„Nicht wegsehen, sondern handeln“

Der Katalog zur Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus in Konstanz wurde neu aufgelegt – für Tobias Engelsing ein Beitrag zur Meinungsbildung in einer Zeit, in der rechtsradikale und rechtsextreme Feinde die liberale Demokratie bedrohen.

Weltkriegsveteranen marschieren 1937 am Bodanplatz vor dem „arisierten“ Textilgeschäft Merkur vorbei.

seemoz: Herr Engelsing, machen Ihnen Björn Höcke und die AFD Angst?

Tobias Engelsing: Nein, Angst nicht. Aber wir sehen, dass autokratische, anti-liberale und sogar völkisch-antisemitische Vorstellungen von Staat und Gesellschaft wieder an Boden gewinnen. Ihre Vertreter sitzen als Abgeordnete in Landtagen, deren freiheitliche Verfassung sie abschaffen wollen: Der Feind der Demokratie bemächtigt sich der demokratischen Institutionen. Das muss freiheitsliebende Bürgerinnen und Bürger hellwach machen.

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seemoz: Als Sie das Jahresprogramm der Konstanzer Museen vorstellten, sagten Sie, man müsse Faschisten entschieden entgegentreten. Ist die Neuauflage des Buches Ihr Beitrag dazu?

Engelsing: Den Faschismus-Begriff schätze ich nicht, er ist seinerseits ideologisch befrachtet. Ich rede von rechtsradikalen und rechtsextremen Feinden der liberalen Demokratie, des Grundgesetzes und des Rechtsstaats. In Teilen vertreten diese politischen Kräfte eine neo-nationalsozialistische Ideologie: Abschaffung der Gewaltenteilung, Aufhebung des Grundrechtekatalogs für bestimmte Staatsbürger und ein Frauenbild der 1930er Jahre. Ein anschaulich geschriebener, reich illustrierter Katalog kann allenfalls ein Angebot zur Meinungsbildung sein und zwar für diejenigen, die auch weiterhin gerne in einem freiheitlichen Rechtsstaat leben wollen.

seemoz: In welchen Bereichen haben Sie Ihr Buch erweitert und aktualisiert?

Engelsing: Ausführlich habe ich dargestellt, wie die Schweiz mit Johann Georg Elser umgegangen wäre, hätte er das neutrale Land erreicht. Neu sind zudem kurze Kapitel über die wirtschaftliche Ausplünderung der jüdischen Konstanzer Bevölkerung von 1933 bis zur Deportation in die Lager 1940 und zur Emigration der Konstanzer Juden. Die längere Version dieser Themen findet sich in unserem im Südverlag erschienenen Buch „Das jüdische Konstanz. Blütezeit und Vernichtung“.

seemoz: Sie schreiben, Georg Elser wurde erst sehr spät geehrt, sein Sohn musste sich noch in den 80er Jahren anhören, sein Vater wäre ein Mörder gewesen – dabei ist Elser, wie wir heute wissen, einer der bedeutendsten Widerstandskämpfer der Nazi-Zeit gewesen. Sie waren der Initiator des 2009 enthüllten Denkmals für ihn. Damals erschien auch die Erstveröffentlichung des Buches. Warum ist es so wichtig, an ihn zu erinnern?

Engelsing: Elser ist ein Stachel im Fleisch der schweigenden Mehrheit, besonders aber der Eliten des damaligen Deutschen Reiches: Schon 1939 war ihm klar, wohin die NS-Herrschaft führen würde und er entschloss sich zum Tyrannenmord. Zu diesem Zeitpunkt waren Zehntausende Regimegegner in Konzentrationslagern inhaftiert, die jüdische Bevölkerung wurde offen terrorisiert und die Generäle wussten, welche aberwitzigen Kriegspläne Hitler verfolgte. Dennoch hielt die überwiegende Mehrheit der Deutschen bis 1945 zu Hitler und seiner Verbrecherbande. Elsers Tat taugt natürlich nicht unmittelbar als Handlungsanleitung für heute, aber er erinnert uns daran, dass wir rechtzeitig das Maul aufmachen und uns für den Erhalt der Freiheit engagieren sollten.

seemoz: Erst vor kurzem haben Antifaschisten aufgedeckt, dass die Terrorzelle „Gruppe S.“ Verbindungen zu Konstanzer Rechtsextremen hatte. Sind Sie froh über die Aktivitäten der Antifa?

Engelsing: Meiner Erinnerung nach war es vor allem den Ermittlungsbehörden zu verdanken, dass diese Gruppe aufgedeckt wurde. Wenn darüber hinaus gesellschaftlich engagierte Gruppen oder einzelne Menschen nicht wegsehen, sondern handeln, wenn Leute erkennbar rechtsextremes Brauchtum pflegen, ist das mutig und kann dazu beitragen, Verbrechen zu verhindern.

seemoz: Die Betroffenen selbst sehen sich zu Unrecht an den „rechtsextremen Pranger“ gestellt. Auch der Terror-Anschlag von Hanau habe laut AFD-Sprecher Meuthen nichts mit rechtsextremen Gedankengut zu tun, sei lediglich „die wahnhafte Tat eines Irren“. Sehen wir überall Nazis, wo keine sind?

Engelsing: Ich halte viel vom Rechtsstaat und von seinen Instrumenten: Am Ende wird ein Gericht feststellen, welche Straftatbestände bei der mutmasslichen Terrorzelle erfüllt sind. Dass Herr Meuthen nun jede nur greifbare Nebelkerze wirft, um Verbindungslinien zwischen Teilen seiner Partei und gewaltbereiten Rechtsextremen unsichtbar zu machen, liegt nahe. Leider ist die Wirkung von geistiger Brandstiftung, die zu solchen Taten ermutigt, mit den Mitteln des Rechts so schwer nachzuweisen. Das ist unter anderem Aufgabe sorgfältig recherchierender Medien, der Schulen und Hochschulen und aller Menschen, die öffentlich Gehör finden.

seemoz: Zurück zur Geschichte: Elser wollte am Tag seines Attentats in die Schweiz flüchten. Hätte er dort überhaupt Asyl bekommen?

Engelsing: Vermutlich nicht, denn die Schweiz stand mit dem Deutschen Reich in gutem Einvernehmen. Der Verursacher eines Mordversuchs am Staatsoberhaupt eines befreundeten Staates hätte in der damals überwiegend flüchtlingsfeindlichen Schweiz mit größter Wahrscheinlichkeit kein politisches Asyl erhalten, sondern wäre umgehend an die deutschen Strafverfolgungsbehörden beziehungsweise direkt an die Gestapo ausgeliefert worden.

seemoz: In der Schweiz geschah viel Unrühmliches während der NS-Dikatur, von der Schliessung der Grenzen über das Duckmäusertum der Medien bis hin zu der in manchen Kantonen starken NS-nahen „Frontisten“-Bewegung– hat die Schweiz ihre Vergangenheit ungenügend aufgearbeitet?

Engelsing: Das kann man so nicht behaupten: Schon vor dem berühmten Bergier-Bericht über die Haltung der offiziellen Schweiz sind dort bedeutende Arbeiten über die Zeit von 1933 bis 1945 erschienen. Ich erinnere für unsere Region nur an Einzelstudien wie Stefan Kellers „Hauptmann Grüninger“, an das vorzügliche Jubiläumsbuch der Stadt Kreuzlingen aus dem Jahr 2000 oder an Thomas Maissens aktuelle Schweizer Geschichte, in der die vielfache Verstrickung der Schweizer Regierungen in das NS-Unrecht benannt wird. Das ändert freilich nichts daran, dass rechtskonservative Betonköpfe wie Christoph Blocher nach wie vor an der Legende von der untadeligen Schweiz festhalten und verbreiten, das tapfere Schweizer Militär habe Hitlers Einmarsch in die Schweiz 1940 vereitelt.

seemoz: Was können oder müssen wir Deutschen besser machen?

Engelsing: Na, das ist aber die ganze große Weihnachtsfrage! Bezogen auf die Bedrohung der Demokratie: Für den freiheitlichen Rechtsstaat engagierter eintreten, dazu wieder mehr seriöse Zeitungen (print oder online) lesen und weniger auf den populistischen Müll in sozialen Netzwerken achten. Denn Demokratie erfordert auch ein Mindestmaß an faktengestützter Kenntnis der Verhältnisse. Sich diese Kenntnis anzueignen, ist dem Bürger zumutbar.

Zur Person: Tobias Engelsing, Dr. phil., hat Geschichte, Jura und Politik studiert und leitet seit 2007 die Städtischen Museen. Das Buch „Sommer ’39“ – Alltagsleben im Nationalsozialismus“ ist 2009 als Katalog zu einer Ausstellung gleichen Namens im Rosgartenmuseum erschienen. Die aktualisierte und erweiterte Neuauflage von 2019 hat 108 Seiten und ist im Museumsshop oder online erhältlich (ISBN 978-3-929768-47-3).

Stefan Böker (Bilder: Rosgartenmuseum)