Warum Aktivismus grundsätzlich optimistisch ist

Sie demonstrieren mit entschlossenen Gesichtern und beklagen mit ernsten Mienen die Untätigkeit – oder Unfähigkeit – der Regierenden. Angesichts der Klimakatastrophe gibt es ja auch nichts zu lachen. Aber sind die Klimaaktivist:innen so pessimistisch, wie sie oft aussehen? Eine positive Einschätzung zum Jahresbeginn.

„Sie sitzen hier. Eine eloquente, kluge, junge Frau und sagen zum wiederholten Mal, was da alles droht und malen die Apokalypse an die Wand. Ich frage mich die ganze Zeit (…): Was ist das für ein Menschenbild? Sie sitzen hier mit zwanzig, Sie müssten optimistisch sein, Sie müssten Zutrauen haben in die Fähigkeiten von Menschen.“ Das fragte Anfang November Markus Lanz die Aktivistin Carla Rochel (auf Video ab Minute 37:40). Auch wenn der Talkshow-Moderator die Vertreterin der Letzten Generation eher von oben herab ansprach: Die Frage nach dem Menschenbild war nicht blöd.

Immer wieder beschäftigt Menschen, was für ein Menschenbild hinter Aktivismus steht. Ich kann sagen: Es ist ein von Grund auf tief Positives, auch wenn es eine:n nicht immer auf den ersten Blick anspringt.

Die Gemütslage, die Markus Lanz verkörpert, kennen viele selbst: Beim Aufschlagen der Zeitung am Morgen blickt man in die verzerrten Gesichter von Demonstrant:innen, Menschen starren mit leeren Augen in Kohlegruben, mitunter laufen auch Tränen über die Wangen. Glücklich oder zufrieden sehen die Antlitze nicht aus. Das löst inneren Widerstand aus; instinktiv bauen viele eine Mauer zwischen ihre eigenen beunruhigenden Gedanken und dem Küchentisch. Es schmerzt, Mitmenschen so zu sehen. Niemand verbindet mit diesen Bildern positive Gefühle.

Aufgeben ist einfach

Doch die solchermaßen sichtbaren negativen Emotionen sind nur Oberfläche. Wir müssen den Blick darunter wagen und sollten uns angesichts schwer verdaulicher Kost nicht in Stammtischparolen gegen Aktivist:innen stürzen. Denn wer tiefer unters Eis blickt, entdeckt bald eine sprudelnde Quelle von Zuversicht und Optimismus.

Begeben wir uns auf Exkursion und erforschen den Eisberg. Oberste Schicht: Der Wille aktiv zu werden. Er kommt oft aus Empörung, Wut und Verzweiflung. Trotzdem sind nicht alle Wütenden, Verzweifelten aktiv. Warum? Weil die Schicht unter der Oberfläche fehlt. Klima-Aktivist:innen sind hingegen auf den ersten Blick hin zwar eher unauffällig, koppeln ihre Handlungen aber – und das ist ein Muss – an klare politische Forderungen, die wissenschaftlichen Erkenntnissen entstammen.

Eine negative Haltung oder schlechte Erfahrungen können somit nicht den Schubs in den Aktivismus bewirken. Aber was dann? Es ist der Gedanke der Selbstwirksamkeit; die grundsätzliche Überzeugung, gut genug zu sein, um etwas zu verändern.

Und dies ist von Grund auf optimistisch. Aktivist:innen sind nicht mit Megafon und dem neusten Wissenschaftsmagazin in der Hand auf die Welt gekommen. Sie haben sich fürs Handeln entschieden, weil sie sehen, welche Verantwortung auf ihren Schultern lastet. Und beschlossen, eine aktive Rolle auf der Bühne des Weltgeschehens zu spielen. Gäbe es nicht dieses Zutrauen in sich und die Welt, hätten sie längst resigniert oder wären nie aktiv geworden. „Vielleicht ist es auch Sturheit, pure Uneinsichtigkeit“, mögen manche einwerfen. Doch dieser Gedanke geht nicht auf: Aufgeben ist einfach, weiterkämpfen nicht.

Wir sind es wert

Was ist das also für ein Menschenbild? Du vor dem Bildschirm, genau du, kannst etwas verändern! Du bist es wert, dass du überlebst. Du darfst für deine Bedürfnisse und Interessen einstehen und sie äußern. Du darfst dich trauen, deine Welt mitzugestalten. Du bist es wert, dass man dir zuhört. Skandalös dieses Menschenbild, nicht wahr?

Ich glaube, Lanz sprach eigentlich von Verdrängung, nicht Optimismus. Dass man mit zwanzig Jahren jeden Tag Fußball spielen sollte, in die Uni gehen, einen Kochkurs belegen, vielleicht noch Klavier spielen und dann schön ins Bettchen. Sorglos leben. Auch wir würden uns so was wünschen. Es macht niemandem Spaß, jeden Tag zu realisieren, in welcher lebensbedrohlichen Lage wir uns befinden und dass kein Superscholz uns retten kann. Natürlich könnten auch wir die Ohren vor der Wissenschaft verschließen, fernab der Realität leben, keine Verantwortung übernehmen. Die Klimakativisti sehen und schätzen, dass man ihnen ein müheloses Leben wünscht. Aber haben wir nicht gesehen, wohin uns das geführt hat?

Traut euch, unter die Oberfläche zu schauen.

Text: Isabelle Lindenfelser von der Klimablog-Redaktion
Fotos (nicht immer nur grimmig: Klimakundgebung auf der Konstanzer Markstätte [März 2019] und Klima-Demo im September 2022): Pit Wuhrer 

Für Optimist:innen und alle anderen: Fridays and Students for Future Konstanz rufen zu einer Lütherath-Solidaritäts-Demonstration auf. Zeit: Mittwoch, den 11. Januar 2023, 18 Uhr. Ort: Marktstätte Konstanz, am Kaiserbrunnen.

Der Klima-Blog (hier die 102. Ausgabe) wird von Aktivist:innen von Fridays for Future Konstanz verfasst. Sie entscheiden autonom über die Beiträge. Frühere Artikel und Blogs finden Sie HIER.