Empörte Eltern in Radolfzell rufen zu Demo auf

In Radolfzell sehen sich Eltern von der Stadt im Stich gelassen: Die Kinderbetreuungszeiten in städtischen Kitas wurden gekürzt, was Eltern in eine schwierige Lage bringt. Daher rufen der Gesamtelternbeirat Kindertagesbetreuung Radolfzell (GEB Kita) und der Elternbeirat des Kinderhauses Bullerbü/Möggingen (EB Bullerbü) zu einer Demonstration am 5.10. vor dem Milchwerk auf, zeigen sich aber auch gesprächsbereit. Hier ihr offener Brief an die Verantwortlichen.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Staab,
Sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderates,
sehr geehrter Herr Ortsvorsteher Mayer,
sehr geehrte Damen und Herren,

mit diesem offenen Brief wendet sich der Elternbeirat des Kinderhauses Bullerbü in Möggingen gemeinsam mit dem Gesamtelternbeirat (GEB) Kita Radolfzell an Sie.

Durch den hohen Personalmangel in den Städtischen Kitas und die Misswirtschaft der Stadt Radolfzell entstehen Situationen, die für die Familien nicht tragbar sind. Es drohen in unterschiedlichen Radolfzeller Einrichtungen immer wieder kurzfristige Kürzungen der Öffnungszeiten. Besonders prekär ist die aktuelle Situation des Kinderhauses Bullerbü. Wir schildern hier die verheerenden Auswirkungen auf die Familien.

Zunächst möchten wir klarstellen, dass wir –  als Eltern – jeden Tag froh sind, unsere Kinder in den pädagogisch kompetenten und liebevollen Händen der Erzieher und Erzieherinnen zu wissen. Dies gibt uns die Kraft und Ruhe, unserer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Es bietet unseren Kindern ein besonderes Umfeld, um selbständig zu werden, zu lernen, sich auszuprobieren sowie soziale Kompetenzen zu entwickeln, Freundschaften zu erleben und zu wachsen. Wir begrüßen es, dass die Gruppen, welche Corona-bedingt vergrößert wurden, wieder auf normale Größe zurückgefahren werden sollen und so der Betreuungsschlüssel des KVJS eingehalten wird. Damit liegt die Qualität der Betreuung wieder auf dem ursprünglichen Niveau und schafft auch wieder bessere Arbeitsbedingungen für das Personal.

Leider haben sich in den letzten Jahren verschiedene Missstände entwickelt, die unsere Situation deutlich erschweren und die im Juli 2021 soweit eskalierten, dass einige Familien nun binnen kürzester Zeit in akute Not geraten sind.

Im Kinderhaus Bullerbü wurden bisher Ganztagesplätze (GT-Plätze) mit 45 Stunden/Woche angeboten. Sowohl für Kinder unter 3 Jahren als auch für Kinder über 3 Jahren und deren Familien sind diese Plätze besonders wertvoll. Familien haben sich bewusst für eine Ganztagesbetreuung entschieden und sind nun auch auf dieses Angebot angewiesen. Eine Familie plant das gesamte Leben rund um den Betreuungsplatz des Kindes bzw. der Kinder. Denn nur mit einer gesicherten und verlässlichen Betreuung können Arbeitsverträge erfüllt werden und damit Mieten und Lebenshaltungskosten sowie Bildungs- und Freizeitangebote für die gesamte Familie finanziert werden. Bricht nun dieses Betreuungsangebot weg, stürzt es die ohnehin belasteten Familien in eine große Not.

So geschehen ist dies nun zum Wechsel in das aktuelle Kindergartenjahr im städtischen Kinderhaus Bullerbü/Möggingen. Die Betreuungszeit der Kinder im Ganztagesbereich wurde allgemein um 5 Stunden gekürzt. Für die Kinder, die aufgrund ihres Alters von der Krippengruppe in die Kindergartengruppe wechseln, werden die vorher vereinbarten Betreuungszeiten sogar um 10 Stunden/Woche gekürzt. Letzteres begründet sich auf einer Kürzung von 27 auf 20 Ü3-GT-Plätze im Kinderhaus Bullerbü. Diese 7 Plätze wurden erst vor wenigen Jahren geschaffen, als Ausgleich für deren Wegfall im Kindergarten Liggeringen, was mit einer Zahl kurzfristiger und anstrengender Umplatzierungen der Kinder aus Liggeringen einherging.

Den Eltern des Kinderhauses Bullerbü werden die derzeitigen Kürzungen als Notlösung für viele Probleme kommuniziert. In letzter Zeit gab es im Kinderhaus Bullerbü vermehrt Kündigungen des pädagogischen Personals. Hierbei ließen die Erzieherinnen und Erzieher durchscheinen, dass dies an der Überlastung im Arbeitsalltag, fehlenden Perspektiven oder Fortbildungsmöglichkeiten liege. Uns erscheint es hierbei als bemerkenswert, dass bei diesen Kündigungen keine Aufgabe des Berufes im Allgemeinen passiert, sondern ein bewusster Wechsel zu einem anderen Träger/Arbeitgeber stattfindet. Inzwischen konnten viele neue Erzieherinnen eingestellt werden. Das freut uns sehr. Unterbesetzung als Begründung für die Kürzungen ist daher zumindest langfristig nicht mehr haltbar.

Wir möchten darauf hinweisen, dass eine Überbelastung der Erzieher nicht an den Wünschen der Eltern liegt. Als im letzten Jahr kurzfristige Verkürzungen der Öffnungszeiten in einer Gruppe des Kinderhaus Bullerbü drohten, sind die Eltern sogar eingesprungen und haben das pädagogische Personal bei der Betreuung der Kinder unterstützt. So wurde sichergestellt, dass Familien, die auf die Betreuungszeiten eines GT-Platzes angewiesen sind, diese auch erhalten. Des Weiteren haben Familien, die die Betreuung anders organisieren konnten, bei hohem Personalkrankenstand des Kinderhauses oft ihre Kinder früher aus der Betreuung abgeholt. Statt diese Hilfe zu würdigen, wurde in verschiedenen Treffen mit Vertretern der Stadtverwaltung suggeriert, dass gerade die Eltern einen besonderen Druck ausgeübt haben. Dagegen wehren wir uns ausdrücklich.

Die Mitteilung über diese einschneidende Kürzung kam für den Elternbeirat des Kinderhauses Bullerbü sowie die gesamte Elternschaft extrem kurzfristig (zwischen Ankündigung und Inkrafttreten lagen weniger als 2 Monate). Sie wurde mündlich in einem Zoom-Gespräch mitgeteilt, zu dem ebenfalls sehr kurzfristig, mit 2 Tagen Vorlauf, eingeladen wurde. In dieser Online-Konferenz wurde den Eltern kurz und knapp mitgeteilt, dass die Betreuungszeiten wie oben beschrieben gekürzt werden. Die Elternschaft fühlte sich mit dieser Nachricht völlig überrannt und man kann sagen, dass alle sehr schockiert waren.

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Insgesamt wurde dieses Gespräch von den Eltern als sehr distanziert und kühl aufgefasst. Auf die Nachfrage, ob es die Möglichkeit gäbe, dass die Ganztageskinder in einer anderen Einrichtung der Stadt Radolfzell einen GT-Platz bekommen könnten wurde aus Sicht der Eltern sehr rüde geantwortet. Man könne es ja probieren, aber Hoffnung bestehe keine. Die Kitas in Radolfzell seien für die nächsten Jahre belegt und es gäbe schon lange Wartelisten. Auch die Nachfrage des GEB Kita, ob es denn für die Eltern, die nun ein massives Problem mit Kinderbetreuung haben, Hilfen oder Unterstützung geben könne (z.B. für die Gründung eine Elterninitiative, die die fehlenden Betreuungszeiten auffängt) wurde aus Sicht der Eltern einfach weggewischt und Hilfe oder Unterstützung kategorisch abgelehnt.

Eine Wiederaufnahme der ursprünglichen Betreuungszeiten, wenn sich die Situation gebessert hat, wird vorerst ausgeschlossen. Dies lässt bei der Elternschaft den Eindruck entstehen, dass es seitens der Stadtverwaltung keine Motivation gibt, ein qualitativ hochwertiges und vor allem ausreichendes Betreuungsangebot für die Kinder dieser Stadt zu schaffen. Die nach wie vor große Zahl an fehlenden Kita-Plätzen in Radolfzell bestätigt diesen Eindruck.

Das Treffen wurde nach ca. 30 min beendet und die Eltern fühlten sich alleingelassen. Eine schriftliche Nachricht über diese Kündigung ließ dann weitere 3 Wochen auf sich warten.

Die kurzfristige Ankündigung, knapp vor den Sommerferien, ließ den Eltern keinen Raum, die Situation zu klären und eine gute Lösung zu finden. Denn, wie oben geschildert, haben die Familien vertragliche und gesellschaftliche Verpflichtung (nebst ihrer Arbeit auch z.B. Pflege von Angehörigen oder soziale Ehrenämter), die sich nicht innerhalb weniger Wochen ändern lassen. Noch dazu ist es nicht zu vertreten, dass aufgrund einer Misswirtschaft in der Personalpolitik Familien nun im schlimmsten Fall in die Arbeitslosigkeit gedrängt werden und für manche Elternteile (meist die Mütter) die Altersarmut immer wahrscheinlicher wird.

Ungleich schwieriger ist die Situation für Alleinerziehende.

Für die Kinder bedeutet dies, dass sie aus ihrem gewohnten Alltag gerissen werden. In einer Zeit, in der sie aus Solidarität zu den Erwachsenen auf Grundlegendes – nämlich auf die frühkindliche Bildung – verzichten müssen, werden sie nun auch noch dadurch belastet, dass sie die Ungewissheit in der Familie spüren. Dies ist für das Kindeswohl schädlich und kann beim besten Willen nicht vom Träger einer Kita verantwortet werden.

Als Beispiel: Eine Familie musste aus Radolfzell wegziehen, um ihr Kind anderweitig betreuen zu lassen, dies ist inakzeptabel. Andere mussten Familienmitglieder oder Freunde um Hilfe bitten – was keine langfristige Lösung sein kann. Besonders Familien, die in das schöne Radolfzell zugezogen sind, sehen sich im Stich gelassen. Ein Netz aus Großeltern und weiterer Familie zum Auffangen der Betreuung ist für sie nicht vorhanden.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Staab, sehr geehrte Mitglieder des Gemeinderates, sehr geehrter Herr Ortschaftsvorstehender Mayer,

wir fordern Sie nun auf: tragen Sie Verantwortung für die Kinder dieser Stadt. Schaffen Sie verlässliche Betreuungszeiten im Kinderhaus Bullerbü und lassen Sie die Familien nicht in Regen stehen!

Um auch künftig für unsere Kinder ein geborgenes Umfeld zu schaffen und ihnen die Chancengleichheit in ihrer Bildungsbiografie zu ermöglichen, drängen wir auf den Ausbau der Kitas (und insbesondere der GT-Platze) in Radolfzell.

Verzögerungen wie beim Neubau der Kita Hebelstraße sind nicht tragbar. Alternativen müssen aus unserer Sicht kurzfristige Lösungen bringen. Aus- und Umbauten der Ortsteil-Kitas sollten nun auch Priorität haben und vorgezogen werden.

Die aktuelle Situation ist weder für die Kinder tragbar, noch erhöht sie für Erzieherinnen und Erzieher die Attraktivität der Stadt Radolfzell als Arbeitgeber.

Für Gespräche stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Der Elternbeitrat des Kinderhauses Bullerbü in Möggingen
Der Vorstand des GEB Kita Radolfzell

Text: MM/red, Bild: Julia Birster (Vorstandsvorsitzende GEB Kita) und Dr. Andrea Kölzsch (Elternbeirätin Kinderhaus Bullerbü), Foto Kevin Morelle.