Asylrechtsdemo wien 2016 © wikimedia commons

Europa macht dicht

Aus der Redaktion
Asylrechtsdemo wien 2016 © wikimedia commons
Es ist wieder mehr Protest nötig: Aktion in Wien 2016

Gestern hat das Europäische Parlament über die neue EU-weite Liste sogenannter sicherer Herkunftsstaaten sowie über die Drittstaatenregelungen abgestimmt. Die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP), der auch CDU und CSU angehören, stimmte gemeinsam mit der extremen Rechte für einen weiteren Frontalangriff auf das Grundrecht auf Asyl. Dazu eine Stellungnahme der Hilfsorganisation Pro Asyl:

„Ein trauriger Tag für den Flüchtlingsschutz und für Europa. Die doppelte Verschärfung des Flüchtlingsrechts sendet ein fatales Signal an die Welt: Europa macht dicht und verweigert mit aller Härte seine Verantwortung für Schutzsuchende. Dass dieser menschenrechtliche Kahlschlag von der Europäischen Volkspartei mit den extremen Rechten und Europafeinden durchgesetzt wurde, ist besonders bitter“, kritisiert Karl Kopp, Geschäftsführer von Pro Asyl.

Neue EU-weite Liste „sicherer Herkunftsstaaten“

Beschlossen wurde die deutliche Erweiterung der EU-Liste sicherer Herkunftsländer. Das sind: Bangladesch, Kolumbien, Ägypten, Indien, Kosovo, Marokko und Tunesien. Dabei sind für Staaten wie Ägypten, Tunesien und Marokko Menschenrechtsverletzungen eindeutig dokumentiert. All diese Länder gelten bisher in Deutschland nicht als sogenannte sichere Herkunftsstaaten. 

Zudem sollen EU-Beitrittskandidaten grundsätzlich als „sicher“ gelten – mit wenigen Ausnahmen. Damit gelten dann – mit Ausnahme der Ukraine – nahezu alle EU-Bewerberländer inklusive Georgien, Serbien und der Türkei als „sicher“. In der Türkei zum Beispiel wird die politische Opposition massiv unterdrückt und mit den Mitteln eines korrumpierten Strafrechts verfolgt.

Pro Asyl lehnt das Konzept vermeintlich sicherer Herkunftsstaaten grundsätzlich ab, weil es den Grundsatz individueller, unvoreingenommener Einzelfallentscheidungen verletzt. Ob eine Verfolgung im Herkunftsland vorliegt oder nicht, muss auf der Grundlage einer individuellen und unvoreingenommenen Prüfung des Asylantrages festgestellt werden.

Der EU scheint es vor allem um eines zu gehen: schneller ablehnen, schneller abschieben. Dabei nimmt sie in Kauf, dass autoritäre Herrscher politisch aufgewertet werden.

Ausweitung der Drittstaatenregelung

Die standardmäßige Anwendung des Konzepts der sogenannten sicheren Drittstaaten, das ebenfalls beschlossen wurde, stellt einen frontalen Angriff auf den Flüchtlingsschutz in Europa dar. EU-Mitgliedstaaten wird ermöglicht, Modelle wie den berüchtigten Großbritannien-Ruanda-Deal und das Italien-Albanien-Modell, bei dem Asylverfahren in Länder außerhalb Europas ausgelagert werden, umzusetzen. Die deutsche Bundesregierung steht in den Startlöchern für eine solche Umsetzung.

Dafür wird das bisher gültige Verbindungselement zwar nicht gestrichen, aber effektiv ausgehebelt, indem zwei neue Kriterien eingeführt werden: Durchreise und Abkommen eines EU-Mitgliedstaats mit einem Drittstaat reichen nun, um eine Verbindung zu begründen. Damit droht, dass Schutzsuchende in Länder abgeschoben werden, in denen sie zuvor nicht länger waren als ein paar Tage zur Durchreise.

Internationales Statement zu Tunesien

Auf die alarmierende Entwicklung in Tunesien, das nach dem EU-Parlaments-Beschluss als sicheres Herkunftsland gilt, weist auch das gestern veröffentlichte internationale Statement „Tunesien ist kein sicheres Land“ hin, das von 39 Organisationen aus ganz Europa, darunter Pro Asyl, unterzeichnet wurde.

Foto: Wikimedia commons

Ein Kommentar

  1. M. Weissig

    // am:

    Was jetzt erfolgt, ist letztlich die Korrektur und Gegenmassnahme einer völlig verfehlten Flüchtlingspolitik. Es wurde lange Zeit nicht mehr unterschieden, wer Flüchtling und wer Migrant war, abgelehnte Asylanträge hatten in den meisten Fällen keine Konsequenz, sie konnten trotzdem bleiben. Hierfür wurden großzügige Bleibemöglichkeiten geschaffen, sei es durch Arbeit, Ausbildung, angeblich guter Integration. Es fanden und finden dauernd Petitionen und Härtefallanträge statt mit dem Ergebnis, dass selbst Menschen aus sicheren Herkunftsländern bleiben konnten. Hinzu kommen diejenigen, die versuchen ihr Bleiben auf andere Weise durchzusetzen. Man hat keinen Pass, verschleiert die Herkunft, ist schwer, meist psychisch, erkrankt. Die Flüchtlingshelfer und -organisationen haben jahrelang ganze Arbeit geleistet und sind bei fast jeder Abschiebung Sturm gelaufen und haben herzzerreissende Geschichten erzählt. Was bewusst ausgelassen wurde, waren die negativen Seiten der unkontrollierten Migration, ganz im Gegenteil, es wurde suggeriert, dass Deutschland doch diese Fachkräfte oder angehenden Fachkräfte bräuchte. Nur, die wenigsten waren Fachkräfte, die meisten waren ungelernte Arbeiter, oft mit nur geringer Schulbildung und etliche waren Analphabeten. Die Veränderungen in Deutschland waren überall zu sehen und die meisten Menschen wollten und wollen diese Veränderung nicht weiter hinnehmen. Die Asylgesetze sind richtig und wichtig und wir müssen weiterhin politisch Verfolgten Aufnahme und Unterstützung geben, nicht jedoch dem Heer der Migranten auf der Suche nach einem besseren Leben. Es sind genau diese, die unseren Sozialstaat an ihre Grenzen bringen, die, anstatt es mit einem Arbeitsvisum, vollalimentiert über Asyl versuchen und oft auch noch damit durchkommen. Die Mehrheit der Bevölkerung in der EU möchte, dass genau das aufhört. Das Ergebnis kann man bei jeder Wahl beobachten. Die GEAS-Reform war schon lange überfällig und muss jetzt endlich konsequent angewandt werden.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert