Screenshot aus der uni ankündigung holocaustgedenktag 2026

Zeuginnen der ersten und der dritten Generation

Von Albert Kümmel-Schnur
Screenshot aus der uni ankündigung holocaustgedenktag 2026
Die Erinnerung schwindet: Illustration aus der Veranstaltungsankündigung der Uni Konstanz

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gibt es an der Universität Konstanz zwei Veranstaltungen: Am 27. Januar wird Ori Harel, eine Zeugin der dritten Generation, die Geschichte ihrer Familie erzählen. Am 30. Januar kann man Ruth Michel, geb. Rosenstock, einer Holocaustüberlebenden und Zeugin der ersten Generation, im Audimax begegnen.

Erst 1996, vor dreißig Jahren, führte die Bundesrepublik Deutschland einen offiziellen Gedenktag zur Erinnerung an die Ermordeten des Holocaust und weitere Opfer des Nationalsozialismus ein. Die Wahl des Tages fiel auf den 27. Januar. An diesem Tag wurden das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und die beiden in Auschwitz gelegenen Konzentrationslager, die zum Symbol des Holocaust werden sollten, durch sowjetische Soldaten befreit. 2005 hat die UNO den Tag zum „Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts“ erklärt.

Aus diesem Anlass laden die Hochschulgruppe Alliance Against Antisemitism und das Zukunftskolleg in Kooperation mit der Hochschulgruppe Junge Europäer Konstanz (JEF), den Studis gegen Rechts und der Initiative Stolpersteine zu zwei Veranstaltungen mit Zeitzeuginnen verschiedener Generationen in sehr unterschiedlichen Formaten an die Universität ein.

Ori Harel, eine in Konstanz lebende Israelin, ist Enkelin von Holocaust-Überlebenden. Sie wird am 27. Januar 2026 von 10–11:30 Uhr im Rahmen der weltweiten Initiative „Zikaron Ba Salon“ („Gedenken im Wohnzimmer“) die Geschichte ihrer Familie erzählen – vom Überleben im Konzentrationslager, von Flucht und Zwangsarbeit, vom Aufwachsen im Schatten traumatischer Erinnerungen und von ihrem eigenen Weg nach Deutschland. 

Diese Veranstaltung findet in englischer Sprache statt. Der Rahmen ist, wie das Format vermuten lässt, klein und persönlich und stellt den Austausch mit den Anwesenden in den Mittelpunkt.

Präsenz, auch bei der Erinnerung

Ruth Michel, geborene Rosenstock, tritt am 30. Januar von 11:45-13:15 Uhr im größten Saal auf, den die Universität zu bieten hat, dem Audimax, um ihre eigene Überlebensgeschichte zu erzählen. Die 1928 im damaligen Königsberg (heute Kaliningrad) geborene Ruth Rosenstock erlebt als Tochter eines jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter Verfolgung, Flucht und Gewalt im Nationalsozialismus. Nachdem ihr Vater 1941 bei einer Erschießungsaktion ermordet wird, übernimmt die 13-Jährige die Verantwortung für das Überleben der Familie und organisiert Verstecke und Fluchtwege. 

Nach dem Krieg arbeitet sie als Zahntechnikerin und schweigt jahrzehntelang. Erst 2009 veröffentlicht sie ihre Erinnerungen in der Biografie „Die Flucht nach vorne“. Heute lebt sie bei Stuttgart und engagiert sich mit großer Energie in der Erinnerungsarbeit, insbesondere im Gespräch mit jungen Menschen.

Das persönliche Gespräch, die Begegnung und Auseinandersetzung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ist eine entscheidende Ergänzung und ein wichtiges Korrektiv zu den Geschichten, die uns Archivmaterialien erzählen. In der persönlichen Erinnerung werden historische Ereignisse körperlich und emotional unmittelbar greifbar. In der Begegnung von Angesicht zu Angesicht weitet sich Wahrheit zu Wahrhaftigkeit. Gerade das Politische verfügt ganz unmittelbar über menschliche Körper, die eingeteilt, zugeordnet, bewertet, genutzt, geschützt, ernährt oder verletzt, vertrieben, gequält, ermordet werden.

Politik ist fundamental ein körperliches Widerfahrnis. Auch politischer Widerstand findet deshalb seinen klarsten, wichtigsten und unverhandelbarsten Ausdruck in der körperlichen Präsenz auf Demonstrationen, bei Blockaden, Besetzungen von Häusern, Plätzen, Wegen. In der Begegnung mit Augenzeug:innen begegnen wir leibgebundener Erfahrung in all ihrer Dichte und Intensität.

„Es ist wieder möglich“

Im Bezug auf den Holocaust wird diese Ressource durch den Tod der Generation der Überlebenden immer kleiner. Immer weniger Augenzeuginnen und -zeugen können physisch präsent berichten von dem, was war, und davon, wie das war, was war. Wer aber gibt Zeugnis, wer beglaubigt physisch das Vergangene, wenn die unmittelbar Betroffenen nicht mehr befragt werden können? Das geht wohl nur in der Weitergabe von Geschichte als erlebter Erfahrung von Generation zu Generation einerseits und von Beteiligten zu Unbeteiligten andererseits.

Im letzten Jahr ist Ruth Michel in einer Werkrealschule in Weilheim aufgetreten. Zwei ihrer Sätze klingen lange nach. „Die Welt spinnt nicht, sie war schon immer so“, sagt sie, befragt nach der aktuellen politischen Lage und ergänzt: „Wenn ich gefragt wurde, ob ich so etwas wieder für möglich halte, habe ich immer Ja gesagt.“

Diese ebenso sachliche wie erschütternde Feststellung kann auch als Motiv verstanden werden, sich mit eben dieser Geschichte auseinanderzusetzen. Für Schülerinnen und Schüler liegt der Zweite Weltkrieg schon weit jenseits des vorstellbaren, greifbaren Horizonts. Deshalb ergeht an sie die nachdrückliche Einladung zur Begegnung und zu dem dann möglichen Austausch von Angesicht. Schulklassen sind, gerade für die Veranstaltung mit Ruth Michel, sehr herzlich eingeladen. Anmeldung unter alliance-against-antisemitism.hsg@uni-konstanz.de.

© der Bilder: Ori Harel

Termine:

27. Januar 2026, 10–11:30 Uhr an der Universität Konstanz und online (Ort bzw. Zoomlink werden nach Anmeldung bekannt gegeben): „Zikaron Ba Salon (Remembrance in the Living Room). A Third Generation’s Perspective“ (in English). Anmeldung über Alliance Against Antisemitism.

30. Januar 2026, 11:45-13:15 Uhr in A600 (Audimax) und online: „Zeitzeuginnengespräch mit Ruth Michel, geborene Rosenstock“. Registrierungslink (bei Onlineteilnahme): https://uni-konstanz-de.zoom.us/webinar/register/WN_TLapXwKTQj656DxJQX5BDg

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