Seher, Schlangen, Satire und Stuttgart 21

Peter Lenk hat geschafft, was nur wenigen Künstlern gelungen ist – Menschen nachhaltig mit seinen Werken zu beglücken. Seine Imperia, die anfangs Vielgeschmähte, ist zu einem Fotohit und Wahrzeichen geworden, und es gibt wohl kein schöneres Kompliment für ihn, als dass immer wieder Einheimische von Touristen mit der Frage „Wo ist denn hier der Brunnen?“ angegangen werden. In einem Kurzfilm spricht er jetzt über die Möglichkeit und Unmöglichkeit von Satire – am See und bei den Schwaben.

Nicht nur in Konstanz hat Lenk seine Wahrzeichen hinterlassen, auch in anderen Gemeinden um den Bodensee stehen Menschen zumeist schief lächelnd und mit der Hand auf dem Auslöser vor seinen Werken, auf deren Ankauf die meisten Stadtväter und -mütter oft noch lange stolz sind, auch wenn es manchmal empörte Diskussionen mit vielen etwas zu reichlich aufgeblasenen Backen gab, ehe das Kunstding endlich installiert wurde.

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Auch wenn die Lenks in der Region mittlerweile so zahlreich sind, dass mit der baldigen Einrichtung eines eigenen Weges für kulturbeflissene RadlerInnen zu rechnen ist (irgendein Marketingfritze macht daraus dann gewiss „mit dem Lenker zu Lenk“), garantiert jedes neue Werk doch immer wieder Aufmerksamkeit. Der Mann hat seinen eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden, und seine Werke sind unmittelbar verständlich wie Pop Art. Was will der gedemütigte Untertan mehr, als ab und zu mal über sich und vor allem „die da oben“ lächeln zu dürfen, weil sie in der Unterhose genauso schmerbäuchig dahocken wie alle anderen Menschen auch, oder weil sie sich auf der Karriereleiter im Businesspark bekämpfen wie sonst nur im wirklichen Leben.

An viel Kunst im öffentlichen Raum fährt oder läuft der Einheimische achtlos vorbei, aber durch den Lenk-Brunnen inmitten der Konstanzer Laube geht man doch immer wieder gern hindurch, das sind ein paar besondere Schritte auch an jenen Tagen, die im Halbkoma der Alltagsroutine vorüberziehen, als habe es sie auf der seifigen Rennbahn zwischen Wiege und Sarg gar nie gegeben.

Not amused

In einem viertelstündigen Dokumentarfilm von Martin Storz plaudert Lenk jetzt ein wenig aus dem Nähkästchen und weist auch auf die reale Bedrohung für satirische Kunst hin: Viele da oben – und besonders etliche Wirtschaftsführer – schätzen es nicht sehr, öffentlich karikiert zu werden. Selbst Großschriftsteller Martin Walser war mit seinem Reiter-Standbild in Überlingen nicht wirklich zufrieden, er behauptete, er habe sogar zu einem anderen Friseur gewechselt, um diesen Brunnen nicht sehen zu müssen. Seine markanten Augenbrauenbüschel sprechen jedenfalls dafür, dass er zumindest mit dem Friseurwechsel nichts falsch gemacht hat.

Peter Lenk gewann vor Jahrzehnten die erste größere Aufmerksamkeit in Berlin, ist heute aber längst von den BodenseeanwohnerInnen als „ihr“ Künstler vereinnahmt, obwohl die gezielte Provokation für ihn schon immer ein wichtiges Stilmittel seiner Kunst war und auf den ersten Blick so gar nicht zur Seeidylle passen will. Im Film berichtet Edzard Reuter, zur Zeit der Errichtung des Brunnens auf der Laube 1992 das Gesicht von Daimler-Benz, sein Kollege Werner Niefer sei damals wutschnaubend zu ihm gekommen, weil er sich in einer der Figuren des Brunnens wiedererkannt und verunglimpft gefühlt habe. Immerhin, der Brunnen macht sich mitten in der Stadt an der damals meistbefahrenen Route über den Auto- und den Geschlechtsverkehr lustig, zwischen denen Lenk eine gewisse Verwandtschaft zu erkennen vermag (welche, sagt er nicht, aber eine Gemeinsamkeit ist sicher, dass beide Verkehrsarten im Suff keinen rechten Spaß machen und andere gefährden).

Laokoon, der Seher

Edzard Reuter, übrigens einer der wenigen Genossen unter den Bossen, nahm damals Kontakt zu Peter Lenk auf und hat mit ihm eine seit Jahrzehnten gepflegte Bekanntschaft geschlossen. Er erweist sich im Film als klarer Anhänger der satirischen Kunst aus Bodman – und freut sich schon auf Lenks Arbeit zu Stuttgart 21, die seit längerem durch die Medien geistert. Reuter nennt bei dieser Gelegenheit das Stuttgarter Milliardengräble einen politischen Schwindel, bei dem die Öffentlichkeit von den Verantwortlichen mit falschen Zahlen genarrt worden sei.

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Für sein Werk hat sich der Bildhauer denn auch den trojanischen Seher Laokoon als Vorbild genommen, einen Klassiker der Bildhauerei, der vor etwa 2000 Jahren entstand: Laokoon hatte als einziger der Trojaner erkannt, dass das Trojanische Pferd, ein vermeintliches Geschenk der abziehenden Griechen, nur eine Kriegslist war, wurde aber samt seiner beiden Söhne umgehend von Schlangen getötet. Die Trojaner schlugen daraufhin seine Warnungen in den Wind, holten das hölzerne Pferd und die in dessen Inneren versteckten griechischen Kämpfer in ihre Stadt – der Rest ist dank Homer & Co. Weltliteratur und kann im wohlsortierten Buchhandel wohlfeil erworben werden. Zwingende Parallelen zwischen Laokoon und Stuttgart 21 sieht Lenk etwa in jenen Grünen, die vor der Wahl (wie Laokoon) vor dem Projekt warnten, aber nach der Wahl alle möglichen Kompromisse zu seiner Durchsetzung eingingen. Er erinnert in diesem Zusammenhang auch an eine Sentenz des damaligen Stuttgarter OBs Manfred Rommel: „Ist der Weg auch falsch und steinig,/Hauptsache, wir sind uns einig.“

Aber wohin mit dem neuen Laokoon, der in vertrauter Manier von einem ganzen Märchenzoo mehr oder minder Prominenter umgeben ist? Die Provinz hier am See ist, das macht der Künstler in diesem Zusammenhang deutlich, in mancher Hinsicht nicht so provinziell wie Stuttgart – denn bei den Schwaben fand sich bisher kein würdiger Platz für das raumgreifende Kunstwerk, es ist von einer kurzen Ausstellung die Rede, so dass das gute Stück am Ende vielleicht doch noch am Bodensee landen könnte. In Stuttgart ist es einfach unmöglich, so fasst Lenk seine Erfahrungen aus den letzten Jahrzehnten zusammen, sich satirisch mit Prominenten auseinanderzusetzen, dazu ist deren Einfluss zu groß. Aber er verspricht, auch weiterhin von unten mit Argusaugen auf die da oben zu schauen.

O. Pugliese (Bild: Filmausschnitt „Die nackte Wahrheit über Stuttgart 21“)

Mehr Informationen: https://lenk-in-stuttgart.de/