Ermatingen Idylle 230911 ©ralphbraun

Rückkehr nach Ermatingen

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Ein idyllisches Dorfzentrum. Aber wo ist das Café?

Das Tourismusmarketing bewirbt die Schweizer Unterseegemeinde Ermatingen als ehemaliges Fischer- und Bauerndorf „zwischen Tradition und Moderne“, mit Fachwerk, Napoleonturm, Groppenfasnacht und Gangfischschießen. Doch es gab noch ein ganz anderes Ermatingen – wie der jüngst im Kult-X gezeigte Film „Klassenverhältnisse am Bodensee“ zeigte.

Der Videoessay von Ariane Andereggen und ihrem vor allem als Musiker („Die Goldenen Zitronen“) bekannten Partner Ted Gaier tastet sich nach minutenlanger Kamerafahrt über den vom Herbstnebel verhüllten See an diese weitgehend vergessene, wenn nicht verdrängte Vergangenheit eines wohl exemplarischen Thurgauer Industriedorfs mit migrantisch geprägter Gesellschaft heran.

„In meiner Familie“, erzählt die in den 1980ern selbst in Ermatingen aufgewachsene Schauspielerin und Performancekünstlerin gleich zu Beginn des Films „will keiner mit mir über soziale Klassen sprechen. Fast alle glauben an den sozialen Aufstieg durch viel Fleiß und Geschick und Höflichkeit“. Stimmt das so?

Eribon am Bodensee

Erklärtermaßen inspiriert von den französischen Autoren Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“), Edouard Louis oder Annie Ernaux, die in ihren autofiktionalen Romanen das marxistische Konzept der Klasse wiederbelebten und neben der materiellen auch die kulturelle und die soziale Dimension der Klassenunterschiede betonten, geht Andereggen auf Spurensuche entlang der eigenen Biografie.

Der Film befragt Verwandte wie Schulkamerad:innen: Wie war das damals, als die Jungs nach dem Schulabschluss ins Handwerk gingen und die Mädchen den Berufswunsch Primarlehrerin oder Krankenpflegerin hatten? Warum ging keiner ans Gymnasium? Wie benennen die nun längst Erwachsenen ihren sozialen Status? Wie ging die Sekretärin mit den selbstverständlichen Aufdringlichkeiten der Chefs um? „Es war halt so.“

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Lofts in der ehemaligen Möbelfabrik Goldinger

Eine kollektive Erzählung spontaner Gespräche zusammen mit eingeschobenen Reflexionen und gewürzt mit einer gehörigen Portion Ironie konstruiert gemeinsame Erinnerung. Und obgleich niemand Ungleichheit und Klasse direkt anspricht, gewinnen die Klassenverhältnisse im Dorf aus dem Nebel heraus Kontur.

Überrumpelnde Montagen

Aus Interviews mit den beiden Filmemacher:innen (darunter das Gespräch in Kult-X von Anna Blank mit Ted Gaier) wissen wir, dass zuerst der Ton entstand; ein Hörspiel mit vielen stakkatoartigen Sequenzen voller Wortwiederholungen und ohne Punkt und Komma, angelehnt an den experimentellen Schreibstil der US-amerikanischen Autorin Gertrude Stein.

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Anna Blank von seemoz e.v. im Gespräch mit Ted Gaier (Foto: pw)

Illustriert wurde dann in einem zweiten Durchgang, nämlich mit einer zur Audiospur oft disparaten, den Rezensenten zudem mit raschen Bildwechseln oft überrumpelnden, manchmal gar überfordernden Montage aus Archivaufnahmen im wackligen Super 8- oder VHS-Videoformat, Performances mit Andereggen höchstselbst und am Computer generierten bildlichen Allegorien.

Schlafdorf mit Beizensterben

Und Ermatingen heute? Ein Schlafdorf, manche nennen es Germatingen, die Steuersätze niedrig und die Grundstücke günstiger als im dank Autobahn nur eine gute Stunde entfernten Zürich. Wer aus der „wohlhabenden Schicht“, wie der Ermatinger Grünen-Parlamentarier und Architekt Peter Dransfeld sie nennt, noch Geld generieren muss, weil er nicht genug davon hat oder zu haben glaubt, macht sich allmorgendlich gen Züri auf – um dort auch zu konsumieren, vielleicht auch in Konstanz, aber jedenfalls nicht in Ermatingen, wo viele Geschäfte und Beizen mangels Umsatz längst dicht gemacht haben. Honoratioren betrauern den geschlossenen Gasthof Adler, unsereiner gedenkt wehmütig der leckeren Törtchen im früheren Café Meier (siehe Foto oben).

Schwer vorzustellen, dass vor einer Generation hunderte Arbeitsmigrant:innen, meist Italiener:innen, frühmorgens im Takt der Stechuhr zur Möbel- und Parkettfabrik Jaques Goldinger (JAGO) oder zum zweiten großen Betrieb, der Dosenfabrik, zogen; Schlag zwölf dann von der Fabrik nach Hause hetzten, um nach der allzu kurzen Mittagspause um eins wieder einzurücken, bis die Fabriksirene den Feierabend ausrief. Was wurde aus ihnen? Die einen haben nach den Entlassungen andernorts Arbeit gefunden, die anderen wurden als nun arbeitslose Saisonniers zwangsweise in ihre Herkunftsländer und zu ihren Familien zurückgeschickt. Mit ihnen gingen die Erinnerungen ans Industriedorf.

Goldiges Land

Und die Industrie im Dorf heute? Darauf geht der Film nicht weiter ein. Die Dosenfabrik ehemals Louis Sauter AG gibt es noch, jetzt als Schweizer Filiale des kurioserweise in San Marino domizilierten Verpackungskonzerns Gruppo ASA. Nun hoch automatisiert steht sie weiterhin in bester Lage gleich hinter dem Uferpark, und doch so versteckt, dass die osteuropäischen, mit ihrer Fracht aus San Marino kommenden Lastwagenfahrer sich im Netz beklagen, sie fänden die Werkseinfahrt nicht.

Und wenn eine Fabrik schließt, bleiben noch die Immobilien. Das JAGO-Werk umgebaut zu schicken Lofts. Und der Grundbesitz der Fabrikherren reichte weit über das Werksgelände hinaus. Das Quartier Seefeld um die gleichnamige Villa gegenüber dem Vinorama und das westlich anschließende Usserdorf, das alles war mal Goldinger-Land und wurde von den Erben an Immobilienentwickler verkauft, die es so dicht als möglich überbauen ließen.

Neu im Dorf: die Mowag.
Neu im Dorf: die Mowag.

Neu ins Dorf gekommen ist die Mowag. Als Teil des US-amerikanischen Rüstungskonzerns General Dynamics modernisiert sie an der östlichen Dorfzufahrt Militärfahrzeuge für die Schweizer Armee. Das Mowag-Gelände mit den markanten Hallen gehört jedoch weiterhin der HIAG. Das Kürzel bezeichnet hier nicht die Hilfsgemeinschaft der Angehöriger der ehemaligen Waffen-SS, sondern einem aus dem Holzhandel hervorgegangenen Schweizer Immobilienkonzern, der dort, wenn der Mowag-Großauftrag abgewickelt ist, einmal Wohnungen bauen will. Wir ahnen es schon: Auch hier führen die Spuren im Grundbuch zum Goldinger zurück.

Ermatingen heute wäre sicher einen eigenen Film wert. Die Klassenverhältnisse mögen ihre Erscheinung gewandelt haben. In der Substanz aber bestehen sie fort, ob man sie nun sehen will oder nicht.

Text und Fotos: Ralph-Raymond-Braun

Nächste Vorstellung der „Klassenverhältnisse am Bodensee“ ist am Freitag, 15. September, 20 Uhr im Zürcher Kino Xenix . Voraussichtlich im November wird der Film auch im Konstanzer Zebrakino gezeigt werden.

Der Trailer zum Film ist hier zu sehen.

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