Theater ums Theater, seit 400 Jahren

Konstanz und sein Theater – kein konfliktfreies Verhältnis, und das nicht erst in jüngerer Zeit. Schauspiele kennt man zwar schon im Mittelalter, aber regelmäßige Aufführungen? Ein festes Haus fürs Theater? Das etablieren erst die Jesuiten Anfang des 17. Jahrhunderts in der Stadt. 400 Jahre später Anlass, ein großes Jubiläum zu feiern, damals kein Grund zur Freude: Am liebsten hätten die Konstanzer die Jesuiten gar nicht aufgenommen.

Zugegeben: Die „Gesellschaft Jesu“, wie sie sich offiziell nannten, kommt nicht, um den nebelgrauen Winter am See mit etwas Unterhaltung erträglicher zu machen. Das wenige Jahrzehnte zuvor noch evangelische Konstanz soll wieder rein katholisch und der protestantische Geist den Bürgern gründlich ausgetrieben werden. Geistliches Theater ist Teil eines am Ende erfolgreichen Programms der Gegenreformation.

Das heutige Stadttheater ist das ehemalige Jesuitengymnasium. Nach der Auflösung des Ordens 1773 befindet sich das Haus jahrzehntelang in Privatbesitz, wird verpachtet an wandernde Schauspieltruppen, denen es die Behörden nicht leicht machen. Erst 1852 kauft die Stadt die Immobilie, und noch einmal hundert Jahre wird es dauern, bis man sich dazu durchringen kann, das Theater als Eigenbetrieb zu führen. So lange sind es Theaterunternehmer, die mehr oder eher weniger glücklich für ein paar Jahre auf eigenes Risiko spielen.

Die städtische Theaterkommission wacht darüber, dass Sitte und Moral nicht in Gefahr geraten und religiöse Gefühle nicht verletzt werden. Regen Anteil nimmt die Presse, und das heißt, anders als heute: mehrere Zeitungen, konfessionell und politisch unterschiedlich ausgerichtet, meinungsstark und interessiert am Theater. Einflussnahme auf den Spielplan? Eine Selbstverständlichkeit. Mitreden will die Stadt – aber möglichst wenig ins Haus investieren. Der erhoffte Neubau kommt nie. Den Umbau besorgen die Nazis.

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1952 hat Konstanz endlich ein echtes Stadttheater, nachdem es zuvor beinah aufgegeben worden wäre. Das heißt: der Intendant ist jetzt städtischer Angestellter. Er genießt künstlerische Freiheit. Theoretisch. Aber die alten Routinen sind noch nicht ganz verschwunden. Wolfgang Borcherts antimilitaristisches Stück „Draußen vor der Tür“ mobilisiert 1956 einen früheren Regimentskommandeur und bringt am Ende Oberbürgermeister Knapp in Erklärungsnot. Der Streit um einen verschobenen Premierentermin wenige Jahre später wird bundesweit verfolgt und führt am Ende sogar zu einem Wechsel an der Spitze des Theaters – alles nur, weil in Dallas John F. Kennedy ermordet wird und Intendant und Oberspielleiter in der größten Stadt am Bodensee sich nicht vertragen.

Ende der 1960er Jahre droht wieder einmal die Schließung. Der Verein der Theaterfreunde formiert sich, Konstanz, jetzt Universitätsstadt, soll auf sein Theater nicht verzichten. Aber die Moderne, die mit einem Schweizer Intendanten 1980 auch die Provinz erreicht, schmeckt einigen Konstanzern nicht. Unterhaltung, Kunst, aber bitte keine allzu große Herausforderung an den Intellekt. Mit dem Theater verändert sich auch das Publikum.

Bis heute leistet sich die Stadt eine Bühne mit festem Ensemble. Streit um Inhalte, Streit um Personen gibt es immer wieder – auch in der Rückschau sind es die spannenderen Zeiten.

David Bruder (Bild: Stadttheater Konstanz)


In seinem Vortrag am Mittwoch, den 4. September um 19 Uhr im Rosgartenmuseum blickt der Historiker David Bruder zurück in die bewegte Geschichte des Konstanzer Theaters. Die Kosten für die Teilnahme am Vortrag inklusive Apéro betragen 7 €. Anmeldung bitte unter: katharina.schlude@konstanz.de oder 0049 (0)7531/900-913.