Wohnen zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Studierende wohnen schon immer in WGs, das ist einfach so – und was soll die laufende Pandemie da schon großartig ändern? Eine Umfrage der Soziologie an der Uni Konstanz zur Wohnsituation von Studierenden während Corona erlaubt erstaunliche, wenn auch nicht unerwartete Reflexionen und Schlüsse zum Konstanzer Wohnungsmarkt und der damit verbundenen Politik. Denn auch für Studierende ist die Situation eine Belastung, da es zu wenige Wohnungen gibt und die Mieten teils astronomisch hoch sind.

Im Rahmen einer Online-Umfrage der Fachgruppe Soziologie an der Uni Konstanz wurden zwischen dem 2.11.2020 und dem 2.12.2020 Studierende zu ihrer Wohnsituation und ihrer Zufriedenheit damit befragt. Die Umfrage erfolgte auf freiwilliger Basis, erbrachte 742 auswertbare Interviews (7 Prozent der momentan 11.000 ordentlich Studierenden an der Uni) und ist damit nicht repräsentativ – gewährt aber einige interessante Einblicke: So gebe die Studie Hinweise darauf, dass der Großteil der Studierenden in Konstanz im wahrsten Sinn des Wortes eher aus gutem Hause stamme: 83 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Eltern Wohneigentum besäßen. Auch ihre eigene wirtschaftliche Situation bewerten die meisten als überwiegend gut.

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Viel Geld für nichts?

Das ist insbesondere im Hinblick auf die Wohnverhältnisse der Konstanzer Uni-Studierenden interessant. Man/frau wohnt standesgemäß überwiegend in WGs, Erstsemester am häufigsten in Wohnheimen, während Langzeitstudierende im Verlauf ihres Werdegangs immer mehr in eigene Wohnungen ziehen. Diese Entwicklung ist leicht zu erklären: Viele Erstsemester haben aufgrund des Konstanzer Wohnungsmarktes Probleme, eine Bleibe zu finden. Immerhin 8 Prozent der Befragten haben angegeben, zu Semesterbeginn noch auf Wohnungssuche zu sein. Und mit steigender Semesterzahl tun sich den Suchenden dann eben immer Möglichkeiten auf, zumal sich unter den fortgeschrittenen Studierenden auch etliche befinden dürften, die in Promotionsstudiengängen eingeschrieben sind und damit teilweise zumindest etwas mehr Geld zur Verfügung haben. Die Umfrage unterscheidet nämlich nicht zwischen „ordentlich“ eingeschriebenen Studierenden und Promovierenden.

Die Mieten sind, wie üblich in Konstanz, gesalzen, die „Stadt zum See“ spielt längst in der oberen Liga der Wohnungskosten mit. Auch wenn OB Uli Burchardt insbesondere angesichts der letztjährigen Wahl im Südkurier beteuert hat, die Situation sei hier ja gar nicht so schlimm, und auf gemittelte, nicht repräsentative Quadratmeterpreise sowie die aktuellen Bauprojekte der WOBAK verweist, sind allein schon die durchschnittlichen WG-Zimmer-Preise in Konstanz einschlägig: Mit gut über 400 Euro ist man dabei in guter Gesellschaft deutscher Großstädte wie Berlin, Frankfurt oder Stuttgart, die allesamt für ihren prekären Wohnungsmarkt berüchtigt sind (vgl. hier eine Übersicht der Zeit).

Zufriedenheit und Ungewissheit

Dabei sind die Studierenden in Konstanz mit ihren Unterkünften nach eigenen Angaben eher zufrieden und bewerten den Zustand ihrer Wohnung zum Großteil subjektiv als „gut“ oder „sehr gut“. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt und diese Angabe in Bezug dazu setzt, dass 83 Prozent die Wohnungssuche als „schwierig“ oder „sehr schwierig“ empfunden und die Hälfte sich als Studierende bei der Wohnungssuche benachteiligt fühlten. Bei den Befragten war dabei die Sorge, keine Bleibe zu finden, stets präsent und führte häufig zum Herabschrauben der eigenen Ansprüche. Umso glücklicher sind damit alle, die etwas gefunden haben: Auf 13 Wohnungsanfragen kommen im Schnitt 11 Absagen, und wer eine Zusage erhält, nimmt sie eigentlich auch immer an. „Zufriedenheit“ mit der eigenen Wohnung oder WG mag in diesem Kontext wohl auch heißen, dass man froh ist, überhaupt etwas gefunden zu haben.

Insofern gestaltet sich der Wohnungsmarkt für Studierende in Konstanz eigentlich auch nicht anders als für andere NormalmieterInnen. Sie sind aber wesentlich weniger anspruchsvoll. Man kann zwar argumentieren, dass WGs ein ganz famoser sozialer Schmierstoff sind und daraus auch großartige Freundschaften und Erkenntnisse fürs weitere Leben entstehen können. WGs sind toll, Sie sind aber immer ein Kompromiss zwischen persönlicher finanzieller Situation und der Lage auf dem Wohnungsmarkt. Denn wenn das Geld da ist, wohnen auch Studierende für gewöhnlich lieber in Einzelwohnungen als in Wohngemeinschaften.

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Corona? Alles wie gehabt

Corona prekarisiert diese Entwicklungen, allerdings in sehr ungleichem Ausmaße. Studierende aus reicheren Haushalten könnten pandemiebedingte Jobeinbußen sehr viel besser abfangen als ärmere. Damit decken sich die Ergebnisse der Umfrage mit der allgemein sichtbaren Entwicklung, dass wenig finanzstarke Haushalte (und Betriebe) von Corona sehr viel häufiger in Bedrängnis gebracht werden als diejenigen, denen es besser geht.

Dennoch bleibt die Wohnsituation für Studierende in Coronazeiten erstaunlich stabil, denn die meisten Befragten spüren nur geringe Veränderungen hinsichtlich ihrer Arbeits- und ihrer Wohnsituation. Laut Befragung müssen die wenigsten wegen Corona um- oder ausziehen und diejenigen, die sowieso eine Wohnung brauchen, suchen sie auch noch während des Lockdowns. Auch wenn alle Lehrveranstaltungen online ablaufen und weite Teile des Soziallebens brachliegen, wohnt man immer noch möglichst „vor Ort“.

Und die Konstanzer Wohnungspolitik?

Die holzschnittartige Umfrage zeigt aber eben auch den versauten Konstanzer Wohnungsmarkt, auf den viele verschiedene Faktoren Einfluss haben. Denn Studierende sind in dieser Hinsicht vor allem wenig finanzkräftig und das macht sie für den Großteil der von der Stadt gerade errichteten Bauprojekte eher uninteressant. Die über die Stadt verteilten Wohnheime fangen zwar einiges ab, sie können aber nicht die WG-Strukturen ersetzen, die für Studierende notwendig sind, um sich in ihrer Stadt heimisch zu fühlen. Denn trotz aller WOBAK-Bauvorhaben erweckt die aktuelle Konstanzer Wohnungspolitik eher den Eindruck querfinanzierten Spekulantentums, schaut man auf das ehemalige Vincentius Areal /Laubenhof oder die „Sanierungen“ der Vonovia in der Schwaketenstraße. So ganz kann mensch sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier Politik (und Wohnraum) bevorzugt für eine ganz bestimmte Klientel gemacht wird.

Diese Klientel spiegelt aber nicht den wirklichen Bedarf an Wohnraum wieder, sondern soll vor allem Kapital für jeweiligen Immobilienfirmen erwirtschaften. Entsprechende Gewinne macht man eben über horrende Quadratmeterpreise, Eigentumswohnungen und luxuriöse Ausstattung. Finanzschwache GeringverdienerInnen, zu denen die Konstanzer Studierenden auch trotz eher wohlhabender Verhältnisse und Elternhäuser immer noch zählen, haben da das Nachsehen. Deswegen wäre es wünschenswert, dass das Rathaus endlich diejenigen ins Zentrum der Wohnungspolitik rückt, die auch tatsächlich den Großteil der Nachfrage ausmachen. Und das betrifft alle, die in Konstanz wohnen möchten, unabhängig davon, ob sie eine Immatrikulationsbescheinigung besitzen oder nicht.

Alles Heuchler?

Ein Satz in der Studie allerdings lässt aufhorchen: „Bei sonst gleicher Ausstattung und im Durchschnitt präferieren die Studierenden dann eben doch die günstigere Wohnung ohne klimaschonende Ausstattungsmerkmale statt die leicht teurere, energetisch optimierte Wohnung. Dies mag zwar für manche ein ‚enttäuschendes‘ Ergebnis sein, bestätigt aber Erkenntnisse der Umweltsoziologie: Appelle allein oder ein hohes Umweltbewusstsein reichen eben nicht, um umweltschonendes Verhalten zu generieren, da die Menschen erstens tendenziell Trittbrettfahrer sind (wenn sich alle anderen zurücknehmen, kann ich es mir leisten, nichts zu tun) und zweitens in der letzten Konsequenz meistens nach materiellen Anreizen handeln.“

Sind die teils grünversifften Klimaschreihälse da oben an der Uni also Heuchler, die ihre Überzeugungen für ein paar Euro verkaufen?

In Wirklichkeit haben die meisten Studierenden auf der Suche nach Wohnraum keine große Auswahl und verfügen weder über sonderliche Marktmacht noch über die finanziellen Mittel, um auf dem kommunalen Wohnungsmarkt viel zu ändern. Und wo sind denn eigentlich all die energetisch optimierten, bezahlbaren Wohnungen für die unteren Einkommensschichten, die von der Studentenschaft um ein paar lumpiger Kröten willen schnöde verschmäht werden?

MM/jh (Bild: Studentenwohnheim, O. Pugliese)

Weitere Informationen:
Zur Kurzfassung der Studienergebnisse geht es hier.