Der kollektive Intendant

Gestern lief die Bewerbungsfrist für die Intendanz des Theaters Konstanz aus. Denn ab 2020 endet der Vertrag mit Christoph Nix und eine Nachfolge muss in dessen Fußstapfen treten. In der vergangenen Woche kam es hierfür zu einem ungewöhnlichen Vorschlag.

Daniel Grünauer, Daniel Morgenroth und Ingo Putz sitzen im Konstanzer Wessenberg Cafè vor einer sorgsam ausgearbeiteten Bewerbungsmappe für die Stelle der Intendanz am Stadttheater. Sie alle arbeiten bereits dort, und wollen das auch in Zukunft tun. Nur in der Chefetage. Das Besondere: Nicht jeder von ihnen hat eine eigene Bewerbung ausgearbeitet, sondern es handelt sich um eine Kollektivbewerbung, die sie der Presse präsentieren. Nicht anwesend ist die vierte Person im Bunde: Heike Frank, eine Dramaturgin und Regisseurin aus Berlin.

In der Ausschreibung der Stadt steht explizit, dass eine Teilung der Stelle denkbar sei. Die Standardformulierung haben diese Bewerber ernst genommen und in die Tat umgesetzt. Heraus gekommen ist ein Konzept, das die Aufgabenfelder des Intendanten in vier Felder gliedert: Spieldirektion, Programmdirektion, Betriebsdirektion und Dialogdirektion. Jedem dieser Bereiche wäre eine Person zugeordnet, Entscheidungen würden jedoch immer im Team gefällt werden. Pro Spielzeit gäbe es einen Repräsentanten aus dem Team, der die Intendanz nach außen vertritt. Das Intendantengehalt würden sie auf ihre derzeitigen Gehälter aufteilen.

Gibt es so einen Leitungsstil bereits?

Das „Konstanzer Modell“ wäre neu in der Theaterlandschaft. Es gibt vergleichbare Situationen an anderen Häusern und zu anderen Zeiten. Grünauer nennt das Jenaer Modell, Putz ergänzt und nennt Übergangssituationen in Mannheim und Pforzheim, die (aus Mangel an Alternativen) ähnlich gestaltet waren. Morgenrot argumentiert mit den neuen Führungsstilen in Wirtschaftsunternehmen, die häufig einen kommunikativen, demokratischen Ansatz aufweisen. Einig sind sich alle: Es sei Zeit für neue Wege. Der stereotype Intendant, männlich, weiß, über 50 solle der Vergangenheit angehören.

Moment mal! Ist das etwa eine Finte von Christoph Nix, der zeigen will, dass es vier braucht, um ihn zu ersetzen? Nein, das weisen die Bewerber strikt von sich. Nix habe mit dieser Angelegenheit nix, pardon, nichts zu tun.

Grünauer erklärt, dass sie mehrfach im Haus aufgefordert wurden, sich zu bewerben und sie somit einem Wunsch des Theaterumfelds folgen. Durch ihre bisherige Arbeit haben sie einen Einblick in die Aufgaben des Intendanten erhalten und sich irgendwann „in aller Bescheidenheit gedacht: das können wir auch“, so Grünauer weiter. Er ist Dramaturg am Haus, Morgenrot ist der persönliche Assistent von Nix und Putz der Leiter des Jungen Theaters. Heike Frank war selbst nie in Konstanz tätig, weist aber eine beeindruckende Vita im Umgang mit Theatergrößen auf und bringt einen „analytischen, externen und auch weiblichen Blick“ mit.

Kahlschlag soll verhindert werden

Was wären die Vorteile einer solchen Führung? Durch die Dezentralisierung der Machtverhältnisse wäre eine Vetternwirtschaft, die in der Theaterbranche wohl en vogue ist, weniger durchführbar, so das Kollektiv. Im üblichen Intendantenmodell, mit einer Person an der Spitze habe diese auch die letztendliche Weisungsmacht. Wenn also ein befreundeter Regisseur ans Haus gerufen wird, so sei dies oftmals keine Entscheidung aufgrund von dessen Arbeit oder dessen Stils, sondern wegen des altbekannten Vitamin Bs. In einem vierköpfigen Entscheidungsteam hingegen müsste eine Wahl ausführlich und argumentativ begründet werden, so die Bewerber. Ein stärkerer Fokus auf die Gesamtästhetik sowie programmatische Zusammenhänge könne so erfolgen.

Darüber hinaus betonte das Trio, dass es keinen üblichen Kahlschlag in Ensemble und künstlerischen Mitarbeitern durchführen werde. Normalerweise ist bei einem Intendantenwechsel eine Auflösung von Zweidritteln der Arbeitsverträge üblich. Das Ensemble wird neu gemischt, der neue Intendant gestaltet sich seinen Arbeitsplatz nach seinem Gusto. „Wir spüren aber, dass die Künstler hier in der Stadt sehr geschätzt werden“, so Putz. „Das würden wir gerne beibehalten und ausbauen.“ Bei erfolgreicher Bewerbung würden auch die Verträge von Morgenrot, Grünauer und Putz verlängert, die anderenfalls zum Ende der Nixära auslaufen.

Weitere Punkte auf der Agenda des kollektiven Intendanten: Eine Erhöhung der Gagen (derzeit 2300 Euro brutto als Einstiegsgehalt eines Schauspielers) sowie eine breitere Aufstellung des Ensembles. Es sollen Tänzer, Sänger und Puppenspieler engagiert werden, bzw. Personen mit diesen Talenten, gekoppelt zur Schauspielerei. Auch die Frauenquote im Ensemble wollen sie von 30 auf 50 Prozent steigern. Darüber hinaus haben sie Pläne für eine Öffnung der Theaterräume sowie erste Spielzeitmotti ausgearbeitet.

„Wer über Werte und Moral arbeitet, der braucht diese auch selbst!“ so das Credo. Ein kollegialer Umgang, faire Löhne, Konstanz als attraktiver Ort für Künstler, das Theater als öffentlicher Ort – eine Utopie. Mal sehen, ob die Stadt dafür bereit ist. Eine Findungs-Kommission trifft die finale Entscheidung, doch wer diese Kommission präsidiert, ist Sache des Kulturbürgermeisters, der eine Vorauswahl der Bewerber trifft. Fit für die Zukunft, Herr Osner?

Ingo Putz: Studierte Musiklehramt, Landschaftsökologie/Biologie und Psychologie in Oldenburg und war als Darsteller, Regisseur und Musiker deutschlandweit tätig. Seit der Spielzeit 16/17 ist er Leiter des Jungen Theaters Konstanz.

 

Daniel Grünauer: Studierte Theaterwissenschaften und Geschichte sowie Germanistik und Politische Wissenschaften in München und Würzburg. Nach einer Anstellung am Theater in Ulm ist er seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg in Konstanz.

 

Dr. Daniel Morgenroth, geb. Schulze: Studierte Anglistik, Spanisch, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften in Passau, Text & Performance Studies in London mit Schwerpunkt Playwriting, arbeitete als persönlicher Assistent der Theaterlegende Robert Wilson in New York und promovierte zum Thema Authentizität im Theater. Seit November 2017 ist er Referent von Christoph Nix und führt den Künstlernamen „Morgenroth“, den Namen seines Großvaters.

Heike Frank: Studierte Neuere Deutsche Literatur, Philosophie und Theaterwissenschaft in München. Von 1988 an arbeitete sie als Dramaturgin an verschiedenen Bühnen. Daneben nimmt sie immer wieder Lehraufträge an der Hochschule für Musik und Theater Mendelssohn-Bartholdy, Leipzig, dem Mozarteum Salzburg und der Anton-Bruckner-Privatuniversität Linz wahr.

Veronika Fischer