Der Klassenwechsler

Luigi Pantisano sitzt als linker Stadtrat im Stuttgarter Gemeinderat. Noch. Denn er möchte Oberbürgermeister werden – in Konstanz. Der Weg könnte kürzer sein, als man denkt. Der 40-Jährige hat am See viele UnterstützerInnen. In der Landeshauptstadt sehen nicht wenige progressive Köpfe das auch mit einem weinenden Auge. Die Stuttgarter Kontext-Wochenzeitung hat Pantisano jetzt ein Porträt gewidmet, das wir an dieser Stelle veröffentlichen.

In Konstanz gibt es eine „Luigi-Pantisano-Gedächtnislampe“. Sie steht an einem Skatepark im Stadtteil Berchen-Öhmdwiesen, damit Jugendliche auch im Winter nach vier am Nachmittag skaten können. Entstanden ist sie klassisch: im Gespräch mit Jugendlichen vom Jugendtreff. Die EnBW hat eine Lampe gesponsert, der Bauhof hat sie angeschlossen. Manchmal kann es so einfach sein, wenn sich nur einer kümmert.

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Die Lampe war Luigi Pantisanos erste Amtshandlung, als er vor zehn Jahren als Quartiersmanager in Konstanz antrat. Vergangene Woche hat er in der Stadt am See seine Kandidatur zum parteilosen Oberbürgermeister bekannt gegeben.

Konstanz, das ist das Urlaubsparadies für alle Nicht-Konstanzer. Industrie gibt es kaum, dafür eine Menge Tourismus mit Natursehnsucht. 85 000 Einwohner an der Schweizer Grenze und nahezu verwachsen mit Kreuzlingen, zwei Hochschulen, eine grüne Mehrheit im Gemeinderat und ein malerisches Rathaus. Viele mittelalterliche Gebäude stehen noch, weil die Stadt nahezu jeden Krieg glimpflich überstanden hat, selbst den Zweiten Weltkrieg. Damals hat man bei Bombenalarm einfach das Licht angelassen und tat so, als gehöre man zur Schweiz.

So etwas wie soziale Brennpunkte gibt es nicht, dafür gönnen sich viele Wohlhabende ihren Altersruhesitz am Ufer, gerne mit eigenem Anlegesteg. Es ist gemütlich dort, fast beschaulich. Man könnte sagen, der Stadt täte so ein kleines bisschen frischer Wind ganz gut. Immerhin war Konstanz die erste Kommune in Deutschland, die den Klimanotstand ausgerufen hat – einen zahnlosen, aber wenigstens vollmundig erklärt. „Den müsste man dringend mit einem konkreten Ziel versehen“, sagt Pantisano. Beispielsweise, bis wann genau die Stadt eigentlich klimaneutral sein will. Nur wer ein klares Ziel hat, macht sich auch wirklich auf den Weg. Das weiß er aus eigener Erfahrung.

Mit 18 kandidierte er erstmals bei einer Wahl

Pantisanos Ziel war schon als kleiner Stöpsel: Architektur studieren. Häuser bauen, die er vorher gezeichnet hat. Geboren ist er in Waiblingen als eines von vier Kindern sogenannter „Gastarbeiter“ aus Italien. Die Grundschule schickte ihn auf die Hauptschule, weil er nicht so gut Deutsch sprach, von dort schaffte er sich auf die Realschule, mit Nachdruck hat er seine Hochschulreife gemacht. Und nebenher Politik.

Ohne deutschen Pass durfte er nur bei Kommunalwahlen wählen. Also hat er mit 18 für die Alternative Liste in Waiblingen kandidiert, erfolglos zwar, aber das war der Grundstein. Heute ist Pantisano Kommunalpolitiker mit Leib und Seele. Politik, die man anfassen kann, die mit denen stattfindet, um die es eigentlich geht, den Menschen vor Ort – das ist sein Ding. Seit Mai 2016 sitzt er im Stuttgarter Gemeinderat für Stuttgart ökologisch sozial (SÖS) im Bündnis mit Piraten, Tierschutzpartei und der Linken. Für den Linken-Bundesvorsitzenden Bernd Riexinger macht er die Pressearbeit.

Er hat Architektur studiert, danach Stadtplanung, über ein Stipendium auch in den USA und in Tokio. An der Uni hat er Hannes Rockenbauch kennengelernt. Für beide war das wohl eine schicksalhafte Begegnung. In Stuttgart sind Pantisano und Rockenbauch als Team bekannt, Freunde, Weggefährten, Parteikollegen. Der eine smart mit italienischen Wurzeln, der andere wortgewaltig mit knallroten Haaren, letzterer aufgewachsen in einer politischen Familie mit übervollen Bücherregalen, Pantisano eher mit Fernsehserien wie He-Man und California Clan. Zwei Typen mit Spaß an Reibung und Kratzbürstigkeit, immer im Dienste der sozialen Sache und für SÖS. Mit „Rockpolitik TV“ streamen sie ihre Diskussionen live über Facebook – aus dem Stuttgarter Rathaus, von der Straße, aus der U-Bahn mit einer Horde fahrscheinloser „Freifahrer“ bei einer Aktion für kostenlosen ÖPNV, ein riesen Thema, da hat Pantisano schon als Jugendlicher für demonstriert. Sein Freund Rockenbauch bezeichnet ihn als „hungrig“, nach Neuem, nach Dialog und Zusammenarbeit, weil Politik selten mal einfach so aus einem rauskommt.

In Konstanz hatte er seinen ersten Job

Die alternative Konstanzer Stadtzeitung „Seemoz“ attestiert Pantisano einen „machtkritischen Blick“. Den hat er. Auf Stuttgart 21. Auf Wohnungsspekulanten. Auf die Polizei, die in der Landeshauptstadt seit ihrem rabiaten Vorgehen gegen den Stuttgart-21-Protest unter besonderer Beobachtung steht. Oder den Staatsschutz, der eigentlich ermitteln sollte, wer dem Stadtrat Pantisano Morddrohungen schickt, dann aber gegen ihn selbst vorging, weil ihn ein AfDler des Hausfriedensbruchs bezichtigt hatte: Pantisano streamte mit seinen Fraktionskollegen „Rockpolitik TV“ aus einem besetzten Haus.

Das Stuttgarter Rathaus kennt er schon, fürs Konstanzer hätte er viele Ideen.

Das war vor etwa einem Jahr, als eine Gruppe HausbesetzerInnen die Landeshauptstadt kurzzeitig aus dem Dornröschenschlaf für saturierte Immobilienhaie weckte und das Thema Wuchermieten in Stuttgart damit in die überregionale Presse katapultierte. Pantisano war nicht nur Sympathisant der Besetzer. Er war Unterstützer, weil in dieser Sache keine Schönwetter-Politik mehr greift, sondern Handeln Not tut, und zwar zackig. Als Architekt und Stadtplaner weiß er, wovon er redet.

Konstanz ist für ihn mehr als nur eine Stadt, in der sich gut leben lässt. Dort hat er seinen ersten Job angetreten, die erste gemeinsame Wohnung mit seiner Frau bezogen, das Paar hat sogar am See geheiratet. Und: Er ist gut vernetzt in der Stadt, in der sich tatsächlich etwas reißen ließe. Der mehr sichere Radwege gut tun würden, ein ausgebautes Nahverkehrsnetz, oder vielleicht sogar eine grenzübergreifende ÖPNV-Lösung mit der Schweiz, damit die Innenstadt, die Schweizer und deutsche Touristen mit ihren Autos verstopfen, irgendwann einmal autofrei sein kann. Da kann er sich in Rage reden. Ein dickes Brett, könnte meinen, wer Pantisano nicht kennt. Manche nennen den schnieken 40-Jährigen den „schönen Luigi“ –den Stadtrat mit den dunklen Locken, dem Hang zum Hemd mit Feinstrickjäckchen drüber, auf das sich nur selten ein Fussel verirrt.

Architektur und Politik? Passt super, sagt Pantisano

Immer mal wieder wird er gefragt, sagt er, wie Architektur und Stadtplanung mit Politik zusammenpassen. Passt super, findet Pantisano. Denn wo die Stadtplanung versagt hat, entstehen Problemviertel. Oder anders: Wo Städte gut geplant sind, lebt es sich besser. Noch besser, wenn die Menschen ihren Lebensraum selbst gestalten.

Wie in Konstanz, in Berchen-Öhmdwiesen. Dort arbeitete er von 2009 bis 2013 als Quartiersmanager im Rahmen des Projekts „Soziale Stadt“. Der Start, sagt Pantisano, sei desaströs gewesen. Die Politik hatte zwar das Projekt beschlossen, aber die Verwaltung wusste nicht genau, was sie damit anfangen sollte. Einer riet ihm irgendwann, er solle sein Gehalt einstreichen und zwischendurch alibihalber mal ein paar Sitzklötze auf die Straße stellen, denn in Konstanz, so hieß es damals, läuft doch eh nichts.

Pantisano allerdings lief schon. Vom Sozialen Dienst katholischer Frauen bis zum Jugendtreff sei er unterwegs gewesen, letzterer räumte ihm in einem Kämmerle einen Schreibtisch frei, weil die Stadtverwaltung keines für ihn übrig hatte.

Katrin Muckenfuss, Dozentin für soziale Arbeit an der FHS St. Gallen, war damals Sozialarbeiterin in Konstanz. Sie erinnert sich noch gut an die Zusammenarbeit. Normalerweise sei ein Quartiersmanager einer, der schaut, dass soziale Probleme nicht aus den Randbezirken in die Innenstadt schwappen. Pantisano sei ganz anders gewesen. „Keiner, der am Reißbrett schicke Ideen entwirft, sondern ein richtiger Demokrat. Er möchte wirklich, dass sich die Leute beteiligen“, sagt sie. Am Anfang sei sie richtiggehend irritiert gewesen von so viel Aktivismus.

„An der Tomate sind alle gleich“

Aus dem entstand zuerst ein Nachbarschaftsgarten: „An der Tomate sind alle gleich“, sagt Pantisano und damit einen Satz wie extra für ihn gezimmert, dessen Politik auf Gleichheit fußt, auf Diversität einer Gesellschaft, an der ohne Ressentiments alle teilhaben. Aus dem Garten für den Sommer entstand der Verein „Miteinander in Konstanz“, und weil die BürgerInnen im Viertel gerne auch im Winter einen hübschen Ort haben wollten, hat er mit ihnen gemeinsam eine alte Arztpraxis renoviert und ein Stadtteilzentrum draus gemacht. Er hat Führungen für Gemeinderäte durch seinen Stadtteil organisiert, um zu zeigen, wo es hapert, Kontakte ausgebaut zur Stadtverwaltung, das Viertel und seine Vertreter in der Politik platziert, „strategische Feinarbeit“ sei das gewesen, sagt Muckenfuss, um Respekt, Anerkennung, letztlich um Geld. Drei Jahre später übergaben die beiden den Verein an die Bürgerinnen und Bürger, die ihn bis heute weiterführen.

Pantisano nennt das „Community-Organizing“, Leute befähigen, ihr Umfeld selbst zu gestalten, denn wer mitgestaltet, geht mit anderen Augen durch seine Stadt. Sich selbst sieht er als politischen Dienstleister, sagt er, auch und gerade für die, die man akademisch wohl „beteiligungsfern“ nennt. Das kennt er, war er selbst mal. Er nennt sich gern einen „Klassenwechsler“ – aufgewachsen als Arbeiterkind, heute Akademiker. „Das hat den Vorteil, dass ich mit allen gut kann“, sagt er in aller Bescheidenheit und grinst.

In Konstanz gibt es viele, die ihn mögen und unterstützen, die überhaupt die Idee an ihn herangetragen haben, doch als OB zu kandidieren. Katrin Muckenfuss hat schon das „Bündnis Luigi Pantisano für Konstanz“ aus der Taufe gehoben. Wer ihn nicht leiden kann, nennt ihn einen „Lautsprecher“. Weil er nachdrücklich über soziale Medien verbreitet, was ihm nicht passt. Weil er manchmal nervt, wenn er lang und breit auseinandersetzt, dass sich Indigene rassistisch verletzt fühlen, wenn einer ein „Indianerkostüm“ trägt, oder warum es auch an historischen Gebäuden falsch ist, Schwarze mit wulstigen Lippen darzustellen. Wie richtig solche Diskussionen sind, zeigte sich vor Kurzem im Stuttgarter Gemeinderat, als der auf Antrag des Linksbündnisses – und das sogar mit Unterstützung der CDU – neue Verträge für die Schausteller auf dem Cannstatter Wasen aushandelte, um rassistische und diskriminierende Darstellungen auf dem Volksfest zukünftig zu unterbinden.

Ausgezeichnet für seinen Einsatz gegen rechts

Gegen Rassismus klare Kante zeigen ist eines seiner Lebensthemen. Vor allem auch gegen den versteckten, der sich im Alltag eingenistet hat. Wenn Gäste in der Pizzeria ihr Urlaubs-Italienisch auspacken, aber im Dönerladen meckern, dass der Dönermann nicht so gut Deutsch spricht – das kann er leiden. Oder dass einer mit dem Namen Pantisano schwerer eine Wohnung findet als einer, der Müller-Maier heißt. Als auf seiner Berufsschule die berüchtigten rechten Schulhof-CDs verteilt wurden, organisierte er die Verteilung der Gegen-CD. Später, 2005, initiierte er die Jugendkulturwoche „Bunt statt Braun“ in Waiblingen, die gibt es immer noch. In Stuttgart hat er vor ein paar Jahren die „Heimat-Wochen“ aus der Taufe gehoben, als Teil der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“.

Pantisano mit Kontext-Redakteurin Anna Hunger in Stuttgart.

Die ersten Morddrohungen bekam er Silvester 2015 via Facebook. Später kamen sie per Post, unfrankiert, eingeworfen im Stuttgarter Rathaus und unterschrieben mit „Nationale Front Deutschland“. „Das macht etwas mit einem“, sagte er mal in einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“. Und gleich darauf: Er werde „keinen einzigen Meter weichen. Im Gegenteil werde ich mein Engagement weiter verstärken.“ Für seinen Einsatz gegen rechts und für eine bunte Gesellschaft ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

Sein Verständnis von Politik fuße auf drei Säulen, sagt Pantisano: der Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen – Boden, Wasser und Luft dürfen nicht veräußert werden. Eine solidarische, soziale Stadt mit Daseinsvorsorge für alle. Eine demokratische Gesellschaft und Kultur. Wer es bei all dem Anspruch auch noch schafft, mit einer schnöden Lampe einen Haufen jugendlicher Skater zu beglücken, der kann Politik.

Anna Hunger (Fotos: Joachim E. Röttgers)