Litzelstetten: „Ortsmitte“ völlig neu verstehen …

Oft ist von lebenswerten Innenstädten, Städten für Menschen und klimagerechtem Städtebau die Rede, von den Dörfern und Vororten hört man/frau hingegen wenig. Klar, „unser Dorf soll schöner werden“ war früher in aller Munde, und der „Idiotismus des Landlebens“ wurde vor allem von städtischen Intellektuellen beklagt. Wie aber sieht es in unseren Vororten aus? Betonwüsten neben der Mehrzweckhalle oder gewachsener Ortskern? Aktive Bürgergemeinschaft oder bezahlbare Notlösung für Eigenheimbesitzer?

Was wird aus den Ortsmitten in den Konstanzer Stadtteilen? Nicht nur in Wollmatingen und Dettingen debattieren die Bürger über die Zukunft ihrer Dorfplätze – und fürchten um den Verlust liebgewonnener Strukturen. Besondere Ungeduld herrscht in Litzelstetten, denn dort zieht sich eine Neugestaltung des Geländes zwischen Martin-Schleyer-Straße und Kornblumenweg nun schon seit Jahren hin. Einst hatten sich Einwohner in einem Beteiligungsprozess dafür eingesetzt, das Freiwerden dieses Areals als Gelegenheit für ein grundlegendes Umdenken zu nutzen. Immerhin hatte sich die Chance aufgetan, das Zentrum im Straßendorf völlig neu zu definieren.

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Das Herz schlägt in der Ortsmitte

Vielfach wurde gefordert, die Verbindung vom katholischem Gemeindehaus bis zum Milchhäusle, aber auch die Hauptstraße als Lebensader Litzelstettens in die weitergehenden Planungen miteinzubeziehen. Dass die Mühlen für Veränderungen oftmals recht langsam mahlen, damit hatte auch die Spurgruppe gerechnet, die das Partizipationsverfahren stellvertretend für die Bevölkerung organisiert und begleitet hatte. Doch mittlerweile wächst der Verdruss darüber, dass die Ortsmitte noch immer von einem verlassenen und für das Ansehen des Dorfes schändlichen Altbau dominiert wird. Die Hoffnung ist groß, dass zumindest im Jahr 2021 damit begonnen werden kann, neuen Wohnraum zu schaffen.

„Schändlicher Altbau“ mitten im Ort.

Doch Litzelstetten braucht mehr: Die Vereinsaktivitäten im Ort sind rege, es fehlt an Begegnungspunkten und Unterkünften für das dörfliche Zusammenleben. Quartierszentren bieten an anderen Stellen der Stadt eine gute Möglichkeit, dem Miteinander der Menschen genügend Raum zu geben. Die Ideen für solch einen Mittelpunkt sind nicht neu, sie wurden bereits 2012 geäußert. Doch je näher der Zeitpunkt rückt, an dem mit Bauarbeiten im Ortskern begonnen wird, desto lauter werden allseitige Rufe, das neu entstehende Zentrum für die Unterbringung eines öffentlich zugänglichen Gemeinschaftsraumes zu nutzen. Ob als Café oder Bürgerladen, als Ehrenamtsbüro oder Mehrzwecksaal – das zivilgesellschaftliche Engagement Litzelstettens braucht Spielraum zur Entfaltung, um in einem durch den demografischen Wandel älter werdenden Dorf die Erwartungen der Mitmenschen erfüllen zu können.

Platz für BürgerInnen

Nachdem das Rathaus nicht für jede Aktivität geeignet erscheint, bedarf es einer Alternative, die von vielen Bürgern seit jeher im Herzen des Ortes gesehen wird. Langfristig ist aber nicht nur eine bauliche Weiterentwicklung des gesamten Kernbereichs Litzelstettens vonnöten, welche unter anderem eine Aufhebung des trennenden Charakters der Martin-Schleyer-Straße – beispielsweise durch die Schaffung einer langgestreckten Begegnungszone – beinhaltet. Vielmehr muss in den Köpfen der Bevölkerung das Verständnis erwachsen, die Ortsmitte nicht allein auf ein zentrales Gebäude zu beschränken. Das Erwachsen einer Bereitschaft, den Dorfkern nicht nur an punktuellen Stellen zu verändern, sondern Anwohner, Gewerbe und Politik zu überzeugen, an der Gestaltung einer dezentrierten Dorfmitte mitzuwirken, wird Aufgabe kommender Jahrzehnte sein.

Dennis Riehle (Fotos: J. Geiger)