Ciclo zur Verkehrsführung am Bahnhof Reichenau

Die Situation am Bahnhof Reichenau ist für FußgängerInnen, BusfahrerInnen und -nutzerInnen, Zugreisende, RadfahrerInnen, mobilitätseingeschränkte Menschen und Kinder katastrophal, und das schon seit vielen Jahren. Rund um den Bahnübergang gibt es viel zu wenig Platz, die Verkehrsführung ist unübersichtlich und oft herrscht ein angesichts der vorbeirauschenden Autos nicht ungefährliches Chaos. Ciclo kritisiert PolitikerInnen für diese Zustände und unterbreitet Lösungsvorschläge.

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Es gibt Missstände, die schon so lange bestehen, dass viele Menschen sich längst daran gewöhnt haben. Dazu zählt auch der Bahnübergangs- und Kreuzungsbereich am Bahnhof Reichenau. Wie man etwa von Reichenau-Waldsiedlung aus kommend mit dem Fahrrad in den Radweg nach Konstanz auf der anderen Straßen- und Gleisseite einfädeln soll, erschließt sich auch nach längerem Nachdenken nur schwer. Der Übergang über die Gleise, den sich Fahrräder und FußgängerInnen teilen müssen, ist viel zu schmal für so viele Verkehrsteilnehmer, und die Aufstellflächen vor den Bahnschranken sind ein ziemlich schlechter Witz.

Das Binationale Aktionsbündnis Ciclo Konstanz-Kreuzlingen hat jetzt eine Erklärung herausgegeben, in der die Situation am Bahnhof Reichenau kritisiert und Lösungsvorschläge aufgezeigt werden. Die FahrradaktivistInnen werfen Stadt und Kreis Konstanz vor, weiterhin eine vor allem an den Interessen der AutofahrerInnen orientierte Verkehrspolitik zu betreiben und damit nicht zuletzt den Klimaschutz zu vernachlässigen.

Nachfolgend die Erklärung von Ciclo. Eine ausführliche Darstellung und Bewertung der Lösungsvorschläge kann als PDF über den Link am Ende des Textes aufgerufen werden.

Autokreis Konstanz bremst Fußgänger und Radfahrer aus

Am Bahnhof Reichenau treffen sich in den Sommermonaten täglich zigtausende Radfahrer, Hunderte Fußgänger, ein paar Busse und – geschätzt – zwischen 1000 und 2000 motorisierte Fahrzeuge, vor allem Autos.

Nach vielen gefährlichen Vorkommnissen zwischen den Verkehrsteilnehmern hat der Kreis unter Mithilfe der Neubauleitung des Regierungspräsidiums beschlossen, die Rechte und Räume von Fußgängern und Radlern weiter zu beschneiden, obwohl schon die heutigen Verkehrsflächenverhältnisse allen Vorgaben aus der StVO, ihrer Verwaltungsvorschrift zur StVO und der ERA 2010 [quasi-amtliche „Empfehlungen für Radverkehrsanlagen“] nicht im Mindesten genügen.

Fußgänger, Bahnkunden mit Gepäck, Lastenräder, Räder mit Anhänger und Tausende andere Räder müssen sich im Zweirichtungsverkehr mit 2,5 Metern Breite direkt an den Bahnsteigen arrangieren, während dem Autoverkehr der ganze Rest der Verkehrsfläche inklusive uneingeschränkter Vorfahrt zuerkannt wird.

Ein Fahrrad benötigt 75 cm Fahrbahnbreite plus 1,5 Meter Sicherheitsabstand. Macht im Zweirichtungsverkehr 3 Meter. Ausnahmsweise sind an Engstellen 2,5 Meter erlaubt, wenn kein Fußgängerverkehr gleichzeitig stattfindet. Am Bahnhof Reichenau sind es sogar Bahnreisende, die über diesen schmalen, gemeinsamen Weg ihre Bahnsteige erreichen müssen. Vorgeschrieben sind in solchen Fällen mindestens 1,5 Meter für den Fußgängerverkehr, insgesamt also 4,5 Meter. An Engstellen immer noch 4 Meter. Aber nicht 2,5 Meter. Dem Kreis Konstanz und den Planungsbehörden ist dies herzlich gleichgültig.

Man beruft sich auf Ausnahmegenehmigungen, wenn zu der Engstelle keine Alternativen bestehen.

Das Problem ist schon seit Jahrzehnten, seit der Planung des neuen, vierspurigen Zubringers bekannt. Genügend Zeit also, Alternativen zu entwickeln. Ciclo hat jetzt drei Alternativvorschläge entwickelt, von denen der Vorschlag eines gemeinsamen und gleichberechtigten Kreisverkehrs mit dem Radverkehr auf der Straße (und nicht auf dem Fußweg) lediglich Markierungsarbeiten bedingen würde.

Es kann also keine Rede davon sein, dass es keine Alternativen gäbe. Im Übrigen kam auch der Reichenauer Gemeinderat ohne gegenseitige Absprachen auf einen sehr ähnlichen Vorschlag.

Wenn es also Alternativen gibt, dann kann sich der Verkehrsträger nicht auf eine unvermeidbare Engstellenlösung berufen, sondern muss explizit, nachvollziehbar und wahrhaft begründen, warum andere Lösungen nicht möglich waren und sind. Das haben weder der Kreis noch die Neubauleitung schlüssig dargelegt. Im Gegenteil: Sie haben bezüglich Alternativen gar nichts unternommen.

Stattdessen greift man in die Klamottenkiste der Verkehrsplanung aus den siebziger Jahren und führt den Radweg knapp über 5 Meter hinein in die Kindlebildstraße, bevor er diese queren darf. Damit will man ausdrücken, dass die Querung nicht mehr begleitend zur Gemeindeverbindungsstraße und damit auch nicht vorfahrtsberechtigt sei. Das ist geradezu perfide, weil die 5-Meter-Regelung aus ganz anderen und sachlich korrekten Gründen geschaffen wurde, nicht aber als Werkzeug zur Übervorteilung schwächerer Verkehrsteilnehmer.

Vor allem werden sich widersprechende Situationen häufen, weil eine Gruppe an Radlern dann vom Ersten bis zum Letzten die Straße überqueren darf und soll, wenn der Erste freie Fahrt hatte. Wer also, Autofahrer wie Radler, soll nun in der jeweiligen Lage welches Recht für sich in Anspruch nehmen dürfen? Im Zweifel wird dies letztlich dazu führen, dass immer der Radler schuld sein wird, weil es ihm schwerfällt, die Gruppenkonstellation zu beweisen.

Anscheinend hat sogar die Polizei diese Regelung befürwortet. Ein böser Schelm mag meinen, so bräuchte sie sich weniger Mühe bei der Verursacheranalyse zu machen. In Wahrheit dürfte es sich um eine zentrale Forderung handeln, dass der Bahnübergang keinen Rückstau vertrage und deshalb auch keine störenden Einflüsse auf den fließenden Verkehr.

Nun, dafür wurden Alternativen erarbeitet. Es würde reichen, Fußgängern und Radlern Respekt entgegen zu bringen und sie nicht als lästiges Beiwerk zu behandeln, das man zu Tausenden auf einem 2,5 Meter Weg wegsperren kann.

MM/red (Foto: Ciclo)


Ciclo hat alternative Verkehrsführungen erarbeitet und bewertet. Das Dokument mit den Lösungsvorschlägen ist zu umfangreich für eine Veröffentlichung auf seemoz. Sie können das PDF hier herunterladen.