Protest indischer indigener gegen landraub und vertreibung © wikimedia commons

500 Jahre Unterwerfung, 500 Jahre Gegenwehr

Von Pit Wuhrer
Protest indischer indigener gegen landraub und vertreibung © wikimedia commons
Protest indischer Adivasi gegen Entwaldung und Landraub, März 2024

Die Veranstaltungen zur Erinnerung an die Bauernaufstände vor 500 Jahren sind vorbei – nicht jedoch die Kämpfe derer, die für unsere Nahrungsmittel sorgen. Worum es 1524/25 tatsächlich ging, wer dahinter steckte, was anderswo geschah und wie sehr die Konflikte unser aller Leben bis heute prägen, beschreibt ein überaus erhellendes Buch.

Was war eigentlich los vor einem halben Jahrtausend? Diese Thema hat im letzten Jahr viele beschäftigt, auch uns in der seemoz-Redaktion, und so publizierten wir auf unserer Website eine ganze Reihe von Artikeln, die meisten mit einem konkreten Bezug auf das regionale Geschehen – immerhin hatte der bäuerliche Widerstand 1524 in Stühlingen und im Hegau begonnen (siehe die Liste am Ende dieses Beitrags).

Doch da war noch mehr, nicht nur in der Region, in Oberschwaben, im Allgäu oder in Thüringen: Zum Teil schon vorher hatten 1502, 1513 und 1517 im Elsass und am Oberrhein empörte Bäuerliche der Bundschuh-Bewegung mit Joß Fritz an der Spitze revoltiert, in Ungarn kam es 1514 zu einem Aufstand geknechteter Bauern, im heutigen Slowenien rebellierten 1515 rund 80.000 Aufständische. Und so ging das weiter.

In seinem Buch „500 Jahre Bauernkriege – Widerstand gegen Landraub und Ausbeutung von 1525 bis heute“ unternimmt der Obstbauer, Agroforstdesigner und Historiker Florian Hurtig einen, wie er es selber formuliert, „wilden Ritt durch fünf Jahrhunderte und über fünf Kontinente“. Es ist ein erkenntnisreicher Ritt mit vielen Schlenkern durch die Geschichte, hin zu diversen Orten und Themen, durch Machtstrukturen und Abhängigkeiten und auch mit Ausflügen in die Geistesgeschichte.

Der repressive Finanzier

Vor allem die konkreten Geschichten faszinieren. Denn Hurtig startet in Realitäten, die bisher oft unerkannt blieben, zumindest aber selten thematisiert werden. So beleuchtet er beispielsweise die Rolle des Handelskapitalisten Jakob Fugger, dem bis vor kurzem „reichsten Mann der Weltgeschichte“. Ohne dessen taktische Manöver (und natürlich die zahlreichen Wortbrüche der Grundherren) wäre so manches „wohl anders verlaufen“. Weil sich die Fürsten bei seinem Handels- und Bankhaus verschuldet hatten, intensivierten sie die Ausbeutung. Und ohne Fuggers Geld hätten sich die Herren all die Söldner nicht leisten können, die die Ausstände niederschlugen.

Besonders interessant ist Hurtigs gut dokumentierte These, derzufolge der Bauernkrieg keine reine Elendsrevolte war: Zwischen dem 13. und dem 15. Jahrhundert habe sich das Leben auf dem Land deutlich verbessert. Dreifelderwirtschaft, technische Neuerungen, Rückzug des Adels aus den Dörfern und eine zunehmende Selbstorganisation spielten dabei eine Rolle. „Die Bäuerlichen wurden selbstbewusst und erkämpften sich viele neue Rechte“, schreibt Hurtig, „an vielen Orten war die Leibeigenschaft praktisch abgeschafft“.

Voraussetzung dafür waren die Allmenden. Der Angriff der Obrigkeit auf das gemeinschaftlich genutzte Land löste den Bauernkrieg 1524/25 aus; das schreiben auch andere Autor:innen. Aber welche Bedeutung die Allmende hatte, wird erst bei der Lektüre des Buchs klar. Die Allmenden (auch Markgenossenschaft genannt) waren nicht nur Land, das von allen genutzt werden konnte (und deswegen für Menschen ohne Landbesitz so wichtig war) – es wurde zudem in Absprache untereinander genutzt, also gemeinschaftlich verwaltet.

Die Grundlage basisnaher Kooperation

Die Allmenden waren die Grundlage der dörflich-kollektiven Subsistenzwirtschaft. Wichtig waren dabei nicht nur Äcker und Wiesen, sondern auch die Wälder, die den Menschen in Hungerzeiten das Leben retteten. In ihnen gab es, wenn die Ernte nicht reichte, nicht nur Beeren, sondern auch Pilze, Eicheln, Rinden. Im Mittelalter befanden sich die meisten Wälder in Gemeinbesitz (auch wegen der Pestzeiten, die ganze Landstriche entvölkerten und das so frei gewordene Land in Gemeindeland verwandelte) und entsprechend genutzt wurden: Alte Eichen waren nötig für die Gerbstoffproduktion, Brennnesseln dienten der Stoff- und Seilherstellung.

Um das, was alle brauchten, auch sinnvoll nutzen zu können, gab es Absprachen über Aussaat, Ernte, Regeln. Die Anbausysteme wurden gewissermaßen demokratisch gestaltet, die Regionen hatten eine eigene Gerichtsbarkeit, Ackerparzellen wurden jährlich verlost, der Markgenossenschaft gehörten auch Bäche, Flüsse und Steinbrüche, auch Backhäuser oder Schmieden gehörten oft allen. Hurtig schildert hier Zustände, die so gar nicht zum Bild hierarchischer Verhältnisse passen, das uns oft vom Mittelalter vermittelt wird: Entschieden wurde nicht oben, sondern unten, von den Genossenschaften.

Im 15. Jahrhundert geriet die kollektive Ökonomie der Allmende jedoch immer mehr unter Druck – auch wegen der zunehmenden Übernahme der Gemeindewälder durch die Grundherren, den Adel und den Klerus. Diese nutzten das für die Gemeinschaften so wichtige Brenn- und Bauholz für Bergwerke (wie Fuggers Kupfer- und Silberminen), später für den Schiffbau, der im Zuge des einsetzenden Kolonialismus immer wichtiger wurde, und für die Verarbeitung von Rohstoffen wie Zucker, die Mitte des 15. Jahrhundert einsetzte. 

Parallel dazu entstanden neue Territorialstaaten mit einer absolutistischen Ordnung, die persönlich geprägte (Macht-)Beziehungen durch abstrakte Herrschaftsformen ersetzten. Die Privatisierung der Allmenden beseitigte mithin lokal erkämpfe Errungenschaften. Im Bauernkrieg forderten die Bäuerlichen also per se nicht neue Freiheiten – sie kämpften vielmehr für die Wiederherstellung alter Rechte. Und erstürmten Burgen und Klöster nicht, weil sie sich in Konflikt mit dem Hochadel sahen, sondern um an die „Unterlagen, Schuldscheine, Zinsbriefe, Leibeigenschaftsurkunden und Weistümer“ zu kommen, „die ihre Verpflichtungen gegenüber den Herrschenden und der Kirche dokumentieren“. Und sie zu verbrennen.

Die ursprüngliche Akkumulation des Industriekapitals

Der Widerstand hierzulande scheiterte, weil sich die Bäuerlichen hatten hinhalten lassen und Versprechungen vertraute, bevor sie hingemetzelt wurden, weil sich manche ihrer Anführer sich bestechen lassen, weil die verschiedenen Haufen unterschiedliche Ziele verfolgten – all das ist bekannt. Weniger geläufig sind die Ereignisse anderswo. 

In Tirol zum Beispiel kam es unter der Führung von Michael Gaismair ebenfalls zu einer Erhebung, die niedergeschlagen wurde. Auch anderswo wurden die Bäuerlichen von den Allmenden vertrieben, vielerorts herrschte Hunger, Elend – und ein Unmut, den die Mächtigen auf einzelne Bevölkerungsgruppen lenkten. Auf widerständige Frauen etwa, die vom Verlust der Allmenden besondern betroffen waren; daher die Hexenverbrennungen, die in Europa zwischen 1550 und 1650 einen Höhepunkt erreichten.

Beispielsweise in England. Dort war es ab Mitte des 16. Jahrhunderts zu ersten größeren Erhebungen gegen die Einhegung von Allmenden (die „Enclosures“) gekommen. Bei zahlreichen Massenaktionen, die mit einer Rebellion 1549 begonnen hatten und bis Mitte des 17. Jahrhunderts andauerten, rissen die „freien, selbstwirtschaftenden Bauern“ (Karl Marx), Zäune und Hecken nieder; besonders hervor taten sich dabei Frauen, die folgerichtig als „Hexen“ verfolgt wurden.

Die Enclosures – ein „gewaltsamer Expropriationsprozess der Volksmasse“ (so Marx in „Das Kapital“, MEW 24, S. 748) – bildeten die Grundlage für die „ursprüngliche Akkumulation“ des Industriekapitals: Die Bäuerlichen mussten den Schafen weichen, deren Wolle den Rohstoff für die sich entwickelnde Textilindustrie bildete. Gleichzeitig entwickelten sich im Zuge der Auseinandersetzungen mit den „Diggers“ (die Zäune ausgruben) und den „Levellers“ (den Einebnern, den Gleichmachern) erste kommunistische Ansätze einer egalitären Gesellschaftsformation.

Viel Landnahme, überall Aufstände

All das beschreibt Hurtig in seinem Buch ebenso akribisch und anschaulich wie die Folgen des Siegs des englischen Bürgertums in der bürgerlichen Revolution 1648 über die Monarchie: 1649 marschierten britische Truppen im bereits kolonisierten Irland ein, unterwarfen dort die bäuerliche Bevölkerung, ließen die Wälder abholzen und verschifften Zehntausende der unterlegenen irischen Guerillatruppen in die neuen englischen Kolonien in der Karibik, wo sie als Sklaven auf Plantagen gehalten wurden. 

Parallel dazu transferierte der englische Landadel, eine „kapitalistisch orientierte und auf Gewinnmaximierung schielende Klasse“, die durch die Enclosures überflüssig gewordene, protestantisch orientierte Landbevölkerung aus England und Schottland nach Irland, wo sie ihrerseits die dortige, katholisch gebliebene Landbevölkerung von Grund und Boden verjagte (so wie bald darauf die weißen Sklaven die Indigenen in den Kolonien vertreiben sollten): die sogenannte Plantation bildete die historische Grundlage für die vielen Auseinandersetzungen in Irland, die bis in die 1990er Jahre andauerten.

Spannend auch das Kapitel, in dem Hurtig die Herausbildung der kapitalistischen Philosophie beschreibt, die – formuliert von John Locke, Francis Bacon und anderen – auf Naturbeherrschung abzielte: Nur eine effiziente Nutzung rechtfertige den Privatbesitz an Land, hieß es damals – es war die Basis einer modernen, an Wachstum und Rentabilität orientierten Wirtschafsideologie, mit der wir es heute noch zu tun haben, und die überall die Enteignung der Indigenen begründete. Der Krieg gegen das Bäuerliche führte daher vielerorts zu Aufständen: in China 1644, in Indien 1660, in Russland 1667-71, in Frankreich 1675, in Böhmen 1680 …

Terror durch Hunger 

Es würde hier zu weit führen, all die spannenden Entwicklungen zu schildern, die Hurtig in weiteren Kapiteln beschreibt: Wie die billige Produktion von energiereichen Nahrungsmitteln wie Zucker im globalen Süden die industrielle Ausbeutung im globalen Norden förderte. Wie der hochprofitable Planatagenanbau von Tropenfrüchten zur Herausbildung der ersten Agrarkonzerne führte. Wie beispielsweise in den USA die andauernde Erschließung neuer Grenzräume nötig wurde, weil die Industrialisierung der Landwirtschaft die Böden auslaugte (so stieg etwa der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln um 1338 Prozent) — und dadurch eine Frontier-Mentalität entstand, der amerikanische Traum von der Eroberung neuer Gebiete und Ressourcen. Dies prägt ein weit verbreitetes US-amerikanisches Naturverständnis („drill, baby, drill“) und die Haltung gegenüber Minderheiten bis heute. 

Erkenntnisreich sind auch Hurtigs Hinweise auf frühe Ereignisse, die sich in der Geschichte fortsetzten. Die von London instrumentalisierte Hungersnot in Irland – zwischen 1846 und 1852 starben in der britischen Kolonie Irland rund eine Million Menschen, knapp zwei Millionen Ir:innen flüchteten – hatte den Zweck, die Subsistenzbewirtschaftung zu beseitigen. 

Ende des 19. Jahrhunderts setzten die Kolonialherren diesen „Terror durch Hunger“ im ganzen Empire ein. Und noch heute verfolgen der Internationale Währungsfonds IWF und die Weltbank mit ihrer Politik der „Strukturanpassungsmaßnahmen“ im globalen Süden nur ein Ziel: die lokale Landwirtschaft für den Weltmarkt zu öffnen.

Neue Solidarität?

Das lehrreiche Buch analysiert auch jüngere Entwicklungen – und beschreibt zum Beispiel, dass es (trotz des Landraubs nach dem „Bauernkrieg“ vor 500 Jahren) etwa in Baden-Württemberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch viele Allmenden gab. Diese, so Hurtig, hätten dafür gesorgt, dass das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit auf dem Land stark geblieben war – mit der Folge, dass der Stimmenanteil der Bäuer:innen im Südwesten für NSDAP deutlich niedriger ausfiel als anderswo: „Kein Wunder, dass viele der badischen Allmenden während der NS-Zeit aufgehoben wurden“. Dennoch überlebten vielerorts gemeinschaftlich genutzte Flächen – bis zu den Flurbereinigungen in den 1950er bis 1980er Jahren.

Natürlich wirft der Autor auch Blicke auf die kapitalorientierte EU-Agrarpolitik, auf die Abhängigkeit aller Bäuerlichen von der Finanzindustrie und auf die Revolte der großen Landwirte 2024, die der „fossilen Lobby auf den Leim“ gegangen sind.

Ist also alles hoffnungslos? Nicht ganz. Florian Hurtig sieht (und hofft auf) eine neue Epoche mit kollektiven Ansätzen. Das zunehmende Interesse an Solawi, der solidarischen Landwirtschaft, ist ein Beispiel dafür (Obstbauer Hurtig gehört ebenfalls einem Solawi-Projekt an). Auch der Kooperativenverbund Hansalim in Südkorea gehört dazu, ebenso Netzwerke auf den Philippinen, Genossenschaften in Indien.

Nicht zu vergessen die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die immer wieder politische Initiativen ergreift, die brasilianische Landlosenbewegung MRT [] – und nicht zuletzt die bäuerliche Internationale Via Campesina. Vielleicht agiert ja auch hierzulande bald ein neuer Bundschuh, mit „Josy und Fritzi, die, wie einst Joß Fritz, umherziehen und […] begeistern können“.

Wer sich für eine Aufhebung der kapitalistischen Trennung der „Bäuerlichen vom Land, der Arbeitenden von ihren Produktionsmitteln und […] der Menschen von der Natur“ interessiert, findet in dem Buch jede Menge Anregungen – zum Nachdenken und zum Handeln. Obwohl das Buch an manchen Stellen ein aufmerksameres Lektorat verdient gehabt hätte, gehört es zu den informativsten, die ich in letzter Zeit gelesen habe.

Florian Hurtig: „500 Jahre Bauernkriege. Widerstand gegen Landraub und Ausbeutung von 1525 bis heute“. Mandelbaum Verlag, Wien 2025. 358 Seiten. 28 Euro

Bilder: Indigene Bäuerliche in Zentralindien (Bhumika Saraswati via Wikimedia Commons) / Die Verbrennung von Jäcklein Rohrbach (Wikimedia Commons) / Belagerung von Weißenau (Ausschnitt aus einem Bild von Abt Jakob Murer) / Dubliner Famine Memorial (Joseph Mischyshyn via Wikimedia Commons).

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