Sag‘ zum Abschied leise Servus. Was träumende Telefone Sammlern nachts in die Ohren wispern (Teil I)

Die größte fernmeldehistorische Sammlung in privater Hand in Deutschland, die Sammlung Schmidt, zieht um. Vor über dreißig Jahren hat der stellvertretende Leiter der Telekom-Niederlassung Konstanz, Dipl.-Ing., Dipl.-Wirt.-Ing. (TU) Hans-Dieter Schmidt, begonnen, sehr strukturiert materielle Quellen zur Geschichte der analogen Telefonie in Deutschland zusammenzutragen. Rund 10.000 Objekte sind es geworden: eine systematisch vollständige Darstellung des Sammelgebietes hinsichtlich der Endgeräte, der Schalt- und der Übertragungstechnik. Diese einmalige und unersetzliche Sammlung zieht jetzt in das vom Unternehmerehepaar Jörg und Susanne Wisser betriebene private Technikmuseum in den Hallen der ehemaligen Uhrenfabrik Kaiser in St. Georgen um.

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Was hatten Hans-Dieter Schmidt und seine Frau, Hannelore Schmidt-Lüdecke, nicht alles versucht in den letzten Jahren, um einen neuen Betreiber für die Sammlung Schmidt zu finden … Museen! Fehlanzeige. Hochschulen! Fehlanzeige. Schulen! Fehlanzeige. Gemeinden! Fehlanzeige. Bildungseinrichtungen! Fehlanzeige. Insbesondere die Ablehnung durch die lange und mehrfach umworbene Stadt Konstanz hat die Schmidts sehr geschmerzt – immerhin hatten sie einen Teil der Stadtgeschichte aufbewahrt und zugänglich gehalten.

too brilliant to succeed

Es ist wohl eine Leistung sui generis, all diese Fehlschläge ertragen zu haben und einfach stabil in der Überzeugung geblieben zu sein, dass es der Mühe wert sei, diese Sammlung über den Horizont der eigenen Lebenszeit hinaus zu retten. Wie oft glaubten die beiden sich schon am Ziel. Manchmal zogen Verhandlungen sich über ein ganzes Jahr hin, bevor da, oft in beschämender Kürze und Form, eine Absage kam. Nein, leider das nicht. Sorry. „Mögen hätt ich schon gewollt, aber dürfen hab ich mich nicht getraut“ – dieser Satz von Karl Valentin bringt den Tenor der Absagen ganz gut auf den Punkt. Und manchmal gab es einfach keine Absage. Tudidüüüt – kein Anschluss unter dieser Nummer. Von bestimmten Banken behauptet man manchmal, sie seien ‚too big to fail‘. Von dieser Sammlung hätte man über die Jahre den Eindruck bekommen können, sie sei ‚too brilliant to succeed‘. Diese Sammlung stand ja nicht erst mit der Abrissentscheidung im Rahmen des Umbaus der Fernmeldegebäude in der Moltkestraße ‚auf Abruf‘. Einen Gutteil ihrer Existenz verdankt sie dem Verhandlungsgeschick des Sammlers gegenüber den ständig wechselnden Verwaltungsstellen der Telekom und zuletzt auch der Großzügigkeit des neuen Eigentümers.

Unser Autor arbeitet seit 17 Jahren mit der Sammlung Schmidt. Mit mehreren hundert Studierenden der Universitäten Konstanz, Siegen, Köln, Berlin (HU), Lausanne hat er in diesen Jahren in der Sammlung gewirkt. 2010-2012 war im ehemaligen Reichspostgebäude an der Marktstätte eine Ausstellung in drei Teilen zu sehen, die Studierende der Fächer Literatur-Kunst-Medien und Informatik in insgesamt 5 Semestern gemeinsam erarbeitet und mit Unterstützung der Medienagentur jangled nerves in Stuttgart zu einer Ausstellung geformt hatten. „Fernbeziehung – vom Nutzen und Nachteil des Telefons für das Leben“ hieß diese Ausstellung.

1995 begann die gerade frisch privatisierte, von gelber und blauer Post nunmehr getrennte graue Post, die Fernmeldetechnik, die seither magentafarben als Telekom auftritt, Revisor:innen durchs Land zu schicken, um die OPD-Sammlungen, die Oberpostdirektorensammlungen, aufzulösen. Unsere Aufgabe war, so sagte es mir vor ein paar Jahren Lioba Nägele, eine der damaligen Revisorinnen, „alten Männern ihre Spielzeuge wegzunehmen“. Kein leichter Job für die heutige Kustodin für Nachrichtentechnik bei der Museumsstiftung Post und Telekommunikation im Depot Frankfurt-Heusenstamm. In Konstanz, meinte sie, habe sie ihren Meister gefunden. Lange habe man miteinander geredet, gearbeitet, um viele Einzelstücke intensiv gerungen. Und vieles sei dann eben doch in Konstanz geblieben.

Ein unbekannter historischer Schatz im Herzen der Stadt

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Die Lage war allerdings auch komplizierter als anderswo. Was jemand aufhebt in Deutschland, gehört – die Maultaschen lassen grüßen – auch als Abfall immer noch demjenigen, der es zuvor besessen hat, in diesem Fall also der Telekom. Ohne große Rücksichtnahme konnte also entschieden werden, was von der Sammelleidenschaft überführt werden sollte in die neu gegründete Stiftung Post und Telekommunikation, Rechtsnachfolgerin des vom Generalpostmeister Heinrich von Stephan 1872 gegründeten Reichspostmuseums. Und was dann doch weggeworfen werden musste. Die Konstanzer Sammlung war jedoch nicht nur erheblich größer als alle anderen Sammlungen, sie enthielt auch viel Privatkapital des Sammelnden. Man musste also erst einmal auseinandersortieren, was der Telekom und was Hans-Dieter Schmidt privat gehörte. Mehrere Lastwagen mit Objekten gingen nach Frankfurt. Danach war die Sammlung zwar quantitativ kleiner, aber qualitativ unangetastet. Die Museumsstiftung überschrieb alle in Konstanz verbliebenen Objekte dem Sammler. Hans-Dieter Schmidt war gelungen, was ihm in den folgenden Jahren immer wieder gelingen musste, wollte er sein Lebenswerk nicht verloren geben: die Sammlung zu retten.

… die stählernen Türen zu jener technischen Wunderkammer, die mich seither nicht mehr losgelassen hat

2004 lernte ich die Sammlung, den Sammler und nach und nach viele der Menschen, die mit der Sammlung beschäftigt waren, kennen. Claus-Jürgen Schumacher, ein bei der Telekom angestellter Ingenieur im Ruhestand, hatte an einem Seminar zur Geschichte der Bildtelegraphie in meinem ersten Konstanzer Semester teilgenommen. Zu Semesterende machte er mich auf den unbekannten historischen Schatz im Herzen der Stadt aufmerksam. Das müsse doch etwas für mich sein.

Damals war der Telekomturm, wie das Hochhaus in der Moltkestraße oft genannt wird, noch voll in Betrieb. Ich traf Herrn Schmidt, der später zu meinem Freund Hans-Dieter werden sollte, in der Betriebskantine im vierzehnten Stock. Wir saßen am Fenster, genossen den weiten Blick und bereits in diesem allerersten der unzähligen Gespräche, die wir seither miteinander geführt haben, sprach er von seiner Sorge, dass die Sammlung vielleicht bald den Standort wechseln müsse. Es brauchte dann noch, auch daran erinnere ich mich genau, zwei oder drei Treffen, bevor wir vom Restaurant im Hochhaus in den ersten Stock des Technikgebäudes gingen und die stählernen Türen zu jener technischen Wunderkammer, die mich seither nicht mehr losgelassen hat, sich zum ersten Mal für mich öffneten. Damals, so muss man erklärend hinzufügen, durfte man nicht öffentlich darüber sprechen, wo sich diese Sammlung genau befand. Denn, rein theoretisch, existierte sie ja nicht mehr. Auch einer jener Krisenmomente, die zu meistern Hans-Dieter Schmidt immer wieder gelang. Bevor ich also die gesammelten Herrlichkeiten sehen durfte, musste Herr Schmidt sich erst einmal meiner Vertrauenswürdigkeit versichern.

Text: Albert Kümmel-Schnur, Bilder: André Beckersjürgen, Studierende der HTWG