
Konsument*innen und Erzeuger*innen teilen sich Kosten, Arbeit und Ertrag – das klingt nach einer Win-win-Situation. Aber funktioniert dieses Konzept auch in Konstanz? Der lokale SoLaWi-Verein startet in die neue Saison und erzählt von Herausforderungen, Erfolgen und Zukunftsplänen.
Die regionale Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen. Konsument*innen im Supermarkt haben alljährlich Äpfel aus Neuseeland, Mangos aus Chile und Avocados aus Israel zur Auswahl – und verlieren so jeglichen Bezug zur Herkunft und Saison der Lebensmittel. Da können lokale landwirtschaftliche Betriebe schwer mithalten. Sie kämpfen mit Extremwetterereignissen, steigenden Kosten und unsicheren Absatzmärkten, die großen Lebensmittelkonzerne diktieren die Preise.
Eine Alternative bietet die Solidarische Landwirtschaft („SoLaWi“). Das erste SoLaWi-Projekt entstand 1988 in Schleswig-Holstein, heute gibt es über 460 Solidarische Landwirtschaften in Deutschland und rund 6000 in Europa. Seit knapp neun Jahren ist das Konzept auch in Konstanz durch den SoLaWi e.V. vertreten.
„Solidarität bedeutet, jede*r zahlt, so viel er oder sie kann“, definiert Claudia Blaschey, die Vorsitzende des Vereins. Beim jährlichen Infoabend erklärt sie Interessent*innen die Idee, denn bis Ende Januar kann man sich noch fürs Gemüsejahr 2026 anmelden. Im Mittelpunkt stehe dabei nicht das Produkt, sagt Blaschley: „Finanziert wird die Landwirtschaft“.
Geregelt wird das über Anteile: Wer einen Anteil der Gesamtkosten trägt, erhält im Gegenzug einen Anteil des Ernteertrags – beides verbindlich für ein Jahr.
Günstig und sicher
Ein Betrieb gewinnt so an Planungssicherheit und Unabhängigkeit vom Weltmarkt. Die Mitglieder erhalten dafür frische, regionale Produkte, sowie Transparenz, Mitbestimmung und einen direkten Bezug zu ihren Lebensmitteln. Finanziell lohnt sich das: Laut einer Hochrechnung des Vereins liegt man preislich für eine Ladung regionales Gemüse gleich oder sogar günstiger als beim Einkauf in Denns Biomarkt.
Das Konstanzer SoLaWi-Gemüse stammt von Gärtner Josef Müller von der Reichenau, die Kartoffeln von einem Bauernhof in Kaltbrunn. Zuverlässig versorgen sie die Mitglieder mit Karotten, Auberginen, Radieschen, Tomaten, Salat und was die heimischen Felder noch so hergeben. Je nach Jahreszeit besteht eine Lieferung aus etwa fünf bis zehn Sorten.

Dazu gibt es sogenannte Add-Ons, die extra dazubestellt werden können: Eier vom Demeterhof am Konstanzer Stadtrand oder Obst aus Wahlwies. Für ungefähr acht Euro im Monat werden zum Beispiel zusätzlich zur regulären Bestellung zwei Kilo Äpfel aus biologischem Pestalozzi-Anbau geliefert. Die Ware kommt im Sommer zwei-, im Winter einmal pro Woche an Verteilpunkte in Konstanz, auf der Reichenau und in Radolfzell. Etwa aus Schränken in Gärten, am Kulturkiosk oder im Café Mondial konnte man in den letzten Jahren seinen Anteil flexibel abholen. Die Mitglieder wiegen ihr Gemüse selbst ab und bringen, ganz im Sinne der Nachhaltigkeit, eigene Beutel oder Verpackungen mit.
Wie viel dieses Abomodell monatlich kostet, entscheidet sich in der sogenannten Bieterrunde. Dazu werden vorab die erwartbaren Kosten für Pacht, Löhne, Maschinen, Saatgut, Strom und alles, was sonst noch anfällt, addiert. Die Summe muss vollständig gedeckt werden, je mehr Mitglieder, desto günstiger wird der einzelne Anteil. In mehreren Runden geben die Anteilshaber*innen über ein Online-Tool an, was sie monatlich zahlen können. Hier gilt das Prinzip der Solidarität – manche geben etwas mehr, manche dürfen deutlich weniger zahlen.
„Die Schmerzgrenze liegt bei etwa zwei Dritteln vom Richtwert“, erklärt Claudia Blaschey. Damit meint sie den empfohlenen Preis pro Monat und Anteil; letztes Jahr lag er bei etwa 103 Euro. Sobald die Finanzen geklärt sind, kann die eigentliche Arbeit beginnen. Während die Landwirt*innen mit den nun festgelegten Mengenangaben zunächst Setzlinge einkaufen, plant das Orga-Team die Lieferungen. Wer bestellt was, wieviel und wohin?
Ist Bio-Gemüse zu teuer?
Die dafür verantwortliche Kerngruppe, bestehend aus etwa zehn Aktivist*innen, trifft sich zweimal im Monat. Gerne denkt Claudia Blaschey an die Vereinsgründung 2018 zurück: „In unserer Gruppe waren einige Rentner*innen und Arbeitslose – Leute, die mega viel Zeit und Bock hatten, da was aufzubauen“, lacht sie. Die Fridays-For-Future-Bewegung brachte dem jungen Verein anfangs viel Schwung und Zuspruch ein. Bis heute sei Konstanz eine „Öko-Stadt“, wo Konzepte wie die SoLaWi leicht Anklang finden.

Aber auch hier macht sich die Inflation bemerkbar, nicht jeder kann sich ein Biogemüse-Abo leisten. Das Engagement geht ebenfalls zurück, es kommen andere Prioritäten hinzu. „Da geht’s uns wie jedem anderen Verein – ein Generationenwechsel wäre gut.“ Denn nicht nur die Ehrenamtlichen werden müde. Die größte Herausforderung: Wie geht es weiter, wenn Gärtner Josef in Rente geht?
Umso wichtiger ist es dem Verein, zukunftsfähig zu bleiben. Die in der letzten Saison eingeführten kleineren Portionen (halbe Anteile) für „Single-Haushalte“ sind ein Beispiel für innovative Lösungen, die gemeinschaftlich entstanden sind. Demokratische Entscheidungsfindung ist in der SoLaWi Grundkonsens – so können Mitglieder jedes Jahr mitbestimmen, was angebaut wird. „Letztes Jahr hatten wir zum Beispiel zu viel Kohl“, erzählt Blaschey. Also gab es im Herbst eine Umfrage – mehrheitlich wurde die geplante Kohlmenge für 2026 deutlich reduziert.
Gemeinsam matscht es sich besser
Das interaktive Konzept der SoLaWi motiviert auch Caroline Wolff, sich im Verein zu engagieren. Die 46-Jährige kümmert sich dort um Öffentlichkeitsarbeit und erinnert sich an zahlreiche Veranstaltungen: Stammtische, gemeinsames Kochen, Kinderführungen im Gewächshaus oder das legendäre Sommerfest. Ein besonderes Highlight war die Sauerkrautaktion, bei der die ganze Gruppe mit Gummistiefeln Weißkraut „einmatschte“.
Ab April gibt es einen monatlichen Feldtag für die ganze Familie, bei dem Mitglieder bei landwirtschaftlichen Aufgaben helfen und nebenbei Wissenswertes über Gemüseanbau lernen können. Als Yogalehrerin und Körpertherapeutin hat Wolff schon immer gern frisches Gemüse auf dem Markt gekauft, trotzdem lernte sie durch die SoLaWi einige neue Gemüsesorten kennen. Superschmelz (ein riesiger Kohlrabi), Palmkohl oder Topinambur sorgen für Abwechslung auf dem Speiseplan.
Rund 300 Mitglieder zählt die SoLaWi Konstanz bisher, letztes Jahr gab es 165 Gemüseanteile – Kapazität für deutlich mehr sei da. „Je mehr Leute mitmachen, desto günstiger wird es, und desto mehr Spaß macht es“, sagt Claudia Blaschley. Einsteigen können Interessierte nur einmal jährlich, bei der Bieterrunde im Januar – nur wenn jemand abspringt, ist Nachrücken eventuell möglich. Für Interessent*innen heißt es also jetzt: Möglichst schnell den Mitgliedsantrag ausfüllen und am Samstag, 31. Januar um 15 Uhr im Wolkensteinsaal (Kulturzentrum Konstanz) auftauchen. Notfalls kann man auch noch vor Ort beitreten, verspricht Blaschey, und freut sich auf motivierte Neuzugänge.
Fotos: Erntebilder © SoLaWi e.V. Konstanz / Infostand im Winter © Pit Wuhrer


Schreiben Sie einen Kommentar