Ausflüge gegen das Vergessen (8): Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald

Wo die Schwäbische Alb an ihrem Nordtrauf steil abbricht, lagern unter der Erdoberfläche mächtige Gesteinsschichten des Schwarzen Jura, aus dem sich Schieferöl gewinnen lässt. Hier ließ das NS-Regime noch in der letzten Kriegsphase einen Industriekomplex von Schieferölfabriken zur Treibstoffgewinnung errichten – von KZ-Häftlingen unter mörderischen Bedingungen. Eine Fabrik stand im Eckerwald.

Für ein paar Tropfen Öl …

Obwohl alle vorherigen Versuche der Ölgewinnung aus Ölschiefer stets unbefriedigende Ergebnisse erbracht hatten, startete das NS-Regime ab Mitte 1944 das Unternehmen „Wüste”: Treibstoff für die deutsche Wehrmacht und Luftwaffe sollte gewonnen werden, nachdem die Rote Armee die für die deutsche Kriegswirtschaft wichtigen Ölfelder in Rumänien besetzt und alliierte Luftangriffe die letzten Herstellungsanlagen für synthetisches Öl in Deutschland zerstört hatten.

Zusätzlich zu den drei Lagern in Schömberg, Frommern und Schörzingen, die KZ-Häftlinge aus dem KZ Natzweiler-Struthof bereits für die Versuchsanlagen hatten errichten müssen, wurden entlang der Bahnlinie Tübingen – Rottweil für dieses völlig sinnlose Unterfangen in der letzten Kriegsphase weitere vier Konzentrationslager in Erzingen, Bisingen, Dautmergen und Dormettingen gebaut.

In diesen sieben Lagern, die als Außenlager zum KZ-Komplex Natzweiler-Struthof gehörten, waren insgesamt über 12.000 Männer inhaftiert, deportiert aus fast allen Ländern Europas. Ihre Aufgabe bestand darin, zehn „Wüste”-Werke zur Schieferölgewinnung zunächst aufzubauen, um dann darin zu arbeiten: Sie mussten schwerste Grab- und Erdarbeiten verrichten, und Tanks, Gebäude für die Gasreinigung und Verbrennungsanlagen bauen oder, oft mit bloßen Händen, im Schieferbruch arbeiten. Weit mehr als 3500 von ihnen erlagen den unmenschlichen Arbeits- und Lebenbedingungen oder wurden ermordet – davon mindestens 529 Männer aus dem KZ Schörzingen bei den Arbeiten im Eckerwald, in den dieser „Ausflug gegen das Vergessen” führt.

Vom KZ Schörzingen zum „Wüste”-Werk 10 und zurück

Anfang Januar 1944 waren die ersten KZ-Häftlinge nach Schörzingen abkommandiert worden, um dort Baracken für das geplante neue Konzentrationslager zu errichten. Waren die Häftlinge anfangs neben diesen Bauarbeiten noch im Versuchswerk der Kohle-Öl-Union, einer Untertage-Schwelanlage zur Schieferöl-Gewinnung, eingesetzt, begann am 1. September 1944 ihre Arbeit am Aufbau des Wüste-Werks 10 im Eckerwald. Dafür wurden immer mehr Häftlinge – überwiegend aus dem politischen Widerstand der von den Nazis okkupierten Länder – nach Schörzingen verlegt. Gefangenentransporte trafen auch aus Dachau und Auschwitz ein, sodass das ursprünglich für 200 Häftlinge ausgelegte KZ bis Mitte November 1944 mit über tausend Männern belegt war: Zu dritt, zu viert nächtigten die Häftlinge auf den Schlafpritschen, auf Bänken, Tischen, in jedem freien Winkel. Ständig von Hunger geplagt – an sehr guten Tagen bestand die tägliche Ration aus 200 Gramm Brot, ein bisschen Marmelade und einem Teller Steckrübensuppe – hatten sie morgens und abends den vier Kilometer langen Fußmarsch zu ihrem Einsatzort im Eckerwald und zurück in das KZ Schörzingen zu bewältigen.

Bestialische Folterungen prägten den Lageralltag

Auf der Seite der Gedenkstätte Eckerwald sind Aussagen von überlebenden KZ-Gefangenen gesammelt, die von unvorstellbaren Grausamkeiten berichten. Dort ist unter anderem nachzulesen, was der nach Schörzingen deportierte französische Arzt Dr. Robert Morel an seinem ersten Abend im KZ Schörzingen erlebte:

Mahnmal des geschundenen Häftlings, von Bildhauer Siegfried Haas

„Ein Mann lag ausgestreckt im Schlamm. Um ihn herum die sechshundert Deportierten des Lagers, angetreten zum Appell. Den im Koma liegenden Kranken hatten seine Kameraden auf ihren Schultern während des Rückmarsches vom Arbeitseinsatz mitgeschleppt”, schreibt Bernadac Christian in seinem Buch „Les medicins de l’impossible“. Und weiter: „ […] Der Lagerälteste Walter Telschow befahl (dem eben erst im Lager angekommenen) Robert Morel, den Mann zu untersuchen. Robert Morel: ‚Der Mann wird sterben!‘ Walter Telschow: ‚Nein, er wird nicht sterben. Er ist ein Faulenzer und ein Saboteur.‘ Darauf stürzten sich Lagerkommandant Herbert Oehler (SS-Sturmscharführer) und Walter Telschow mit Knüppeln auf den ‚Simulanten‘, bis dieser kein Lebenszeichen mehr zeigte. Außer Atem, das Gesicht schweißüberströmt, wandte sich Telschow wieder an Robert Morel: ‚Jetzt weißt du, welche Art von Medizin hier praktiziert wird. Merke dir das, oder du bekommst es mit uns zu tun.‘” (Siehe dazu auch die Eckerwald-Dokumentation)

Im Februar 1945 wurden die halbfertigen Arbeiten im Eckerwald eingestellt. Das Werk ging nie in Betrieb. Mitte April wurden die überlebenden 370 Häftlinge des KZ Schörzingen schließlich in mehreren Gruppen auf die Todesmärsche über die Schwäbische Alb in Richtung Dachau getrieben. Wie viele von ihnen bei Ostrach die Befreiung erlebten, ist nicht mehr genau zu rekonstruieren.

Die Richter im Rastätter Kriegsverbrecherprozess, in dem sich zwischen Dezember 1946 und Frühsommer 1947 über 500 Angeklagte für die Verbrechen in den Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof zu verantworten hatten, verurteilten sowohl den Lagerkommandant Herbert Oehler als auch den Lagerältesten Walter Telschow wegen unvorstellbarer Grausamkeiten zum Tode. Vollstreckt wurde allerdings nur das Urteil über Telschow – Herbert Oehler blieb lediglich bis 1957 in Frankreich inhaftiert.

KZ-Friedhof und Gedenkstätte Eckerwald

Im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Eckerwald

Als französische Truppen Schörzingen befreiten, fanden sie neben dem verlassenen KZ ein großes Massengrab vor. Hier waren die meisten der Männer, die die unmenschlichen Arbeitsbedingungen nicht überlebten, verscharrt worden. Heute befindet sich an dieser Stelle der KZ-Friedhof Schörzingen. 485 namentlich bekannte Tote sind hier bestattet. Hinzu kommt eine unbekannte Anzahl von Toten, deren Namen den zuständigen Behörden nicht gemeldet worden waren und die ebenfalls auf dem KZ-Friedhof beigesetzt sind. In der Kapelle sind die Namen der identifizierten Opfer, nach Nationalitäten geordnet, aufgeführt.

Die KZ-Baracken in Schörzingen sind längst spurlos verschwunden, aber im vier Kilometer entfernten Eckerwald stehen noch einige Ruinen der ehemaligen Produktionsstätte. Hier befindet sich, jederzeit frei zugänglich, die von der Initiative Eckerwald e.V. getragene Gedenkstätte.

Über einen an den Ruinen der Anlage entlang führenden Pfad gelangt man durch dichten, erst in den 1950er Jahren gepflanzten Wald in wenigen Minuten zur im Jahr 1989 eingeweihten Gedenkstätte, in deren Mitte die Bronzeplastik eines nackten und an den Handgelenken gefesselten Häftlings steht. Geschaffen hat sie, wie auch das im Jahr 2004 entstandene Mahnmal „Macht ist Ohnmacht”, der Rottweiler Bildhauer Siegfried Haas. Ein Stück weiter auf diesem Pfad gelangt man zur Ruine der ehemaligen Gasreinigungsanlage, in der das Dokumentationszentrum der Gedenkstätte untergebracht ist: Es informiert in zehn wetterfesten Schaukästen über das Unternehmen „Wüste”, das Stammlager Natzweiler-Struthof und die Geschehnisse vor Ort. Auch berichten Überlebende, mit denen die Initiative Eckerwald e.V. einen intensiven Kontakt aufgebaut hat, über ihr Schicksal: „Gezeichnet fürs Leben, an Leib und Seele”.

Sabine Bade (Text und Fotos)

Der KZ-Friedhof Schörzingen


Vertiefende Informationen:

KZ-Gedenkstätte Eckerwald
Gedenkstättenverbund Gäu Neckar Alb
Initiative Gedenkstätte Eckerwald e.V. (Hg.): Wüste 10 – Gedenkpfad Eckerwald. Das südwürttembergische Schieferölprojekt und seine sieben Konzentrationslager, das Lager Schörzingen und sein Außenkommando, 5. Auflage 2017

In unserer Artikel-Reihe „Ausflüge gegen das Vergessen“ erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und „Euthanasie“ (7)