Elitzer See mit feurigem Himmel, aufgenommen von Tobias Kröll

25 Jahre „Gegenfeuer“ – Pierre Bourdieus Neoliberalismus-Kritik

Elitzer See mit feurigem Himmel, aufgenommen von Tobias Kröll

1998 erschienen Pierre Bourdieus „Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion“ beim Konstanzer Universitätsverlag. Er warnte vor den verheerenden Folgen neoliberaler Politik und vor der Zerstörung der Grundlagen der Zivilisation und plädierte für eine neue ökonomische Wissenschaft, eine „Ökonomie des Glücks“.

Es lohnt sich auch 25 Jahre später, den Ansatz des Soziologen noch einmal anzuschauen. „Wir haben es mit Gegnern zu tun, die sich mit Theorien wappnen“ (1998: 61) und es gelte, ihnen „geistige und kulturelle Waffen“ entgegenzusetzen. Es werde mit Begriffen und Theorien diskutiert, nicht über diese (19). Ökonomen behaupten, die soziale und ökonomische Welt lasse sich in mathematischen Gleichungen ausdrücken (45). Die Macht wissenschaftlicher Autorität wirke durch eine bestimmte Gebrauchsweise der Mathematik, um Dinge zu rechtfertigen, die nicht zu rechtfertigen sind (61). Dieser „Ideologie, die ein schlicht und einfach konservatives Denken unter dem Deckmantel reiner Vernunft“ präsentiere, sollten „vernünftige Gründe, Argumente, Widerlegungen, Beweise“ entgegengesetzt werden, kurzum: Es gelte „wissenschaftliche Arbeit zu leisten“ (1998: 62).

Wenn Menschen beweisbare Fakten nicht mehr zur Kenntnis nehmen „und die Aussagen von Fachleuten nicht gelten lassen, dann wird der Andersdenkende zum Feind“, beklagt der neoliberale Journalist Nikolaus Piper (2019: 59). Das gefährdet die Demokratie und das Zusammenleben. Es ist noch schlimmer: Wenn „Wissenschaftler“ ohne „beweisbare Fakten“ offensichtlich falsch argumentieren und „Wissenschaft“ als Machtmittel missbrauchen (und sei es, weil sie es tatsächlich nicht besser wissen!), dann tragen solche Pseudo-„Fachleute“ zum Verfall demokratischer Werte (und des Vertrauens in „die Wissenschaft“) bei und arbeiten populistischen Strömungen in die Hände. Viele Neoliberale reden die Probleme, die durch die „liberale Marktwirtschaft“ entstehen, einfach schön. So schreibt Randolf Rodenstock (2001:187) im Grundlagenbuch der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), dass es Befürchtungen gebe, der rasante Wandel der Wirtschaft mit der permanenten Temposteigerung überfordere die Menschen. Dem sei nicht so. Ohne wissenschaftliches Fundament vermischt Rodenstock willkürlich Psychologisches mit Soziologischem, Biologischem und Ökonomischem und behauptet allen Ernstes:

„Dem Menschen eigentümlich ist eine gewisse psychisch-biologische Geschwindigkeit, die er zu optimieren sucht. Wenn es ihm zu rasch geht und er sich erschöpft fühlt, bremst er ab. Umgekehrt legt er etwas zu, wenn er sich unterfordert glaubt. In einer sich heftig und unter Brüchen wandelnden Welt ist der Mensch zugleich Täter wie Opfer, Auslöser wie Betroffener. Aber als Konsument, Arbeitnehmer oder Unternehmer liegt es in seiner Hand, die technischen und ökonomischen Prozesse mitzugestalten. Hier wird sich im Laufe des Strukturwandels ein Optimum abzeichnen, jener Schnittpunkt, an dem die Entwicklung zu neuem Wohlstand führt, aber eine Überforderung der Menschen vermeidet.“ (Rodenstock 2001: 187f)

Angesichts der massiv gestiegenen Krankmeldungen durch psychische Probleme und angesichts des Klimawandels wirkt das wie Hohn. Wohlgemerkt: Rodenstocks Buch erschien, um der gesamten Bevölkerung die akademischen (!) Grundlagen des wirtschaftsliberalen ökonomischen Mainstreams „allgemeinverständlich und in klarem Deutsch“ darzulegen (Rodenstock: 12f, vgl. Kröll 2023: 29ff). Diese Argumentation steht somit ohne Einschränkungen für den Inhalt der von den akademischen „Botschaftern“ der INSM [1] vertretenen Wirtschaftstheorie!

Die Kritik-Möglichkeiten an solcher „Theorie“ im Anschluss an Bourdieu sind noch nicht ausgeschöpft: Schülerinnen, die den PISA-Anforderungen gerecht werden, können mühelos durchschauen, dass z.B. Helmut Kohls früherer „Deregulierungsberater“, der Ökonom Jürgen Bernardo Donges (in einer Schrift der Bundeszentrale für politische Bildung, hinsichtlich „komparativer Kostenvorteile“ durch Freihandel), vollkommen unwissenschaftlich argumentiert (siehe dazu ausführlich: Kröll 2021, 2023: 174ff). Mit dieser unseriösen „Argumentations“-Weise hätten Studierende zu meiner Zeit nur mit bestem Willen der PrüferInnen* das Vordiplom in Erziehungswissenschaften geschafft. Donges beriet jedoch den Bundeskanzler und gilt als angesehener Ökonom. Solche „ökonomischen Kaiser“ des neoliberalen Mainstreams sind wissenschaftlich nackt!

Neoliberale verschließen die Augen vor dem grundlegenden Versagen des eigenen Denk-Gebäudes, selbst wenn sie die Probleme benennen. Nikolaus Piper (2019: 59) nennt die menschengemachten Emissionen seit der industriellen Revolution als Ursache des Klimawandels und sieht dann „den freien Markt“ als einzig mögliche und beste Lösung. Schon in den 1990er Jahren wies Piper auf die Umweltprobleme durch unsere Wirtschaftsweise hin. In einer ZEIT-Serie stellte er den Umwelt-Ökonomen Nicholas Georgescu-Roegen vor und erwähnte zudem dessen wichtige Erkenntnis sozialer Unzulänglichkeiten der Theorie. Das Marktgleichgewicht komme nur unter der „phantastischen Annahme“ zustande, „dass die Marktteilnehmer ihren Lebensunterhalt bereits haben. Wenn die Menschen aber nicht, wie in der Theorie, zwischen Arbeit und Freizeit, sondern zwischen Arbeit und Verhungern wählen müssen, sieht das Bild ganz anders aus“ (1996b: 262). So drehen sich Neoliberale ihre mathematisch unterlegten sogenannten „Fakten“ dennoch immer wieder so hin, dass es in ihr Bild passt (und missachten zudem eigene grundlegende Regeln wie die Ceteris paribus-Klausel [2]): Die Standardökonomie, so Piper, verfüge über ein „hochkomplexes, mathematisch untermauertes System zur Erklärung der Wirklichkeit“. Damit würden sie als exakteste unter den Sozialwissenschaften gelten (1996a: VI).

„Aber wem oder was nützt diese Exaktheit? Hatte die Links-Keynesianerin Joan Robinson vielleicht doch recht, als sie schrieb, die Ökonomen würden von der Erkenntnis der Wirklichkeit nachgerade abgehalten durch ein theoretisches Schema, „das die kapitalistische Welt als einen Kibbuz darstellt, der in völlig erleuchteter Weise zur größtmöglichen Wohlfahrt aller seiner Mitglieder gelenkt wird“ (Piper 1996a: VI-VII).

Den Worten des neoliberalen Journalisten ist zuzustimmen, wenn er anschließend den Ökonomen Keynes zitiert. Es genüge nicht, „in stürmischen Zeiten dem Publikum zu sagen, daß der Ozean wieder ruhig sein wird, wenn der Sturm vorüber ist“ (wie oben bei Rodenstock zu sehen, T.K.). Die Ökonomie brauche den vorurteilsfreien Blick auf eine sich rapide verändernde Wirklichkeit (ebd). Dazu kann der Soziologe Pierre Bourdieu wahrlich mehr beitragen als die in die herrschenden ökonomischen Machtstrukturen verflochtene Mainstream-Ökonomie.

Text & Bild: Tobias Kröll

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Zum Autor

Tobias Kröll (*1967), Fahrradmechaniker, Diplom-Pädagoge und Sozialwissenschaftler, Studium in Tübingen und Amsterdam. Er arbeitet als Schulsozialarbeiter in Wangen/Allgäu. Fellow des Berliner Instituts für kritische Theorie (InkriT) und Mitglied der Tübinger Forschungsgruppe um den Psychologen Josef Held.

Bei Books on Demand erschien im August das Buch „Gegenfeuer25

Website: http://www.tobiaskroell.eu

Quellen

  • Bourdieu, Pierre 1998: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. Konstanz: UVK
  • Kröll, Tobias 2023: Gegenfeuer25. Beiträge für eine Ökonomie des Glücks und zur Kritik des Markt-zentrierten Weltbilds. Mit einem Vorwort von Franz Schultheis. Norderstedt: Books on Demand
  • Piper, Nikolaus 1996a: Präzise, korrekt, nutzlos? Der Kapitalismus hat gesiegt, doch die Wirtschaftswissenschaften werden von Zweifeln geplagt. Vorwort in: Piper, Nikolaus (Hg.)1996: Die großen Ökonomen. Eine Artikelserie der Wochenzeitung DIE ZEIT. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, S. V-VII
  • Piper, Nikolaus 1996b: Vor uns der Niedergang. In: Piper, Nikolaus (Hg.)1996: Die großen Ökonomen. Eine Artikelserie der Wochenzeitung DIE ZEIT. Stuttgart: Schäffer-Poeschel, S. 260-267
  • Piper, Nikolaus 2019: Wir Untertanen. Wie wir unsere Freiheit aufgeben, ohne es zu merken. Hamburg bei Reinbek (sic!): Rowohlt

Anmerkungen

1 https://www.insm.de/insm/ueber-die-insm/kuratoren-und-botschafter; 30. August 2023

2 Ein Modell gilt nur, wenn exakt die im Modell genannten Variablen vorkommen und nichts anderes.

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