Radolfzell: Rassismus pur im Stadtbus

Dass die sprachliche Radikalisierung, meist verbunden mit rassistischen Äußerungen und verschwörungstheoretischen Absonderungen, auch im öffentlichen Raum ständig zunimmt, ist nicht neu. Aber die Hemmschwellen sinken ständig, wie auch ein aktuelles Beispiel zeigt, das uns ein Fahrgast zugetragen hat, der in Radolfzell mit dem Bus unterwegs war. Hier sein Beschwerdebrief im Wortlaut, den er an die zuständigen Stadtwerke Radolfzell übermittelt hat. Deren Antwort sehen auch wir mit Interesse entgegen.

Anzeige

Sehr geehrte Damen und Herren,
gestern und heute war ich geschäftlich in Radolfzell und habe auf meinem Rückweg heute (3.9., Anm.d.Red.) um 07.57 die Linie 1 von der Schlesigerstrasse zum ZOB genommen. Auf dieser Fahrt wurde ich Zeuge einer lautstarken Unterhaltung des Busfahrers (mit Berliner Akzent) und einer Kundin. Von den Inhalten dieses Gespräches sollten Sie als Arbeitgeber des betroffenen Busfahrers erfahren, da die Reputation Ihres Unternehmens und der Stadt Radolfzell damit massiv gefährdet werden.

Auf der knapp viertelstündigen Fahrt tauschten der Busfahrer und die Kundin für alle anderen Fahrgäste laut hörbar Verschwörungstheorien zur aktuellen politischen und sozialen Lage aus. Neben der generellen Leugnung der Existenz des Coronavirus wurden die von den Stadtwerken verordneten Sicherheitsmaßnahmen im ÖV, wie die Absperrung des Fahrersitzes mittels Klebeband, die Maskenpflicht für Fahrgäste und der empfohlene Sicherheitsabstand vom Busfahrer als „Unsinn“, „Volksverdummung“ und „Idiotendenken“ bezeichnet.

Es folgte der Austausch über weitere Theorien, wie der staatlichen Bereicherung am Maskenverkauf, der Ruinierung des Gesundheitswesens und der gezielten „Spaltung des deutschen Volksgeistes“ durch diese Maßnahmen und der „offensichtlichen Tatsache“, dass das Tragen von Masken „psychische Erkrankungen“ hervorrufe. Des weiteren wurde geäußert, dass die Wohnung der Bundeskanzlerin Dr. Merkel „auf einer direkten Linie“ zum Pergamonmuseum und einer Moschee liege, was, so die Aussage des Busfahrers, zeige, dass die deutsche Politik von ausländischen Kräften durchdrungen sei.

Nach dem Aufkommen des Begriffes Moschee wurden in Deutschland lebende Muslime vom städtischen Busfahrer mehrfach explizit als „Teufelsanbeter“ bezeichnet und die vermeintliche Überlegenheit eines „deutschen Christentums“ über andere „ausländische Sekten“ wie Muslime und Juden konstatiert.

Anzeige

Als weltoffener Fahrgast aus dem Ausland war ich entsetzt über den unverhohlenen Hass gegen religiöse Minderheiten, die Verbreitung absurder Theorien und den performativen Widerstand gegen Arbeitsanweisungen im Kontext des Sicherheitskonzeptes, die von einem Busfahrer der Stadtwerke öffentlich und während der Arbeitszeit gezeigt wurden.

Gerade in Zeiten, in denen eine größere Kundgebung der „Querdenker“ in der Bodenseeregion angekündigt ist, und öffentlicher Antisemitismus wie antimuslimischer Rassismus zu den größten Problemen der deutschen Gesellschaft gehören, können solche Äußerungen von den Stadtwerken Radolfzell als Arbeitgeber nicht hingenommen werden.

Ich bitte um eine interne Aufarbeitung der Vorfälle und eine öffentliche Stellungnahme der Stadtwerke zu ihrer Position in dieser gesellschaftlichen Debatte.

Der Name des Beschwerdeführers ist der seemoz-Redaktion bekannt.