
Vor 130 Jahren geboren, vor 40 Jahren gestorben: Der Juristin Elisabeth Selbert ist es zu verdanken, dass Artikel 3, Absatz 2 unseres Grundgesetzes die Gleichstellung von Frauen und Männern festschreibt. Die Figurenspielerin Franziska Fröhlich hat sich vorgenommen, mit verschiedenen Aktionen und Veranstaltungen an Selberts Leistung zu erinnern.
Als Franziska Fröhlich feststellte, dass 2026 keinerlei offizielle Veranstaltungen zur Erinnerung an die Juristin Elisabeth Selbert, einer der vier sogenannten Mütter des Grundgesetzes (Väter gab es 61…), geplant sind, beschloss sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie rief das Elisabeth-Selbert-Jahr aus und erklärte dieses Vorhaben kurzum zum praktische Teil ihrer Masterarbeit im Studiengang „Theater als soziale Arbeit“ an der Universität Bayreuth.
Ich begegnete Franziska Fröhlich zum ersten Mal im letzte Jahr auf dem Figurentheaterfestival in Northeim. Sie hatte einen Koffer dabei, in dem sich eine Handpuppe befand, die eine etwas streng dreinblickende Frau im schwarzen Kleid mit karierter heller Bluse und ebenfalls karierter, aber dunkel wirkender Jacke darstellte. Ein runder Kragen mit weißer Schleife schloss die Bluse eng unterhalb des Kinns ab (was einerseits den strengen Eindruck verstärkt, andererseits eine praktische Erfordernis von Handpuppen darstellt). Die braunen Haare waren zum Zopf geflochten und kunstvoll auf dem Kopf zu einem Nest zusammengesteckt.
Susanne Selbert, die Enkelin von Elisabeth Selbert, erkennt ihre Großmutter in der Puppe wieder. „Die Puppe ist ja ganz großartig geworden, sie sieht tatsächlich meiner Großmutter etwas ähnlich. Das hat mich total gefreut.“ So schreibt sie in einer Mail an Fröhlich.
„Ich bin aufgerüttelt worden“, erläutert Franziska („Zisa“) Fröhlich ihre Motivation zu diesem Vorhaben, „durch meine eigene Unwissenheit“. Dann habe sie festgestellt, „dass nicht ich allein unwissend bin, sondern dass sie eigentlich keiner kennt. Dann habe ich gedacht, dass das keine individuelle Wissenslücke ist, sondern ein Problem unserer Bildung insgesamt. Es ist sehr einseitig, was wir lernen in unseren Bildungseinrichtungen.“
Gleichstellung nicht nur für die Trümmerfrauen
1945 liegt Deutschland in Trümmern. Ein Großteil der Männer sind tot oder leben als Kriegsgefangene in Lagern. Die Zahl der in Deutschland lebenden Frauen übersteigt die der Männer um sieben Millionen. Als Mitglied des von den drei Westmächten eingesetzten Parlamentarischen Rates, der die Aufgabe hat, eine Verfassung für die neu zu gründende Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten, hält Elisabeth Selbert diese Situation für geeignet, endlich auch eine Gleichstellung von Männern und Frauen zu erreichen: „Die Frau, die während der Kriegsjahre auf Trümmern gestanden und den Mann an der Arbeitsstelle ersetzt hat, hat heute einen moralischen Anspruch darauf, so wie der Mann bewertet zu werden.“
Es war die Sozialdemokratin Herta Gotthelf, die den Stein ins Rollen gebracht hatte. Sie „arbeitete dort im Büro Schumacher, übernahm das zentrale Frauensekretariat der Partei und war schnell wieder verantwortliche Redakteurin der SPD-Frauenzeitschrift. Sie trug dazu bei, die internationalen Kontakte der SPD wieder aufzubauen und setzte sich politisch insbesondere für eine Reform des Abtreibungsparagraphen § 218 ein“, schreibt Wikipedia.
Herta Gotthelf bekam bei der Vorbereitung des Parlametarischen Rates auf der „Herreninsel“ Chiemsee mit, dass der Rat wohl rein männlich besetzt und Gleichberechtigung damit kaum ein Thema sein würde. Also setzte sie ihre Kontakte ein, um Elisabeth Selbert den Weg in den Parlamentarischen Rat zu ebnen.
Der Rat will die Unterordnung
Neben Herta Gotthelf sollte auch Adam Selbert, der Ehemann von Elisabeth Selbert, genannt werden. Wie Gotthelf war auch er aktives SPD-Mitglied und ermöglichte das Jurastudium seiner Frau – unter anderem indem er, völlig untypisch für die Zeit, sich um Kinder und Haushalt kümmerte. Vielleicht überrascht es viele seemoz-Leser:innen nicht, dass Adam Selbert ausgebildeter Buchdrucker war (der Zusammenhang zwischen den Menschen, die im Buchdruck arbeiteten und der Geschichte von Demokratiebewegungen und Gewerkschaften wurde für Konstanz im Projekt Druck.Machen aufgearbeitet).
Die Gleichheitsrechte, die bereits im antiken Griechenland galten, haben immer nur für Teile der Bevölkerung gegolten, und noch die französische Revolution beschwor neben Freiheit und Gleichheit die Brüderlichkeit und nicht etwa die Geschwisterlichkeit als grundlegenden Wert. Noch in der der Weimarer Republik war das deutsche Recht, auf das sich der Parlamentarische Rat bezieht, völlig paternalistisch-patriarchal gedacht, auch wenn es in strafrechtlicher Hinsicht die Gleichheit von Männern und Frauen bereits festschreibt: „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“
Zivilrechtlich – insbesondere in Bezug auf Ehe und Familie – sind Frauen jedoch Männern untergeordnet. Daran möchte der Parlamentarische Rat eigentlich nichts ändern. Besonders konservative Politiker beschwören die grundstürzende Kraft einer tatsächlichen Gleichstellung von Männern und Frauen herauf. Man ist gar der Meinung, die ganze Verfassung könne an dieser Frage scheitern und findet, es sei doch genug, auf das Wörtchen „grundsätzlich“ zu verzichten.
Was ein Mensch bewegen kann
Das sieht Elisabeth Selbert anders und kämpft einen einsamen Kampf, in dem sie jedoch die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Frauen hinter sich weiß. Mehr noch: Sie weiß sie zu mobilisieren. Vielleicht ist das neben der Durchsetzung des Gleichheitsgrundsatzes selbst Selberts eigentliche innovative Leistung: Einen Weg gefunden zu haben, eine Gesetzesformulierung von unten, durch die deutliche Artikulation des eigentlichen Souveräns jeden demokratischen Staats, durchzusetzen.
Heute würde man das vielleicht eine social-media-Kampagne nennen. Elisabeth Selbert bedient alle ihr verfügbaren Medien – persönliche Auftritte in vielen verschiedenen Orten, Radioansprachen, Postwurfsendungen –, um dafür zu kämpfen, dass die neue Verfassung der neu zu gründenden Republik den ebenso knappen wie folgenreichen Satz beinhaltet: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. So steht es heute in Artikel 3, Absatz 2, unseres Grundgesetzes: sie sind gleichberechtigt – nicht mehr, nicht weniger.
Franziska Fröhlich hat das umgehauen – die Wucht dieses kurzen Satzes und der Einfluss, den eine einzige Person nehmen kann, wenn sie nur will: „Dass ein Mensch soviel bewegen kann … Als mir klar wurde, wie groß dieses Fass ist, wollte ich gern etwas tun. Meine Herangehensweise, etwas zu tun, ist eben das Theater. Die Handpuppe ist mein Werkzeug und deshalb habe ich erst einmal eine Handpuppe gebaut. Ich brauchte eine greifbare Figur als Verstärkung für meine Idee. Ich habe Frau Selbert jedoch noch keine Sekunde geführt. Ich klappe immer diesen Koffer auf und stelle sie da hinein. Die steht oder sitzt vor oder neben mir. Sie ist einfach präsent. Es macht so viel aus, ob sie da ist oder nicht.“
Zwischen Räumen, Zeiten, Gesellschaften
Genau zu diesem Zweck gibt es Bilder. Bilder sorgen für die Anwesenheit von Abwesenden. Das gilt nicht nur für räumlich Entfernte, sondern in noch viel stärkerem Maße für Verstorbene. Gerade Puppen, Figuren, Statuen haben diese Funktion in entwicklungspsychologischen, pädagogischen, sozialen, religiösen, aber auch politischen Zusammenhängen lange gehabt –und haben sie zum Teil noch.

Puppen sind Übergangsobjekte zwischen Ich und Welt – „intermediäre Objekte“ nennt sie der Psychologe Donald Winnicott –, aber eben auch zwischen Räumen, Zeiten und Gesellschaften. „Mein Verständnis von Figurenspiel“, sagt Franziska Fröhlich, „hat sich durch die Arbeit mit der Figur von Elisabeth Selbert stark verändert. Dass Frau Selbert als Puppe bei meinen Veranstaltungen präsent ist, sehe ich schon als eine Form des Puppenspiels. Ich habe Figurenspiel ja nicht studiert, sondern bin als Autodidaktin ins Puppentheater gekommen. Meine ersten Produktionen waren noch ganz klassische Kaspergeschichten und das hat sich langsam erweitert.“
Geschichten vom Kasper, der bei der Fröhlichen Kinderbühne, zu der neben Fröhlich auch der Musiker Siegfried Michl zählt, Kaschber heisst, sind mittlerweile nicht mehr die einfach gestrickten Polizist-jagt-Räuber-schafft-es-aber-nicht-und-Kasper-hilft-ihm-Stereotype, sondern buchstäblich „vielschichtig“. „Ich arbeite in Schichten“, sagt Zisa Fröhlich. „Ich fang mit einer Idee an, aber die entwickelt sich dann wie so ein Adersystem mit Nebengeschichten – es wird sehr vielschichtig. Die Entwicklung einer Idee bis zum fertigen Stück dauert sehr lange, bis es fertig ist, bis ich glücklich damit bin.“
Eigeninitiative und Ärgermanagement
Und diese Geschichten erzählen von Gefühlen, von Mut, Zuversicht, Großzügigkeit, von Trennung, Einsamkeit, Versöhnung, Freude und Liebe. Die Stücke stellen aber auch soziale Themen ins Zentrum, problematisieren beispielsweise Mobbing, regen dazu an, die Welt mit viel Toleranz und Verständnis für die je anderen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven anzuschauen, fragen, ob Geldbesitz tatsächlich gleichbedeutend mit Reichtum ist oder versuchen, dem Klimawandel mit Zuversicht zu begegnen.
Im Jahr 2020 entstand das Projekt „Frühkindlich Demokratie erleben – Kinder, Könige und die runde bunte Welt“. Es richtet sich an Kinder von drei bis acht Jahren und „behandelt lebendig und praxisorientiert, in kompakten Einzelmodulen, verschiedenste Aspekte von Demokratie, zum Beispiel Partizipation, Eigeninitiative, Frustrationstoleranz, Abstimmungstechniken, Ärgermanagement und Meinungsvielfalt“, schreibt Fröhlich auf ihrer Website. „Das Mitmachen und die Beteiligung der Kinder steht im Vordergrund. Verschiedene Sinnesebenen werden mit Puppenspiel, Bildergeschichte, Bastelbogen und einem Buch zum Theaterstück inklusive Hörspiel und Liedern angesprochen.“
Gesellschaftliches Engagement ist ein zentraler Motor für Zisa Fröhlichs künstlerisches Tun. Zwar stehen Kinder dabei im Vordergrund, aber sie richtet sich auch immer wieder an Erwachsene – zuletzt bei den Gedenkfeiern zum 200. Todestag des Schriftstellers Jean Paul 2025. Und davor war Kant-Jahr. Dem Schriftsteller und dem Philosophen hat Fröhlich Projekte gewidmet. 2026 muss es aber, findet sie, endlich mal um eine Frau gehen.
„Wir brauchen mehr weibliche Leitfiguren. Es ist sehr einseitig, was wir in der Schule lernen: Kriegsherren, Könige, Staatsmänner … Nicht einmal im Kunstunterricht kommen – jenseits von Frida Kahlo – Frauen vor.“ Deshalb möchte sie auch eine an das bayrische Kultusministerium adressierte Postkartenaktion organisieren: „Teilnehmer:innen meiner Veranstaltungen werden eingeladen, eine Postkarte zu verschicken, auf der der Satz ‚Ich möchte, dass mein Kind auch von weiblichen Figuren in der Bildung erfährt‘ steht. Die Postkarte ist ja auch ein theatrales Medium und eines, das bereits Elisabeth Selbert genutzt hat. Auch ist die Postkarte inzwischen ein auffälligeres, weil selteneres Medium in der Masse der sonst nur online gestellten Petitionen.“
Noch ein weiter Weg
Den Einstieg ins Selbert-Jahr machte eine Veranstaltung am 27. Januar im Kulturhaus Neuneinhalb in Bayreuth. Die Reihe „Wissen macht Ü“ wird vom dort aktiven Kültürklüb e.V. getragen. Franziska Fröhlich stellte in dieser Reihe Elisabeth Selbert vor, sammelte aber auch Ideen für den Elisabeth-Selbert-Salon, der am 7. März, einen Tag vor dem Internationalen Frauentag, in der Stadtbibliothek Bayreuth stattfinden soll. „Gleichberechtigung wird heute in Deutschland weiter gedacht als 1948“, sagt sie, „aber was ist in unserer Welt noch verbesserungswürdig?“

Eine Verfassung ist ein idealer Rahmen und Maßstab für das tatsächlich geltende Recht. So dauert der Prozess der Anpassung des Zivilrechts, der eine tatsächliche Gleichstellung von Männern und Frauen – ganz zu schweigen von den Lebensrealitäten von Menschen, die sich in diesem binären Geschlechtermodell nicht wiederfinden – herbeiführt, bis heute an.
1994 wurde deshalb Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes um die Verpflichtung des Staates zu seiner lebensweltlich real erfahrbaren Umsetzung ergänzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Die anhaltende Ungleichverteilung von Care-Arbeit, die größeren Schwierigkeiten der Existenzsicherung durch eigene Erwerbsarbeit, die Ungleichbezahlung, die stärkere Bedrohung von Frauen durch Altersarmut, die nach wie vor geringe Anzahl von Frauen in Führungspositionen zeigt, dass es tatsächlich noch ein langer, unter den Bedingungen eines weltweiten Vormarsches autoritärer, menschenverachtender Positionen von Vertretern toxischer Männlichkeit massiv erschwerter Weg bis zur Einlösung des Gleichstellungsideals ist.
„Sternstunde ihres Lebens“
Dem Selbert-Salon am 7. März gehen drei unterschiedliche Workshops mit Kindern und ganz unterschiedlichen Medien – Audio, Video, Comic – voraus. Die Ergebnisse werden zu Beginn des Selbert-Salons präsentiert und beantworten die Frage: „Wer ist Elisabeth Selbert?“ Vielleicht, wer weiß, gerät in diesem Rahmen auch die Handpuppe Frau Selbert „durch die Hände der Kinder“ in Aktion.
Ein Film aus den Videosequenzen der Kinder eröffnet des Selbert-Salon. Im Anschluss an den Kinderfilm zeigen diejenigen, die sich am 27. Januar getroffen haben werden, was sie konkret umgesetzt haben – als Vortrag, Performance, Tanz oder was auch immer. Abgeschlossen wird der Selbert-Salon von einer Podiumsdiskussion.
Im Laufe des Jahres soll es dann immer wieder Veranstaltungen geben, die an Elisabeth Selbert erinnern. Diese Aktionen sind jedoch kein Selbstzweck, sondern dienen dazu, Menschen zu vernetzen und zu ermächtigen. Ihnen das Gefühl zu geben: „Wir sind viele“ – und dadurch auch politisches Handeln zu initiieren.
Wer den Ausweis einer beliebigen deutschen Stadtbibliothek besitzt, kann sich den Film „Sternstunde ihres Lebens“ (D 2014) mit Iris Berben als Elisabeth Selbert ansehen und so auch außerhalb von Bayreuth in ihr oder sein ganz persönliches Selbert-Jahr starten. Er ist auf dem Streamingportal der Stadtbibliotheken unter https://filmfriend.de/de/movies/sternstunde-ihres-lebens verfügbar.
Franziska Fröhlich kann über Die Fröhliche Kinderbühne erreicht werden. Email: zisa-sigg@t-online.de / Festnetz: 0921-99009889 / Mobil: 0151-50519058
Bilder © Stefan Frank


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