„Verbesserungen“ beim Fahrkartenkauf

Es gibt immer noch kein flächendeckendes Buchungssystem für Fahrkarten im Nahverkehr, das für den Kunden ohne Kenntnis der jeweiligen Tarife der einzelnen Verkehrsverbünde bedienbar ist. Wer mit dem Bus von Reutlingen nach Tübingen fahren will, muss sich mit Naldo beschäftigen, wer von Radolfzell nach Hegne fahren will, muss beim VHB buchen. Ein Versuch, zumindest für Teile Baden-Württembergs ein einfach bedienbares System für Smartphones zu etablieren, wurde jetzt eingestellt.

Es ist zugegebenermaßen schon viele Jahre her, als ich an den Fahrkartenschalter zu Konstanz trat, um für meinen halbwüchsigen Sohn eine Fahrkarte von Horb nach Tübingen zu kaufen, wie ich das schon Dutzende Male getan hatte. Zu meiner Verblüffung hieß es, man verkaufe keine Fahrkarten für diese Strecke mehr, weil Horb seit kurzem zum Verkehrsverbund Naldo gehöre und die DB keine Fahrkarten innerhalb von Verkehrsverbünden verkaufen dürfe. Schließlich gebe es ja am Konstanzer Schalter auch keine Fahrkarten von X nach Y oder von A nach B. Ich müsse diese Fahrkarte jetzt in Horb am Automaten ziehen.

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Auf meinen Einwand, dass wir dadurch den Anschluss in Horb verpassen und eine Stunde länger unterwegs sein würden, wurde mir gesagt, dann müsse ich halt in Konstanz eine Stunde früher losfahren, um pünktlich anzukommen. Als ich nachhaltig darauf insistierte, zu erfahren, worin denn die Kundenfreundlichkeit dieser Neuregelung bestehe, wurde ich am Ende beschimpft. Die Frage nach der Kundenfreundlichkeit wurde auch am Schalter in Horb als potenziell beleidigend gewertet und mit einer Gegenfrage beantwortet: „Warum wollen Sie das wissen?“ Auf solche Fragen, so lernte ich damals, gibt es prinzipiell keine Auskunft. Man händigte mir schließlich eine gebührenpflichtige Telefonnummer aus, unter der solche Fragen beantwortet würden.

Ich habe dort natürlich nie angerufen, denn da war es wieder: Dieses tolle Gefühl, in den Augen der Obrigkeit nichts weiter als ein höchst lästiger Beförderungsfall zu sein.

Damals ging mir erstmals ein Licht auf, welch Wahnsinn das System der Verkehrsverbünde für zumindest einzelne Betroffene denn ist. Interessiert mich, ob ich im Naldo-, dem TUTicket- oder dem VHB-Gebiet unterwegs bin? Natürlich nicht, lasst mich doch einfach mit diesem Scheiß in Ruhe! Verkauft mir einfach eine Fahrkarte, ich will doch nur von A nach B! Hilfe!

Smartphone-Apps sind unübersichtlich

Wer glaubt, das Smartphone könne ihm weiterhelfen, sieht sich getäuscht, man befindet sich weiter in der Steinzeit der Kirchturmspolitik. Hier müssen FahrkartenkäuferInnen erst einmal herausfinden, in welchem Verkehrsverbund sie sich gerade befinden. Dann müssen sie auch noch dahinterkommen, über welche App der jeweilige Verkehrsverbund seine Tickets anbietet.

Ein Beispiel gefällig? Über die App HandyTicket Deutschland lassen sich manche Fahrkarten von Verkehrsverbünden wie des einheimischen VHB kaufen, dort sind aber die angrenzenden Verbünde TUTicket oder Naldo nicht vertreten. Verbundtickets etwa für Waldshut, Freiburg oder Lörrach gibt es hingegen in der App DB Navigator, auch zu deren Buchung muss ich aber erst herausfinden, welcher Verbund für mich überhaupt zuständig ist. Diese Apps sind nichts weiter als eine einheitliche Benutzeroberfläche für die Einzellösungen der einzelnen Verbünde und lösen damit kaum ein Problem. Für Vielfahrer, die auch einmal ihren heimischen Landkreis verlassen wollen, ist das eine ausgemachte Zumutung. Wie ein Hohn erscheint es, dass es im DB Navigator zwar Fahrkarten von Konstanz nach Warschau zu kaufen gibt, nicht aber von Konstanz nach Singen – und dabei handelt es sich ab Konstanz auch noch um denselben Zug.

Ganz in dieses Bild passt, was jetzt der VCD [Verkehrsclub Deutschland e. V.] in einer Pressemitteilung beklagt: Rechtzeitig vor Weihnachten wurde die digitale Fahrkarte ticket2go, die in mehreren Verbünden Baden-Württembergs funktionierte, ohne dass man sich mit Zonen, Waben oder ähnlichen bürokratischen Wahnideen herumschlagen musste, nicht etwa ausgeweitet – sondern abgeschaltet. Sie war erst am 1. April 2017 eingeführt worden. Über diese App konnte man sich beim Betreten eines Verkehrsmittels einfach an- und beim Verlassen wieder abmelden und erhielt bei mehreren Fahrten an einem Tag sogar nachträglich womöglich nur den Preis für eine billigere Tageskarte berechnet (Informationen zur Funktionsweise von ticket2go).

Vorwärts in die Steinzeit

Hier die Erklärung des VCD zur Abschaltung von ticket2go:

„Aus Fahrgastsicht ist der Wegfall des Angebotes ein deutlicher Rückschritt“, kommentiert VCD-Landesvorsitzender Matthias Lieb. Ursprünglich als DB-Angebot „Touch&Travel“ unter Einbeziehung des Fernverkehrs gestartet, hatten die Verbünde in Baden-Württemberg das Angebot fortgeführt. Der Fahrgast brauchte am Smartphone nur seine Starthaltestelle eingeben und bestätigen, schon hatte er eine gültige Fahrkarte. Am Ziel angekommen, musste man sich abmelden, der Fahrpreis wurde automatisch berechnet und später abgebucht – teilweise wurden die Fahrpreise auch nach Luftlinie statt Zonen ermittelt, so dass gerade kurze Strecken in Städten deutlich günstiger waren, erläutert Lieb das System.

Während in Baden-Württemberg dieses innovative System, an dem allerdings nicht alle Verbünde teilnahmen, gerade abgeschafft werde, erfreue sich ein nach gleichen Prinzipien, nur leistungsfähiger arbeitendes System aus der Schweiz immer größerer Beliebtheit: „Fairtiq bzw. Easyride sind zwei Fahrkartenapps in der Schweiz, mit denen der Fahrgast ganz einfach Fahrkarten kaufen kann, indem er am Startort auf seinem Smartphone die Fahrt mit einem Klick beginnt und am Zielort die Fahrt beendet – schon hat er eine gültige Fahrkarte und bekommt den besten Preis berechnet“.

Der VCD fordert eine rasche Einführung solch einfacher Fahrkartenbuchungssysteme auch für Baden-Württemberg – einheitlich über alle 22 Verbünde, den Landestarif und den Fernverkehr – nur so könne es gelingen, die Hemmschwellen für den Fahrkartenerwerb abzubauen.

In einem ersten Schritt sollten zumindest alle Verbünde auch ihre Handytickets über eine gemeinsame App anbieten, damit die Fahrgäste nicht 22 verschiedene Apps bei der Fahrt durch Baden-Württemberg benötigten, fordert der VCD.

Die deutsche Bahn bietet in ihrem DB Navigator bereits den Verkauf von Fahrkarten vieler Verbünde an, allerdings muss der Nutzer hier immer noch den Namen des Verkehrsverbundes und seine Start- und Zielhaltestelle kennen oder beim Routenservice von google.de/maps bestimmen.

Seit dem Fahrplanwechsel seien jetzt Fahrkarten folgender baden-württembergischen 11 Verbünde über den DB Navigator erhältlich: Freiburg, Heilbronn, Karlsruhe, Lörrach, Ortenau, Pforzheim, Bodo, Rhein-Neckar, Schwäbisch Hall, Stuttgart, Waldshut. Fehlen würden insbesondere der Naldo (Tübingen/Reutlingen), Ulm (Ding) sowie weiterhin viele kleinere Verbünde.

MM/Luciana Samos (Bilder: Symbolbilder von https://reiseauskunft.bahn.de/)