Unter dem Asphalt lauert der Garten Eden

Zugegeben, so manches Mal traut mensch seinen Augen kaum, wenn er liest, wie sich die Stadt Konstanz stolz im grünsten aller Mäntelchen präsentiert, und so manche Einheimischen reiben sich verwundert die Augen, weil sie sich des Eindrucks nicht erwehren können, dass der Kaiser in Wirklichkeit nicht grün, sondern nackt ist. Aber jetzt soll wenigstens der Stephans-Platz endlich erblühen, wahrscheinlich zumindest, und dafür gibt es eine eigene Online-Umfrage, an der wir alle teilnehmen dürfen.

Tun wir einen Blick zurück, und dies eher bekümmert als im Zorn: Seit Einrichtung der Fußgängerzone in der Innenstadt einschließlich des vormaligen Parkplatzes Marktstätte ist in Konstanz in Richtung einer lebenswerten, weil autofreieren Innenstadt nichts Gravierendes mehr passiert. Immerhin hatte die Stadt seither mit Horst Frank den ersten grünen Oberbürgermeister Deutschlands und hat gar unter dessen Nachfolger Uli Burchardt als erste deutsche Kommune den Klimanotstand ausgerufen.

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Räder rollen

Es wäre also allerhöchste Zeit dafür, mit jener Höchstgeschwindigkeit, die bei Erwerb und Einrichtung des Bodenseeforums für allgemeine Verblüffung sorgte, zumindest die gesamte Konstanzer Innenstadt autofrei zu machen und sich dann in den nächsten Jahren die anderen Stadtteile sowie die Vororte vorzunehmen. Viel geschehen ist bisher aber nicht viel in den mehr als acht Amtsjahren von Uli Burchardt, dem Grün-Schwarz-Grünen, jedenfalls nichts, was einer echten Verkehrswende auch nur nahekäme. Die Autos rollen durch die Bodanstraße zum Lago, Deutschlands bestem Shoppingcenter, und auf den Rheinbrücken bilden sich regelmäßig Staus. Ist das ein Zeichen für weniger motorisierter Individualverkehr? Oder gar für die unerlässliche Umverteilung des Verkehrsraumes zugunsten von ÖPNV und Fahrrad?

Ein Platz

Aber gut Ding will, wenn es um den Umwelt- und Menschenschutz geht, bekanntlich Weile haben, viel Weile sogar, und darum wird der große Sprung in die autofreie Verkehrszukunft jetzt erst einmal mit der – durchaus verdienstvollen – Umgestaltung des St.-Stephans-Platzes begonnen, an der die Bürger gehörig beteiligt werden sollen und müssen. In der Tat, dieser ehemalige Friedhof ist wenig ansehnlich und wirkt in seiner heutigen Hauptfunktion als Parkplatz eher unterfordert, wenn er nicht an den wenigen Markttagen kurz erblüht.

In Vor-Corona-Zeiten erblühte er sogar noch öfter, etwa einmal im Jahr zum Weinfest: Erst in der Abenddämmerung unter dem lauthalsigen Gejohle der Zechenden und später dann eher im Verschwiegenen, wenn sich einige seiner dunkleren Ecken und Einmündungen nächtens in ein Pissoir verwandelten – Orte der dringendsten Erlösung für die einen und Plätze des unverhohlenen Ekels für die anderen.

Im Irrgarten der Leidenschaften

Doch dem Platz steht eine große Zukunft bevor, nur ist noch nicht ganz klar, welche. Immerhin gab es am 21.10.2020, als Corona gerade mal eine Atempause einlegte, eine „Informationsveranstaltung Interessenvertreter“, bei der erste Ziele formuliert wurden. Das klingt schnell nach einer grünen Revolution, auch wenn es kaum so gemeint sein dürfte: „Langfristig gesehen soll der Stephansplatz autofrei werden. Den genauen Zeitpunkt entscheidet jedoch der Gemeinderat,“ heißt es in der zugehörigen Dokumentation, in der sich die Verwaltung einige der Fragen, die sie dann in leidenschaftlichstem Grünsprech beantwortet, gleich selbst stellt.

Der bestehende Bewuchs soll erhalten bleiben, und es soll sogar neue Bäume geben: „Ziel ist es, weitere Bäume zu pflanzen. Die Standorte müssen sorgfältig geplant werden. Neben den Anforderungen, wie ein funktionierender Wochenmarkt, private Zufahrten und Feuerwehrzufahrten, spielt vor allem die Archäologie eine wesentliche Rolle. […] Ein Großteil des Stephansplatzes war ursprünglich Friedhofsfläche. Das heißt, alles, was tiefer geht als 50 cm, bedarf archäologischer Grabungen. Ein Baum kann mit seinem Wurzelwerk historisches Erbe zerstören, deshalb muss für jede Baumpflanzung eine Grabung in Fläche des zu erwartenden Wurzelraumes vorgenommen werden.“ Recht so, denn nur wer historisches Bewusstsein entwickelt, kann die Gegenwart richtig einschätzen. Nur wer Jan Hus kennt, weiß schließlich, was die Kirche zugedacht hat all den Abweichlern und Ungläub… aber das gehört jetzt wohl nicht hierher.

Ein Minenfeld für Bäume

Wieso nur beschleicht so manche Zeitgenossen bei diesen rührenden Zeilen über Bäume und archäologisch wertvolle Hinterlassenschaften das komische Gefühl, dass die Archäologie und ein paar neue Bäume hier für etwas anderes stehen? Etwa dafür, weitere Zeit zu schinden, um das Gesamtprojekt einer grundsätzlichen Umverteilung des innerstädtischen Verkehrsraums zum Nachteil des Autoverkehrs nach Kräften hinauszuzögern? Oder vielleicht dafür, den Grün- und Klimabewegten ein paar Bröckchen hinzuwerfen, um davon abzulenken, dass angesichts des Klimawandels ein komplettes, noch immer ganz klar autozentriertes städtisches Verkehrssystem umgehend auf den Seziertisch von Stadtverwaltung und Lokalpolitik gehört?

Ab sofort steht eine Online-Umfrage im Netz, an der alle an der Zukunft des Stephans-Platzes Interessierten teilnehmen können – um auf der vermutlich erschreckend kurzen Reise in die Klimakatastrophe mal wieder einen Trippelschritt in die Gegenrichtung zu tun. Ein kleiner Schritt für die Stadt und ein viel zu kleiner für die Menschheit – aber hoffentlich wenigstens ein großer für die AnwohnerInnen und NutzerInnen, die mehr als eine Blechwüste mit Glascontainer vor ihrer Nase verdient haben.

O. Pugliese (Text und Bild)


Weitere städtische Informationen zum Stephansplatz finden sich hier.