S.röth, foto t. braun

Sozialbericht des Landkreises – der Bedarf an staatlicher Unterstützung wächst

Von Sibylle Röth, Kreisrätin „Die Linke“
S.röth, foto t. braun

Am 9. Februar 2026 wurden im Sozialausschuss des Kreistags Konstanz die aktuellen Zahlen zur Entwicklung der Sozialleistungen zwischen 2020 und 2024 vorgestellt. Der Bericht dokumentiert deutlich steigende Ausgaben – und macht sichtbar, wo die Ursachen liegen. Besonders ins Gewicht fallen dabei die Wohnkosten im Landkreis.

Der Sozialbericht zeigt: Marktversagen wird sozialpolitisch teuer

Der „Sozialleistungsbericht des Landkreises Konstanz“ für die Jahre 2020 bis 2024 ist ein nüchternes Verwaltungsdokument. Doch wer ihn liest, erkennt schnell: Der Anteil der Bevölkerung, der auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, ist im Betrachtungszeitraum gestiegen und hat 2024 einen Höchststand erreicht. Gleichzeitig verdeutlicht er, dass zentrale soziale Risiken – steigende Wohnkosten, unsichere Erwerbssituationen, unzureichende Alterseinkommen und knappe Familienbudgets – zunehmend im kommunalen Sozialetat sichtbar werden.

Der Anteil der Menschen im Landkreis, die auf existenzsichernde Leistungen angewiesen sind, ist im Berichtszeitraum gestiegen und lag 2024 bei 5,75 Prozent. Das entspricht am Stichtag 16.773 Personen – das sind keine „Einzelfälle“, sondern ein spürbarer Teil der Bevölkerung. Diese Entwicklung ist kein Zufall und kein individuelles Problem: Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen – oder ihres Ausbleibens.

Der Wohnungsmarkt produziert soziale Notlagen

Besonders deutlich wird die soziale Belastung beim Thema Wohnen. Die Kosten für Unterkunft und Heizung sind der größte Ausgabenposten im Sozialbereich. Auffällig ist zudem, dass die Ausgaben für Mietschulden im Jahr 2024 außergewöhnlich stark angestiegen sind. Solche Entwicklungen müssen uns aufrütteln: Wenn Haushalte ihre Miete nicht mehr zahlen können, drohen Wohnungsverlust, Überschuldung und soziale Notlagen.

Zugleich wird dadurch sichtbar, wie stark ein angespannter Wohnungsmarkt auf die soziale Sicherung durchschlägt. Steigende Mieten werden zunehmend zu einem Risiko, das nicht nur einzelne Haushalte, sondern auch die kommunalen Finanzen belastet. Nicht nur als einzelne Mieter:innen, auch als Solidargemeinschaft tragen wir die Kosten, die bei großen Wohnkonzernen als Renditen und Gewinne verbucht werden.

Auch bei den existenzsichernden Leistungen insgesamt zeigt der Bericht einen Anstieg über den angegebenen Zeitraum, insbesondere im Bereich des SGB II: Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften ist um satte 12,8 Prozent gestiegen. Das entspricht einer Arbeitswelt, in der Sicherheit brüchiger wird: Wenn Löhne nicht mit den Lebenshaltungskosten Schritt halten, wenn Beschäftigung unsicher wird und Preise steigen, wächst zwangsläufig der Bedarf an staatlicher Unterstützung. Der Sozialetat muss dann auffangen, was auf dem Arbeitsmarkt schiefläuft. Wer daraus ein „Versagen der Betroffenen“ machen will, verdreht Ursache und Wirkung.

Alters- und Kinderarmut sind kein Randphänomen

Besonders alarmierend ist die Entwicklung bei der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung. Der Bericht zeigt, dass mehr Menschen im Rentenalter auf ergänzende Leistungen angewiesen sind – und er benennt ausdrücklich, dass das Mietniveau im Landkreis dabei eine wesentliche Rolle spielt. Das ist ein politisches Armutszeugnis: Wer ein Leben lang gearbeitet hat, sollte im Alter nicht auf Grundsicherung angewiesen sein. Dass dies zunehmend Realität wird, ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis einer Politik, die Renten schwächt und steigende Wohnkosten hinnimmt.

Kinderarmut taucht im Sozialbericht nicht als eigene Kennzahl auf. Doch der Druck auf viele Familien wird indirekt sichtbar: Die Aufwendungen für Bildungs- und Teilhabeleistungen haben sich seit 2020 nahezu verdoppelt und lagen 2024 bei über zwei Millionen Euro. Das ist eine deutliche Verschiebung im Sozialhaushalt – und ein alarmierendes Signal! Teilhabe an Bildung hängt für viel zu viele Kinder immer häufiger am Antrag, weil die finanziellen Spielräume der Familien nicht reichen.

Auch bei den Hilfen zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten zeigt sich ein deutlicher Anstieg der Kosten. Die Nettoausgaben sind im Betrachtungszeitraum um rund 59 Prozent gestiegen. Ein wesentlicher Kostentreiber ist dabei das ambulant betreute Wohnen, dessen Entwicklung maßgeblich vom angespannten Wohnungsmarkt beeinflusst wird. Wenn bezahlbarer Wohnraum fehlt, verlängern sich Unterstützungszeiträume, Übergangslösungen werden teurer und soziale Hilfesysteme müssen Aufgaben auffangen, die eigentlich wohnungsmarktpolitisch gelöst werden müssten.

Dieser Sozialbericht ist ein politischer Auftrag

Der Sozialleistungsbericht enthält keine politischen Bewertungen – aber seine Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Steigende Sozialausgaben sind kein Beleg für einen „zu großzügigen Sozialstaat“, sondern die Folgekosten eines Wohnungsmarkts, der sich immer weiter vom Bedarf entfernt hat, und einer Wirtschaftspolitik, die wachsende Einkommensunsicherheit hinnimmt.

Wer behauptet, wir könnten uns den Sozialstaat nicht mehr leisten, verdreht die Realität. Vielmehr können wir uns keine Regierung mehr leisten, die soziale Risiken dem Markt überlässt und die Rechnung am Ende den Kommunen und den Betroffenen präsentiert. Wer diese Probleme nicht an der Wurzel angeht, wird weiter Sozialberichte schreiben, in denen die Zahlen steigen.

Gerade im Landtagswahlkampf muss dieser Bericht ernstgenommen werden. Er zeigt, dass soziale Sicherheit nicht durch Appelle entsteht, sondern durch politische Entscheidungen: durch bezahlbaren Wohnraum, durch existenzsichernde Arbeit, durch eine Rente, von der man leben kann, und durch echte Teilhabe für Kinder – ohne Stigma und ohne Hürden.

Bild: Sibylle Röth am Wahlkampfstand der Linken 2026 (© Tobias Braun)

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