Gesichter Stadelhofens Teil II: „Dass es sowas noch gibt!“

„Spiel + Technik Klingeberger“ war Garant für platt gedrückte Kindernasen und große Augen, ganz zum Leidwesen der Eltern, die auf ihrem Heimweg grundsätzlich einen Stopp an den Schaufenstern der Kreuzlinger Straße eins bis drei einlegen mussten. Seit dem Sommer 2019 fallen diese Stopps aus. Die Klingebergers haben ihr seit 1958 an dieser Stelle geführtes Geschäft aufgegeben.

Stefan Klingeberger wurde 1956 in Stuttgart geboren. Zu dieser Zeit führte sein Vater ein Spielwarengeschäft in Stuttgart-Obertürkheim. Er hatte dies eröffnet, um sein Studium zu finanzieren, und war hängen geblieben. Er war ein Tüftler, seiner Zeit voraus, wahrscheinlich einer der Menschen, die die Region Stuttgart zu dem gemacht haben, was sie nach dem Krieg geworden ist. Warum er 1957 nach Konstanz ging? „Er wollte an den Bodensee“. Es scheinen die gleichen Gründe zu sein, die so viele heute noch an die Stadt am See binden.

Durch die Nähe zur Schweiz und der Modelleisenbahnliebe der Eidgenossen entwickelte sich das Geschäft in den nächsten Jahren gut. Gerhard Klingeberger entwickelte Produkte für den Modellbau und die Kunden kamen von weit her, um im Sortiment zu stöbern. Der Laden entwickelte sich immer mehr zu einem Mekka für Modelbauer. Spielwaren verschwanden bald gänzlich aus dem Sortiment, ebenso der Pustefix Bär vor dem Laden und die Rutsche, die die beiden Stockwerke miteinander verband. Letztere war Grund für die vielen Besuche von Gisela Klingeberger, der späteren Frau von Stefan, die als Kind nach dem Kindergarten regelmäßig vorbeikam. In den 1960er und 70er Jahren muss Klingeberger mehr einem Spielplatz als einem Spielwarengeschäft geglichen haben.

1994 übernahm der Sohn das Geschäft von seinem Vater. Renovierte, erweiterte, gab sich dem Laden hin. Ohne Urlaub und ohne viel Freizeit, aber auch ohne Reue, wie er heute sagt. Das Thema Modelleisenbahn ist zur Nische geworden, die Konkurrenz aus dem Internet ist stark. „Menschen wollen sich nicht mehr in der Form aufopfern, wie wir dies getan haben.“ Der Lohn war bis zuletzt das Staunen seiner Kunden. „Dass es sowas noch gibt!“ war wohl eine der häufigsten Reaktionen auf seinen Laden, die Stefan Klingeberger in seiner Laufbahn gehört hat.

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Nach 62 Jahren ist in der Kreuzlinger Straße eine Konstanzer Geschichte zu Ende gegangen.

Benjamin Arntzen (Text und Bilder)


Außerdem erschienen:

09.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil I: Ein „Wohnzimmer für alle“
13.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil III: „Die Zeiten haben sich geändert, wir nicht“
14.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil IV: „Komm, geh’n wir in den Wald“
15.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil V: „Viele sind weg, weil sie’s nicht mehr aushielten“