Das Kurzstreckenticket – Absurdes Theater?

Das Kurzstreckenticket der Stadtwerke sorgt weiterhin für Diskussionen. Es geht nicht nur um die Frage, warum das Ticket elektronisch und nicht auch „ganz normal“ erhältlich ist, sondern auch um die Absonderlichkeiten der Streckenmessung. Die Regelung, die Kurzstrecke über die Luftlinie zwischen den Haltestellen zu berechnen, führt in den Augen vieler NutzerInnen ins wilde Absurdistan. Es gibt ja andernorts leichter verständliche Modelle, die beispielsweise auf die Zahl der Haltestellen setzen.

Ein engagierter Zeitgenosse hat jetzt einen offenen Brief an die Konstanzer LokalpolitikerInnen geschrieben, um auf einige Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten des Tarifs aufmerksam zu machen. Hier der Brief in vollem Wortlaut:


An die im Gemeinderat der Stadt Konstanz vertretenen Fraktionen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Diskussion um die Einführung eines sog. Kurzstreckentickets/-tarifs ist nun voll entbrannt. Vor diesem Hintergrund möchte Ihnen gerne als möglicher Nutzer einige Gedanken dazu schreiben.

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Zunächst muss man, der Fairness halber, festhalten, dass die App tadellos funktioniert. Dass eine Druckvariante des Tickets derzeit fehlt, muss an anderer Stelle diskutiert werden.

Meine nächste Haltestelle ist die „Hebelstraße“. Und hier beginnt das eigentliche Problem. Für den besonders werbewirksam versprochenen Kurzstreckentarif von 1,50€ komme ich nicht weit. Oder genauer gesagt, erreiche ich mit einem entsprechenden Ticket keine Haltstelle, die ich nicht auch zu Fuß leicht erreichen könnte. Dies ist ärgerlich, denn hierdurch werden Erwartungen enttäuscht, die mit dem Tarif von 1,50€ geweckt wurden, aber eigentlich gar nicht eingehalten werden.

Die nächste Tarifklasse sind dann 1,80€. Hier wird die Sache besonders merkwürdig, denn die Kosten stehen teilweise in keiner zu erwartenden Relation zu den Strecken. Beispiel: Für 1,80€ kann ich mit dem Ticket zur Bodenseetherme fahren, die aber auch in der Nähe der Hebelstraße liegt. Für 1,50€ (!) fahre ich aber zum Königsbau und Bismarcksteig. Haltestellen, die m.E. weiter entfernt sind als die Therme, und zu denen ich auch noch umsteigen muss.

Ganz skurril wird die Preisgestaltung, wenn ich zum Döbele oder in die Gartenstraße möchte, denn hier zahle ich 2,50€, also Normaltarif.

Will ich einfach nur zentral in die Stadt, zahle ich bis Bahnhof 1,80€ – eben auch nicht 1,50€.

Diese Tarifgestaltung ist für mich völlig unverständlich und der an sich guten Absicht, mehr Personen in die öffentlichen Verkehrsmittel zu bringen, abträglich.

Gehen wir mal von einem Alltagbeispiel aus. Ich möchte gelegentlich den Bus nutzen, habe also keine Monatskarte, und löse ein Kurzstreckenticket in die Stadtmitte. Geeignete Haltestellen wären der Bahnhof oder der Lutherplatz. Beide Ziele sind für 1,80€ zu erreichen.

Für eine Einzelperson kostet demnach eine Fahrt hin und zurück 3,60€. Da wir meistens zu zweit unterwegs sind, wären wir also schon bei 7,20€. Und somit werden die Tickets schnell uninteressant, denn für 7,20€ kann ich mehrere Stunden mein Auto in einem Parkhaus abstellen, was mit einigen Annehmlichkeiten verbunden ist.

(An dieser Stelle wird meistens argumentiert, dass man so nicht rechnen darf, da Autos ja noch weitere Kosten hervorrufen. Dabei wird aber gerade für mein Beispiel übersehen, dass die reinen Benzinkosten sehr gering ausfallen dürften und die laufenden Kosten ja ohnehin anfallen, ob das Auto fährt oder nicht. Dieses Argument kann also vernachlässigt werden)

Bliebe als Alternative ein Tagesticket. Für zwei Personen kosten diese 9,80€. Somit wären sie nur 2,60€ teurer als das Kurzstreckenticket im Beispiel, würden aber den ganzen Tag unbeschränkt gelten. Unbeschränkt? – Leider nicht, denn schon wieder ist ein Haken an der Sache. Das Tagesticket gilt, meinen Recherchen nach, jeweils nur vom Zeitpunkt des Kaufs bis 2:00 Uhr in der Nacht des kommenden Tages und nicht im Nachtschwärmer. Somit keine 24 Stunden. Wenn ich also am Nachmittag oder gegen Abend in die Stadt möchte, macht auch diese Variante keinen wirklichen Sinn.

Fazit: Das jetzt diskutierte und eingeführte Kurzstreckenticket ist eine Mogelpackung, die vom Namen her eher beruhigend wirken soll, als dass sie tatsächlich effektiv wäre und dazu beitragen kann, den Individualverkehr mit dem PKW in die Stadt zu verringern.

Was wäre die Alternative?

Für mich gibt es eine Reihe von Alternativen, die allerdings alle politisch mutiges Handeln voraussetzen:

  1. Die beste Lösung ist für mich, den ÖPNV innerhalb des Stadtgebietes kostenfrei zu machen. Eine Stadt wie Konstanz, die im Vergleich zu anderen Städten finanziell ja durchaus gut dasteht, müsste sich das leisten können.
  2. Denkbar wäre auch ein einheitlicher, geringer, symbolischer Tarif innerhalb des Stadtgebietes, unabhängig von der Strecke. Zum Beispiel 1,00€ pro Fahrt oder 2,00€ pro Tag.
  3. Vorstellen könnte ich mir auch eine Art Bürgertarif, bei dem jede*r Bürger*in, unabhängig vom Alter, einmal jährlich einen festgelegten Beitrag zahlt, mit dem sie/er dann den ÖPNV im Stadtgebiet frei benutzen kann. (Analog zum ‚Studiticket‘) Dieser Tarif müsste natürlich preislich deutlich unter den derzeitigen Jahreskarten liegen, um attraktiv und damit vermittelbar zu sein. Eine Sozialstaffelung könnte dabei ebenso berücksichtigt werden wie ein Tarif für Touristen, der über die Beherbergungsbetriebe angeboten wird.

Sicher, solche Ideen sind nicht einfach umzusetzen. Womöglich gibt es auch, abgesehen vom ersten Vorschlag, noch weit bessere. Aber alle Alternativen erscheinen mir derzeit sinnvoller, als das undurchsichtige und letztlich immer noch zu teure sog. Kurzstreckenticket. In ihm sehe ich günstigstenfalls das Problem, dass es nicht angenommen werden wird, befürchte aber eher, dass es zu Frust und damit zur weiteren Politikverdrossenheit bei den Bürger*innen führt, wenn erkannt wird, welche undurchsichtige Preisstruktur damit verbunden ist.

Grundsätzlich möchte ich mich als Bürger bei Ihnen allen, die Sie sich kommunalpolitisch engagieren, einmal herzlich für Ihr Engagement für die Allgemeinheit bedanken. Mir ist klar, dass dieses Engagement mit einem hohen Zeitaufwand und wenig öffentlicher Anerkennung verbunden ist. Vielleicht konnte ich Ihnen mit meinen Anmerkungen zum Kurzstreckenticket einige Anregungen für Ihre Arbeit geben.

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Ritter