Schür kein Feuer, Siemens!

Bundesweit gingen am vergangenen Freitag in mehr als 30 Städten Fridays-for-Future-AktivistInnen gegen den Siemens-Konzern auf die Straße. Der Protest der Klima­schützerInnen richtet sich gegen die Absicht des Münchner Großunternehmens, am Bau einer gigantischen Kohle-Mine in Australien mitzuverdienen. Auch vor den Toren der Konstanzer Niederlassung versammelten sich am 10. Januar rund 20 Klima-AktivistInnen zu einer Mahnwache.

Hauptfinanzier und Betreiber des Carmichael-Steinkohlebergwerks im australischen Bundesstaat Queensland ist die Adani Group, ein multinationaler Mischkonzern mit Hauptsitz in Indien. Mit einem staatlich genehmigten Abbauvolumen von 60 Millionen Tonnen Kohle über 60 Jahre hinweg wäre die Mine im Nordosten Australiens eines der größten Bergwerke weltweit. Siemens will für das auf dem Kontinent heftig umstrittene Projekt die Signaltechnik für die zum Abtransport der abgebauten Kohle nötige Eisenbahntrasse beisteuern, die sich über eine Länge von rund 200 Kilometer erstrecken soll.

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Gegen dieses Infrastrukturprojekt, für das der Siemens-Vorstand im Dezember 2019 den Zuschlag erhalten hatte, laufen KlimaschützerInnen hierzulande seitdem Sturm. Sie haben allen Grund dazu: Die Carmichael-Mine zerstört die Natur, verdreckt Luft und Grundwasser, zudem bedroht der damit verbundene zusätzliche Schiffsverkehr die Ökosysteme und Lebewesen im Great Barrier Reef, einem UNESCO-Weltnaturerbe, bilanziert FfF in einem offenen Brief an Siemens-Chef Joe Kaeser die zu erwartenden Folgen des Kohleabbaus. Vor allem aber: „Der Bau neuer Kohleinfrastruktur steht im Widerspruch zu allen Ambitionen, das Pariser Klimaabkommen und das 1,5°-Ziel einzuhalten, um einen lebenswerten Planeten auch für die Zukunft zu erhalten.“ Die Verbrennung von Kohle trage durch den hohen CO2-Ausstoß massiv zur Erhitzung des Planeten bei. „Kohle ist ein Energieträger, der besser heute als morgen gestoppt werden muss.“

Tatsächlich könnten laut Expertenschätzungen durch den Betrieb der Mine und die Verbrennung der dadurch geförderten Kohle jährlich zwischen 80 und 130 Millionen Tonnen CO2 frei werden. Ein Volumen, das in etwa dem ein- bis anderthalbfachen jährlichen CO2-Ausstoß Baden-Württembergs entsprechen würde.

Zusätzliche Brisanz erfahren die von der australischen Regierung unterstützten Kohle-Pläne durch die gegenwärtig wütenden Flächenbrände auf dem fünften Kontinent, deren Ausmaß viele Umwelt- und KlimaforscherInnen mit der menschgemachten Erderhitzung in Verbindung bringen. Selbst die australische Regierung hat am Wochenende eingeräumt, die als Brandbeschleuniger wirkenden heißeren Sommer und häufigeren Trockenperioden der vergangenen Jahre seien dem Klimawandel geschuldet. Seit September wurde eine Fläche so groß wie die Niederlande ein Raub der Flammen, mindestens 26 Menschen und eine halbe Milliarde Tiere sind den Feuern bisher zum Opfer gefallen.

Für die Konstanzer Fridays-for-Future-Mitorganisatorin Lara Scherzinger ist das ein nur schwer zu begreifendes „Totalversagen“: „Während Australien, durch die Klimakrise angefacht, mit Feuern in noch nie dagewesenem Ausmaß kämpft, will Siemens sich am Bau einer Kohlemine beteiligen. Die Klimakrise und damit die Feuer werden so weiter angefacht.“ Das Unternehmen müsse seine Beteiligung an diesem Projekt unverzüglich beenden, fordert Scherzinger. Zwar sei der Konstanzer Standort nicht unmittelbar am Bau der Mine beteiligt, als Teil des Konzerns sei er jedoch ebenfalls in der Verantwortung. FfF-Aktivistin Noemi Mundhaas wirft Siemens vor, „die Transformation in eine moderne Zukunft“ zu unterbinden: „Durch das Festhalten an der Dinosauriertechnik Kohle verhindert der Technologiekonzern Siemens, dass neue Technologien zukunftsorientiertes, ökologisch verträgliches Wirtschaften ermöglichen. Siemens wird uns dadurch wieder ein Stück weiter Richtung globaler Kipppunkt bringen. Erreichen wir diesen haben wir den Klima Super-GAU.“

Schon vor den bundesweiten Demonstrationen hatten in der vergangenen Woche Tausende auf schriftlichem Weg gegen die Unterstützung des Kohleprojekts Protest angemeldet. So flatterten allein durch eine Aktion von Fridays for Future Siemens-Chef Kaeser 63.000 E-Mails ins Postfach, die den Ausstieg aus dem Projekt fordern, eine Eilpetition brachte es binnen weniger Tage bereits auf über 50.000 Unterschriften.

Massiver Protest, der in der Konzernzentrale nicht ohne Wirkung blieb. Noch am Freitag hatte sich Kaeser in Berlin mit VertreterInnen von Fridays for Future getroffen. Wie unter anderem die FAZ berichtet, hat der Konzernchef nach dem Gespräch die eigentlich für denselben Tag erwartete Entscheidung, ob der Vertrag erfüllt wird, auf den heutigen Montag vertagt. „Wir werden zügig entscheiden, wie wir mit dieser konfliktären Interessenlage umgehen“, zitiert ihn das bürgerliche Leitmedium. Neben warmen Worten für das Anliegen der KlimaschützerInnen zauberte Kaeser als Antwort auf die massive Kritik einen werbeträchtigen Vorschlag aus dem Hut: Der FfF-Aktivistin Luisa Neubauer bot der gewiefte Taktiker einen Sitz im Aufsichtsrat an. Schwer vorstellbar indes, dass die Projekt-KritikerInnen mit solchen Image-Gags zu beschwichtigen sind. Die umgarnte Neubauer lehnte Kaesers Offerte denn auch umgehend dankend ab. Und in Konstanz ließen die KlimaschützerInnen ebenfalls keine Zweifel an ihrer Entschlossenheit aufkommen: „Bis das Unternehmen seine Beteiligung an dem lebensbedrohenden Projekt beendet, wird Fridays for Future weiter Druck machen“, stellte etwa die Schülerin Frida in Aussicht.

MM/jüg (Foto: Fridays for Future Konstanz)