vor dunklem Mond in den Wald schaut. Drinnen eben jene Düsternis, die der Umschlag androhte: es geht um sexuelle Gewalt, um toxische Männlichkeit. Zweimal blicke ich in endlos sich vervielfältigende Zahnschlünde auf Doppelseiten – einmal menschliche, ein zweites Mal Haizähne, letztere rahmen einen Text, der von den „alten weißen Haien“ an der Spitze der Nahrungskette unserer Gesellschaft erzählen. 

Die Zahnfee ist ein weniger harmloses Wesen, so lerne ich, als ich dachte. Ein Zwischenwesen auf der Schwelle zum Erwachsenwerden: Milchzähne muss man loswerden, wenn man heranwächst, Milchzähne bewahrt man auf in Kästchen, Döschen, Säckchen. Doch wie lange will man sie mit sich herumtragen? Alte Wäsche? Nicht verarbeitete Traumata? Schöne Erinnerungen? „vielleicht trägt jeder/ so eine kette / ein leises gewicht / das daran erinnert/ dass man einmal kleiner war/ mutiger vielleicht / oder einfach nur/ ganz.“ In einem der wenigen eher heiter gestimmten Texte lese ich: „being a tooth fairy is not an easy job“. Und so manch eine:r wünscht sich ihre:seine Milchzähne, die ihr:ihm vor der Zeit genommen wurden, zurück.

Die Pläne für die Zukunft sind vielfältig. Auf jeden Fall will man mehr Beiträge von Leser:inne:n abdrucken. „Dafür müssen wir bekannter werden.“ Ich drücke dem Team alle Daumen, die ich habe und wünsche dem Experiment Wasserzeichen eine große Zukunft.

PS:  Die Zeitschrift Wasserzeichen erscheint in unregelmäßigen Abständen und ist kostenlos. 

Foto/Illustrationen: Wasserzeichen-Redaktion

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