Wir sind die Wurzelkinder

Dieser Kindergarten ist anders als andere in Konstanz. Dabei ist es nicht in erster Linie der reizvolle Standort am Rand des Schwaketen­forsts oder das rustikale Bauwagen-Ambiente, das den Waldkindergarten abhebt. Zu etwas Besonderem macht die von einem Verein getragene Einrichtung vor allem das natur­päda­go­gische Konzept, dem die Betreuung folgt. Es verweigert sich dem Zwang, Kinder schon im Vorschulalter für die kapitalistische Konkurrenzgesellschaft herzurichten. In diesem Jahr wird der ziemlich besondere Kindergarten 20.

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Eigentlich ist es ganz einfach.

„Wir sind die Wurzelkinder / Und haben einen Wald. / Wir spielen immer draußen, / Egal, ob warm ob kalt. / Und wenn es einmal regnet, / Das macht uns gar nichts aus. / Wir hüpfen in die Pfützen / Mal rein, mal wieder raus.“

Eigentlich ist es ganz einfach: ein Haufen Kinder, ein Grundstück mit einem Bauwagen, achtsame Erzieherinnen und Erzieher und ein Wald mit allem, was dazu gehört. Wind und Wetter, Matsch und Kletterbäume, Käfer, Schnecken, hie und da mal ein Reh, Kräuter, Pilze, Stock und Stein. Eigentlich genau das, was man sich vorstellt, denkt man an klassisch gewordene Kinderbücherkindheiten von Astrid Lindgren bis Otfried Preußler. Es ist nicht: fit machen für die kapitalisierte Leistungsgesellschaft und den globalen Wettbewerb. Es ist nicht die ‚Förderung‘ von ‚Kompetenzen‘ von Frühchinesisch bis Computerprogrammierung. Es ist das Angebot, dem spielerischen Lernen den Raum zu geben, den es braucht, um sich ohne Zwang zu entwickeln. Denn das ist die Grundannahme, die Wette auf die Zukunft: Kinder lernen spielend, wenn man sie nicht daran hindert. Kinder lernen spielend, wenn man ihnen einen Rahmen setzt, innerhalb dessen sie sich sicher und gehalten fühlen. Kinder, die so spielen dürfen, können entwickeln, was sie mehr als alles andere brauchen: eine intensive Verbindung zu ihrer eigenen Lebendigkeit als Quelle guter Beziehungen zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu der Welt, in der sie leben.

Waldkindergärten und Naturpädagogik sind fest davon überzeugt, dass die ’natürliche‘, also nicht bereits auf bestimmte Lernziele hin optimierte Umwelt der allerbeste Raum ist, um lebendig zu wachsen. Vorgefertigte Spielzeuge gibt es folglich kaum: jeder Stein, jedes leere Schneckenhaus, jeder Stock kann Anlass eines Spiels sein. Wer so spielt, ist nicht nur imaginär, sondern auch sprachlich und sozial gefordert, denn um miteinander spielen zu können, muss erst einmal ausgehandelt werden, was dieser Stock, dieser Stein oder diese Wiese denn vorstellen sollen.

Lernpsychologisch spielt die körperliche Bewegung in den Kindergartenjahren eine ganz zentrale Rolle. Welt will buchstäblich be-griffen, durchlaufen, erfühlt und errutscht werden. Diese Dimension eines ganzheitlichen und nicht einseitig ‚Funktionen‘ oder ‚Kompetenzen‘ privilegierenden In-der-Welt-Seins bahnt einer gesunden physischen, emotionalen und kognitiven Entwicklung den Weg. Es geht also nicht um ein romantisierendes Zurück-zur-Natur, wiewohl man natürlich hofft, dass Kinder, die in engem Naturkontakt aufwuchsen, diesen auch als Erwachsene nicht gänzlich verlieren werden.

Die ersten Waldkindergärten wurden bereits in den 1950er Jahren in Dänemark und Schweden gegründet. In Deutschland seit den 1968er Jahren praktiziert, wurden sie erst Anfang der 1990er Jahre staatlich anerkannt und förderungsfähig. Es handelt sich (man darf vermuten, auch der vergleichsweise geringen Kosten wegen) um eine echte Erfolgsgeschichte: über 1500 Einrichtungen zählt der Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten in Deutschland. Tendenz steigend.

Der Konstanzer Waldkindergarten geht auf die Initiative von Lothar Damaschek und Gundula Rose im Oktober 1997 zurück. Ein halbes Jahr nach dem ersten Treffen wurde ein Verein gegründet. Bis heute ist dieser Verein Träger des Kindergartens. Ein Jahr später kann es dann mit 17 Kindern, zwei Erzieherinnen und einer Praktikantin losgehen. Sturm Lothar macht im selben Jahr noch einmal einen Strich durch die Rechnung: fallende Bäume zerstören den Bauwagen und der Kindergarten ist heimatlos. Am 6. Mai 2000 überreicht der Konstanzer Handwerkerverein einen neuen, acht Meter langen, von verschiedenen Handwerken ausgestatteten Bauwagen dem Kindergarten. Noch heute steht dieser Wagen auf dem Grundstück in der Nähe des Schwaketenbades. In der Nachbarschaft gibt es inzwischen zwei weitere Grundstücke, eines für die 2002 gegründete zweite Gruppe, die seit 2005 nicht mehr im Loretto-, sondern auch im Schwaketenwald unterwegs ist und eines für den Verein. Insgesamt 40 Kinder in zwei Gruppen werden nunmehr jeden Vormittag von einem Team von vier ErzieherInnen, ergänzt durch PraktikantInnen und FSJlerInnen, auf ihren Erkundungen durch den Wald begleitet.

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Nach 20 Jahren ist es Zeit für ein großes Fest. Am 25. Mai lädt der Waldkindergarten alle Interessierten und Feierlustigen von 11 bis 18 Uhr zu Kräuterwanderung, Holzwerkstatt, Märchenzelt und Seilparcours bei Dünnele, Kaffee, Kuchen und Eis ein.

Albert Kümmel-Schnur (Text & Fotos)


Informationen unter waldkindergarten-konstanz.de.