Porträts provinzieller Gewalttäter

Der pensionierte Geschichtslehrer Walter Hutter, der seit 2014 das Stadtarchiv Markdorf betreut, hat in seinem Buch „Stützpfeiler der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in der Provinz“ eine differenzierte Mikrostudie über die Personen geschrieben, die von 1933 bis 1945 die Naziherrschaft in der Kreisstadt Überlingen durchsetzten. Fazit: Die fünf Nazis, die das Amt des Kreisleiters von 1930 bis Anfang 1945 ausübten, waren Typen aus verschiedenen Milieus mit unterschiedlichen Werdegängen.

Dies ist der erste Teil dieses Artikels, den zweiten Teil lesen Sie hier.

Auch die Täter haben Gesichter und vielfältige Spuren hinterlassen, wer also waren die Männer, die in Überlingen die Herrschaft der NSDAP vor Ort verkörperten? Walter Hutters biographische Porträts geben darauf ausführlich, differenziert und penibel quellengestützt eine lesenswerte Antwort.

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Von oben nach unten

Während die Kreisleiter zunächst mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten relativ formlos die „Gleichschaltung“ aller Lebensbereiche nach den Grundsätzen der NSDAP betrieben, waren sie ab 1935 (mit dem „Gesetz zur Gemeindeordnung“) und endgültig ab 1937 (mit dem „Organisationsbuch“ der Partei) die beherrschende Überwachungs- und Kontrollinstanz aller Behörden und Gremien auf kommunaler und Kreisebene. Das heißt, sie setzten den Führerwillen von oben nach unten durch und entschieden über die Besetzung aller öffentlichen Ämter wie Gemeinderäten, Bürgermeistern oder Verwaltungsmitarbeitern. Die drei letzten Kreisleiter, die jeweils nur wenige Wochen oder Tage in der Zeit von Ende Januar 1945 bis zum Kriegsende amtierten, fügen dem dann noch zusätzliche Facetten hinzu.

Von den acht Kreisleitern stammte nur der erste (Oexle) aus einer Tagelöhnerfamilie, die übrigen aus kleinbürgerlichen und großbürgerlichen Familien, zwei waren Fabrikantensöhne (Burk und Schmidt), einer war promovierter Chemiker (Schmidt), vier hatten Abitur, nur zwei hatten bloß den Volksschulabschluss (Oexle und Mensch). Vier hatten Kriegserfahrungen aus dem ersten Weltkrieg (Oexle, Mensch, Bäckert, Burk), zwei hatten sich nach dem Ersten Weltkrieg völkischen, rassistischen und antidemokratischen Organisationen angeschlossen (Oexle und Burk). Der einzige unter ihnen, der aus der untersten sozialen Schicht stammte (Oexle), bildete sich in den zwanziger Jahren schulisch und beruflich strebsam fort.

Für keinen von den Kreisleitern kann gesagt werden, dass sie sich als Verlierer der wirtschaftlichen und politischen Lage der NSDAP anschlossen, zumal ihr Amt in der Anfangsphase noch ehrenamtlich besetzt war und sie noch nicht entlohnt wurden.

Der ehrgeizige, strebsame und überzeugte Nationalsozialist Gustav Robert Oexle (1889-1945, geboren und gestorben im gleichen Jahr wie Hitler!) musste in seiner Jugend als „Dienstbub“ und dann in einer Textilfabrik in Volkertshausen arbeiten und war von 1909 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1920 bei der kaiserlichen bzw. Reichsmarine. Bei einer Seeschlacht am 8.12.1914 überlebte er als einer von 18 Matrosen die Vernichtung der deutschen Schiffe, wobei mehr als 2100 deutsche Menschen getötet wurden. Von 1914 bis 1916 war Oexle in britischer Kriegsgefangenschaft. Bis 1917 war er in der Schweiz interniert, kehrte aber von November 1918 bis März 1920 wieder zum Marinestandort Wilhelmshaven zurück.

Ein überzeugter Nazi

Bereits im Oktober 1918 hielt er als Überlebender des Kreuzergeschwaders Graf Spee vaterländische Vorträge in seiner alten Heimat am Bodensee und lernte dabei die in Nußdorf lebende Margarete Lang und deren Mutter Eugenie kennen. Die Familie Lang verschaffte Oexle eine Beschäftigung im Bezirksamt, aus der er 1922 wegen seiner rechtsextremistischen Tätigkeit für das Freikorps „Organisation Damm“ entlassen wurde. Im gleichen Jahr übernahm Oexle das Amt des Ratsschreibers in Nußdorf, das er bis 1933 ausübte. Die Amtsübergabe erfolgte durch den Landrat Hermann Levinger, der wegen seiner jüdischen Herkunft später zum Opfer der Nazis werden sollte.

Die Partei im Ort und Kreis hatte ihren Sitz im Haus von Margarete Lang und Gustav Robert Oexle, bis sie 1933 in die Löwenzunft in der Mitte Überlingens direkt gegenüber dem Rathaus umzog. Noch 1930 traten jüngere Bürgersöhne in Überlingen in die Partei ein, die fast alle in der Folge wichtige Ämter und Funktionen ausübten.

Gustav Robert Oexle (Foto privat)

Nach der letzten Reichstagswahl im März 1933 begann die Machtübernahme in Überlingen mit der Suspendierung des bisherigen Bürgermeisters Dr. Heinrich Emerich (Zentrum) und der kommissarischen Übernahme der Geschäfte durch den Rechtsanwalt Johann Schmid (NSDAP-Mitglied seit 1930) und schließlich der Wahl des Chemikers Dr. Albert Spreng zum Bürgermeister, der zuvor die NSDAP-Ortsgruppe in Meersburg geleitet hatte. Auch der bisherige Bürgermeisterstellvertreter, der Bäckermeister Hug (Zentrum), wurde im April 1933 entlassen, weil er am Geburtstag Hitler sein Haus in der Münsterstraße nicht beflaggt hatte und schon vor der Machtübernahme die Entlassung nationalsozialistischer Beamter gefordert hatte. Dr. Emerich verstarb überraschend am 31.5.1933, weil er die Demütigung nicht verkraftete. Franz Hug überlebte das Dritte Reich und wurde nach dem Krieg kurzfristig wieder Bürgermeister in Überlingen. Ende April 1933 wurde der Gemeinderat „gleichgeschaltet“. Alle diese Vorgänge wurden von Gustav Robert Oexle in seiner Funktion als Kreisleiter gelenkt. Vom März bis zum Juli 1933 lösten sich die demokratischen Parteien auf und missliebige Beamte in den Verwaltungen wurden entlassen und durch Nationalsozialisten ersetzt.

Partei als Karrierechance

Nachdem 1927 der Versuch der Gründung einer NSDAP noch nicht gelungen war und diese erst im Mai 1930 erfolgte, hatte die Partei Anfang 1933 erst 80 Mitglieder, im Mai 1934 waren es in der Stadt schon 200 und im Kreisgebiet bereits 1800. Im April 1933 zog Oexle in den Badischen Landtag ein, im November 1933 wurde er Reichstagsabgeordneter und hatte, nach dem geringfügig bezahlten Ratsschreibergehalt in Nußdorf, einer knappen Behindertenrente und den Einkünften aus der Fremdenpension Lang zum ersten Mal ordentliche Einkünfte. Die Stellung als Kreisleiter war damals noch ehrenamtlich.

Als Oexle schließlich 1934 „Gebietsinspekteur der Parteileitung“ im Stab von Rudolf Hess, „Beauftragter der Parteileitung“ und schließlich „Sonderbeauftragter im Stab des Stellvertreters des Führers“ für die Parteikanzlei wurde, musste in Überlingen ein neuer Kreisleiter gefunden werden. Obwohl sein Dienstsitz dann das „Braune Haus“ der Parteizentrale in München war, blieb Nußdorf sein ständiger Wohnsitz. Dadurch nahm er bis zum letzten Tag des Dritten Reiches Einfluss auf die Partei im Kreis einerseits und holte andererseits immer wieder prominente Nazis nach Nußdorf und Überlingen.

Oexle war ein guter Redner, galt als populärer und „anständiger“ Nazi, weil er am Beginn seiner Karriere aus ärmlichen Verhältnissen kommend ehrenamtlich tätig gewesen war. Zu Bürgermeister Dr. Spreng, den er seit Beginn seiner Tätigkeit in der Partei 1930 kannte, hatte er ein vertrauensvolles Verhältnis, das auf „Zuruf“ von der Löwenzunft hinüber ins Rathaus funktionierte, alle Personalentscheidungen im Rathaus gingen zuerst über seinen Schreibtisch als Kreisleiter.

Ende mit Theaterdonner

Ein besonderes Verhältnis hatte er zu Margarete Lang, in deren Familie er seit 1920 aufgenommen und schließlich adoptiert worden war. Nach dem Tod der alten Frau Lang (ausgerechnet an dem Tag, an dem das Dritte Reich begann, am 30.1.1933) lebten Gustav und die 12 Jahre ältere Gretel eine private Lebens- und politische Arbeitsgemeinschaft. Er führte die Partei in der Gemeinde, im Kreis und später als Mitarbeiter der Parteileitung in München, „Fräulein Lang“ die Frauengemeinschaften der Partei auf verschiedenen Ebenen.

Der aufgebahrte Sarg von Kreisfrauenschaftsleiterin Margarete Lang im Garten des Hauses Lang am 2. 5. 1944 (Foto privat)

Als am 28.4.1944 der Nachfolger Oexles im Amt des Kreisleiters Ernst Bäcker sturzbetrunken bei Immenstaad mit seinem Mercedes einen Unfall verursachte, bei dem Margarete Lang starb, fiel für Oexle seine Ersatzfamilie in Scherben, aber es gibt Anzeichen dafür, dass er auch in politischer Hinsicht gebrochen war. Obwohl Gauleiter Robert Wagner seinen Kreisleiter Bäckert nicht belangen wollte, setzte Oexle auf höherer Ebene (mit Hilfe Himmlers und Bormanns) durch, dass Bäckert bestraft wurde. Die fünfmonatige Haftstrafe, zu der Bäckert schließlich am 27.3.1945 verurteilt wurde, musste er erst vom August 1948 bis Januar 1949 absitzen.

Oexle trat nach diesem privaten Schicksalsschlag nicht mehr öffentlich in der Region auf, regelte seinen Nachlass zu Gunsten der Haushälterin Marie Rauscher und Verwandten seiner Mutter in Sipplingen und Bärental. Am 25. April 1945, dem Tag, an dem die französische Armee in Überlingen eintraf, verabschiedete er sich in der Stadt von seinem Parteigenossen und alten Kameraden Bürgermeister Dr. Spreng, der zu diesem Zeitpunkt schon aus der Partei ausgeschlossen war, weil er die Stadt kampflos und unversehrt den französischen Truppen übergeben wollte. Oexle begab sich nach Nußdorf und erschoss sich gegen 19:00 Uhr auf dem Grab von Margarete, das er im Garten ihres Anwesens angelegt hatte, mit seiner Dienstpistole, eine Stunde nachdem die französische Armee die Stadt Überlingen übernommen hatte.

Dieser melodramatische Tod passt zu der ehrgeizigen, im Sinne seiner Verblendung idealistischen Persönlichkeit Gustav Robert Oexles, dessen Biographie Walter Hutter eindringlich, detailliert und in vielen Aspekten schildert. Besonders eindrucksvoll sind die Texte von Ansprachen Oexles, deren Tonfall gelegentlich ins Religiös-Erhabene tendiert, und die privaten Aufzeichnungen Oexles, die einen tief verletzten Menschen zeigen.

Der zweite Teil dieses Textes folgt am Montag.

Oswald Burger (Anfangsfoto:  Autor Walter Hutter, privat)


Walter Hutter: Stützpfeiler der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in der Provinz. Die acht NS-Kreisleiter von Überlingen 1930–1945. UVK Verlag Konstanz 2020, 343 Seiten, 29 €.