Alvaro seemoz

Álvaro Peña-Rojas ist tot

Von Harald Fette
Alvaro seemoz

Ein markante Musikerstimme ist verstummt – Alvaro verstarb am 8. Januar nur drei Wochen nach seinem 82. Geburtstag in Konstanz.

Der Lebenslauf von Álvaro Peña-Rojas (Jahrgang 1943) liest sich wie ein Stück Musik- und Zeitgeschichte. Geboren in der chilenischen Stadt Valparaiso, begann sein musikalischer Werdegang als Saxophonist in Tanzbands mit so klingenden Namen wie Los Bumerang und Los Challengers. Den Lebensunterhalt verdiente er aber mit seiner Tätigkeit als Werbefachmann, unter anderem auch mit Kampagnen für Waschmittel. Anfang der 1970er Jahre arbeitete er in London, auch für die chilenische Botschaft in England, für die Regierung unter Salvador Allende. Nach dem von den USA unterstützten Militärputsch 1973 durch Augusto Pinochet und dem Tod von Salvador Allende wird es für Alvaro beruflich schwierig. Er bleibt in London und beantragt, nachdem sein Pass abgelaufen ist, in England politisches Asyl. 

Er zieht in ein besetztes Haus in der 101 Waterton Street und landet so in einer Keimzelle der Punkbewegung. Dort hausen auch Woody Mellor und Paloma ‚Palmolive‘ Romero. In ihrer gemeinsamen Band, den 101ers, spielt Alvaro Saxophon. Das Konzept der 101ers: primitive Musik spielen. Aber 1974 war die Zeit dafür noch nicht reif, das Publikum verließ den Saal. Die musikalischen Karrieren starten später, nach Auflösung der 101ers. Woody Mellor gründet The Clash und ändert seinen Namen in Joe Strummer. Palmolive spielt in der Kultband The Slits. Und Alvaro verkauft das Saxophon und startet eine Solo-Karriere. 

Er bringt sich selbst das Klavierspielen bei, komponiert Songs und entwickelt einen unverkennbaren Stil. Minimalismus in Reinform. Die Akkorde auf seinen Tasteninstrumenten sind einfach gehalten, er driftet nicht in virtuoses Geklimper ab, hat er ja auch nie gelernt. Das Instrument begleitet seinen Gesang. Und der ist einzigartig. Als ein Musikkritiker einmal schreibt: „Er singt wie ein kastrierter Papagei“, reagiert Alvaro nicht beleidigt, sondern münzt das um in Marketing zu seiner Musik. 

Ab Ende der 1970er Jahre in Konstanz

Er nennt sich selbst „the chilean with the singing nose“, der Chilene mit der singenden Nase. Seine Stimme war knarzend und nasal, vor allem aber: eindringlich. Seine Musik berührt, geht unter die Haut. Sein erstes Soloalbum „Drinkin my own sperm“ erschien 1977. Ihm sollten viele weitere Veröffentlichungen folgen, eingespielt mit wechselnden Musikern. Ein Fixpunkt war dabei über die letzten Jahre Bassist Jens Peter Volk, der Alvaro kongenial begleitete.

Der Minimalismus in der Musik spiegelte sich auch in seinem Lebensstil wider. Oder umgekehrt, je nach Blickwinkel. Alvaro war Nichtraucher, trank keinen Alkohol, war Vegetarier. In seiner Wohnung stand kein Computer, hat er nie besessen. Er machte Yoga, Kopfstand inklusive, und lange Spaziergänge. Dass er angesichts seines Lebenswandels „nur“ 82 Jahre alt wurde, ist eine Ungerechtigkeit der Natur.

Ende der 1970er Jahre verschlägt es ihn nach Konstanz. Der Liebe wegen. Er heiratet Hilde Schneider, die sein Schaffen beim eigenen Plattenlabel Squeaky Shoes Records von Anfang an begleitet hat. Für Diskographie und Nachweise des umtriebigen Künstlers ist die Webseite Don Alvaro eine gute Quelle. Ebenso die Website von Jens Volk. Noch vor wenigen Monaten veröffentlichte Alvaro sein letztes Album: „Alvaro R80: Today“; es ist in Zusammenarbeit mit dem Konstanzer Bassisten Jens Volk entstanden und wurde vom Kulturamt der Stadt Konstanz gefördert.

Viele Filme

Auch in Filmen ist Alvaro immer wieder zu sehen. 2008 drehte ein bayerisches Team um Christian Zschammer, Jochen Hägle und Hans Kotter (†) den Dokumentarfilm „Full dedication Alvaro“, in dem der Zusammenhang zwischen dessen Lebensweise und Musik sehr gut dargestellt wird. Ein Leben, das immer wieder in völlig andere Bahnen gelangte, als zu vermuten war.

Im Film „Die Erfindung der Liebe“ von Regisseurin Lola Randl kam er 2014 als Straßenmusiker mit seinem Song „Made out of wood“ ins Bild. Dazu musste er um drei Uhr nachts in Köln vor der Kamera stehen. In den Hauptrollen des Films sind Maria Kwiatkowsky, Mario Adorf, Sunnyi Melles zu sehen.

Ein guter Überblick zu Auftritten von Alvaro in Film und Video findet sich auf der Webseite von Christian Zschammer. Die Premiere des 3D-Dokumentarfilms „Álvaro inside out“ desselben Filmemachers durfte er nun nicht mehr miterleben. Sie wird am 20. Februar 2026, dem Tag von Alvaros Bestattung, im Cinestar Konstanz stattfinden.

Nachtrag: Es gibt zwei weitere, chilenische Filme über Alvaro: „Rockstars don’t wet the bed“ von  Jorge Catoni. Und „MIRE, PARE, ESCUCHE: ÁLVARO PEÑA – el origen del punk“ von Léster  Rojas Romero.

Fotos: privat / Konstantin Svechtarov

Ein Kommentar

  1. Dietmar Messmer

    // am:

    Good Vibrations,
    Alvaro gab viel Gelegenheit Musik hautnah aufzunehmen. 1977 im Eingangsbereich der Uni bei Kurzauftritten mit Töpfen und Deckeln einfach Klänge erzeugen. Und immer wieder begegneten wir uns auf dem Wochenmarkt Petershausen. Er kaufte sparsam nur eine Handvoll Möhren. Voller Stolz erzählte von seinen Projekten mit jungen chilenischen Musikern.
    Deine quietschenden Schuhe verstummen nicht.

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