Gesichter Stadelhofens Teil I: Ein „Wohnzimmer für alle“

Der Konstanzer Stadtteil Stadelhofen bietet vielen Menschen eine Heimat. Eingegrenzt von Eisenbahnlinie, Schweizer Grenze und historischer Stadtmauer, veränderte sich die Bedeutung des Viertels für seine Bewohner und seine Nachbarn immer wieder. In den nächsten Tagen stellt Benjamin Arntzen Ihnen in Bild und Text Gesichter und Geschichten aus Stadelhofen vor, individuelle Lebenswege, Ideen, Träume und Veränderungen, die das liebenswerte Viertel am Ostrand unserer Stadt bis heute mitprägen.

Wie schon fast selbstverständlich für Konstanz, hat auch die Vorstadt Stadelhofen eine reiche Historie, die sich über Jahrhunderte erstreckt. Dass es sich dabei um eine Geschichte der Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschlands handelt, ist nur eine der vielen Besonderheiten. Nachdem sich Baden 1834 dem Deutschen Zollbund anschloss, entstand in Konstanz erstmals eine Zollgrenze zur benachbarten Schweiz. Die damalige Grenze verlief entlang der heutigen Stadtmauer. Somit war Stadelhofen für kurze Zeit für Konstanz zum Ausland geworden. Der erhoffte Aufschwung des dünn besiedelten Gebiets blieb damals allerdings aus.

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Dort, wo einst das Kreuzlinger Tor stand und heute Kinder die Kindertagesstätte Arche besuchen, wurden die von der Schweiz aus angreifenden Schweden im Dreißigjährigen Krieg an der Eroberung von Konstanz gehindert. Die Schwedenschanze war auch der Ort, an dem der Hitler-Attentäter Georg Elser bei seinem Fluchtversuch in die benachbarte Schweiz verhaftet wurde.

Heute ist der Stadtteil mehr als nur der Parkplatz der Einkaufstouristen aus der Schweiz. Viele kleine Betriebe tummeln sich in den Häusern der Kreuzlinger, Hüetlin- oder Zogelmannstraße. Es scheint, als hätte der grenzüberschreitende Handel, wie in Zeiten des Zollausschlussgebiets, an den Stadtmauern halt gemacht, um ein wenig Ruhe im ansonsten so geschäftigen Treiben der Stadt Konstanz zu hinterlassen.

Ein Jahr lang hat Benjamin Arntzen die Bewohner Stadelhofens und deren Geschichten porträtiert und individuelle Lebenswege, Ideen, Träume und Veränderungen, die das Viertel bis heute prägen, aufgezeichnet. Die so entstandenen Texte und Fotos öffnen Haustüren und geben Einblick in das, was das Viertel ausmacht: Seine Menschen.

Die Bilder und Geschichten sollten am 26. April im Rahmen eines Stadtteilfests auf der Kreuzlinger Straße gezeigt werden. Wie so viele Pläne wurde auch dieser von der Corona-Pandemie durchkreuzt. Das Fest wurde genau wie die Ausstellung auf das Jahr 2021 verschoben.

Zum Autor: Stadelhofen ist der Ort, den Benjamin Arntzen seit 13 Jahren Heimat nennt. Es ist der Ort, an dem seine Kinder aufwachsen, der Ort, an dem er das letzte Finale seiner Mannschaft gucken konnte. Es ist der Ort, an dem er vielen Menschen begegnet ist und an dem ihn viele verließen.

Ein „Wohnzimmer für alle“

Anne und Luigi Pesaro sind ein Teil von Konstanz, auch wenn beide nicht vom Bodensee stammen. Sie prägten die Stadt und deren Kultur in den vergangenen 45 Jahren. Ihre Herkunft spielte dabei immer eine Rolle.

Eine Zeitreise ins Jahr 1974 in Konstanz:

Die Stadt ist Anlaufstelle für junge, suchende Menschen aus ganz Europa. Die Universität Konstanz lockt eine junge Offenburgerin an die Stadt am Bodensee. Aus ähnlicher Richtung flieht Luigi Pesaro vor den Folgen der Stahlkrise im Ruhrgebiet. Flucht ist für ihn nichts Neues. Seine Heimat am Lago Maggiore musste er einige Jahre früher verlassen, um dem drohenden Militärdienst zu entgehen. Beide, Luigi und Anne, treffen sich in der Arche an der Uni, lernen sich kennen und lieben, heiraten.

Studenten brauchten früher wie heute auch einen Ort zum Sinnieren, Lautsein und Feiern. Das von Anne und Luigi Pesaro 1980 eröffnete Old Mary’s Pub war ein guter Ort dafür. Dass damals der durchschnittliche Student „acht oder neun Bier am Abend trank“, half dem Überleben des Pubs wahrscheinlich genauso wie die Tatsache, dass es in diesen Zeiten für die Studenten eigentlich nur ’s beese Miggle und eben das Old Mary’s gab. Alles andere in Konstanz war „Jägerschnitzel mit Pommes“.

Obwohl Konstanz zu der Zeit ein schwieriges Pflaster für einen Italiener war, auch wenn er aus dem Norden des Landes kam – die Spuren eines Säureangriffs am Fenster des Old Mary‘s in der Kreuzlinger Straße erzählen davon noch eine Geschichte – hielt es die Pesaros in Konstanz. Auch die erste italienische Pizzeria in Konstanz hatte etwas früher nur ein kurzes Gastspiel in der Hüetlinstraße. Süditaliener hatten es hier noch schwieriger. Doch die Pesaros blieben.

Ob die beiden mittlerweile Konstanzer sind, weiß Anne nicht, sie würde sich nicht als eine Konstanzerin bezeichnen. Ihre Vorfahren hätten schließlich „kein Holz auf den Scheiterhaufen von Jan Hus geworfen“. Sicher bleibt, dass das Old Mary’s und seine beiden Wirte allen eine Heimat boten, früher den Studenten und heute deren Kindern. Anne Pesaro sagt, dass sie so zum „Wohnzimmer für alle“ geworden sind.

Seit Ende März 2020 existiert dieses Wohnzimmer nicht mehr. Das Old Mary‘s Pub hat seine Tore geschlossen.

Benjamin Arntzen (Text und Bilder)

Weitere Infos unter benjaminarntzen.de und stadelhofen.eu


Außerdem erschienen:

10.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil II: „Dass es sowas noch gibt!“
13.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil III: „Die Zeiten haben sich geändert, wir nicht“
14.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil IV: „Komm, geh’n wir in den Wald“
15.07.20 | Gesichter Stadelhofens Teil V: „Viele sind weg, weil sie’s nicht mehr aushielten“