Ausflüge gegen das Vergessen (6): Orte jüdischen Lebens in Gailingen

Mit der Deportation der badischen Jüdinnen und Juden am 22. Oktober 1940 in das Lager Gurs (Südfrankreich) endete auf schreckliche Weise die fast 300-jährige jüdische Geschichte der Gemeinde Gailingen am Hochrhein. Das Jüdische Museum dokumentiert das Leben der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger und ihre spätestens ab September 1935 einsetzende Entrechtung, Verfolgung, Deportation und Ermordung.

Als die Synagoge brannte

1858 zählte die jüdische Gemeinde von Gailingen knapp tausend Mitglieder. Kurz danach, im Jahre 1862, bekamen alle Juden und Jüdinnen mit dem neuen „Gesetz über die bürgerliche Gleichstellung der Israeliten im Großherzogtum Baden“ die Niederlassungsfreiheit – und so zogen viele weg aus Gailingen. Doch in der Weimarer Zeit war Gailingen immer noch die größte jüdische Landgemeinde Süddeutschlands. Sie verfügte über eine Synagoge, die Platz für über 700 Menschen bot, ein Schul- und Gemeindehaus, einen Friedhof, ein eigenes Krankenhaus und mit dem „Friedrichsheim“ auch über ein eigenes Altersheim.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, lag der jüdische Bevölkerungsanteil von Gailingen mit über 300 Personen noch bei 20 Prozent. Seit Erlass der Nürnberger „Rassengesetze“ im September 1935 und den nachfolgenden Verordnungen längst entrechtet und nahezu jeder Einkommensmöglichkeit beraubt, mussten die Gailinger Jüdinnen und Juden während der Reichspogromnacht am 10. November 1938 die Zerstörung ihrer Synagoge miterleben.

Jüdisches Museum, Themenraum Verfolgung – Vernichtung

Die Ereignisse in Gailingen, das nur über eine gedeckte Holzbrücke über den Rhein vom schweizerischen Diessenhofen getrennt ist, wurden auch von den Eidgenossen protokolliert. Im Bericht der Bergier-Kommission, der 1996 gebildeten Expertenkommission, die die Geschichte der Schweiz vor, während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg umfassend aufzuarbeiten hatte,
werden sie geschildert:

„Über den Novemberpogrom war der schweizerische Bundesrat durch die diplomatischen Vertretungen in Deutschland gut informiert. Die Thurgauer Kantonspolizei berichtete von den Ereignissen in der benachbarten badischen Gemeinde Gailingen nach Bern: ‚Alle 100 bis 150 Meter der Grenze entlang stand ein S.S. Mann Wachtposten und hatte die Aufgabe, ev. flüchtende Juden anzuhalten und festzunehmen. Im Verlaufe des Morgens wurden sämtliche Juden (Männer, Frauen und Kinder) aufgefordert, sich […] bei der Synagoge einzufinden. Sie mussten nun zusehen, wie man ihr Gotteshaus unter Zuhilfenahme von Zünd- und Sprengstoffen vernichtete.‘

Die Kantonspolizei teilte mit, dass die jüdischen Männer verhaftet und in Konzentrationslager gebracht worden seien. Es war ihr klar, dass der Pogrom von staatlichen Stellen und Parteiorganen organisiert und durchgeführt worden war.“

Die SS-Truppen, die in Gailingen wüteten, waren am Morgen des 10. November 1938 aus Radolfzell angerückt. Unter den Männern, die von ihnen zunächst misshandelt und dann in das KZ Dachau verschleppt wurden, befand sich auch der Rabbiner der Gemeinde, Dr. Mordechai Bohrer, der dort am 30. Dezember 1938 den Haftbedingungen erlag.

„Wer kann, geht fort“

Während Mordechai Bohrer in Dachau inhaftiert war, trafen in Gailingen die lang ersehnten Ausreisepapiere für seine Familie ein, sodass sich seine Frau Jenny mit den acht Kindern über die Schweiz nach Palästina in Sicherheit bringen konnte.

Die Gedenkstelen, wo sich früher der Eingang zur Synagoge befand

Die zunehmende Gewalt und Bedrohung führte zu einer regelrechten Auswanderungswelle. Wer auch immer es organisieren konnte, verließ den Ort. Auf einer Informationstafel im Jüdischen Museum Gailingen sind die Namen all jener Menschen gelistet, die sich durch Ausreise noch retten konnten: Auffällig oft ist dort als Ausreiseziel im Februar 1939 „Shanghai“ genannt. Doch die Ausreise nach China war lediglich vorgeschoben. Das eigentliche – illegale – Ziel der Emigration war Palästina: Zusammen mit mehreren Hundert anderen Flüchtlingen gelangten 23 Jüdinnen und Juden aus Gailingen auf dem Landweg zunächst in die Hafenstadt Rijeka im heutigen Kroatien und von dort aus auf dem Kohlefrachter „Aghiazone“ nach Palästina. (Näheres über diese Massenflucht durch die Schweiz und Italien ist demnächst in einem weiteren „Ausflug gegen das Vergessen“ zu lesen.)

„Jetzt geht’s ins Gelobte Land!“

Knapp zwei Jahre nach den Novemberpogromen wurden am 22. Oktober 1940 210 Menschen aus Gailingen – jüdische Frauen, Männer und Kinder – zusammengetrieben und im Rahmen der sogenannten Wagner-Bürckel-Aktion gemeinsam mit über 6000 jüdischen Bürgern und Bürgerinnen aus Baden und der Saarpfalz in das am Fuß der Pyrenäen liegende südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Die große Mehrheit dieser Menschen wurde ab März 1942 über das Transit-KZ Drancy bei Paris nach Auschwitz, Sobibor und Majdanek verbracht und dort ermordet.

Tobias Engelsing hat in der „Zeit“ die Geschehnisse in Gailingen beschrieben. Auch den martialischen Auftritt des Bürgermeisters Willy Becher, der von der Rathaustreppe aus zusah, wie die Menschen von SS-Männern und Polizei vorbeigetrieben wurden und er von dort aus Moses Friesländer, einem angesehenen Kaufmann des Ortes, zurief: „So, Friesländer, jetzt geht’s ins Gelobte Land!“

Danach vermeldeten die verantwortlichen Gauleiter Robert Wagner (Baden) und Josef Bürckel (Saarpfalz), ihre Gaue seinen nun „judenrein“, die Deportationen reibungslos und ohne Zwischenfälle verlaufen.

Gedenktafel vor dem früheren jüdischen Altersheim Friedrichsheim

Damit wurde die fast 300-jährige jüdische Geschichte der Gemeinde Gailingen auf schreckliche Weise beendet. Dafür, dass sie jedoch nicht vergessen wird, ist in Gailingen viel getan worden. Angefangen mit dem ab Juli 1945 tagenden „Entnazifizierungs- und Wiedergutmachungsausschuss“, der unter Leitung des von den französischen Besatzungskräften eingesetzten neuen Bürgermeisters Josef Ruh ehemalige Gailinger NSDAP-Mitglieder zwangsverpflichtete, den jüdischen Friedhof wieder herzurichten und zu pflegen.

Der Synagogenplatz blieb unbebaut. Hier fand im Juni 1967 die feierliche Einweihung der Synagogengedenkstätte statt, die im Jahr 2000 – zum 60. Gedenktag der Deportation nach Gurs – neu gestaltet wurde: Der Platz zeigt nun die Umrisse der ehemaligen Synagoge. Zwei Stelen markieren ihren Eingang. Auf einer Stele sind die Namen der 210 Deportierten festgehalten und ein Dia mit der Innenansicht der ehemaligen Synagoge eingelassen.

Im ersten Stock des ehemaligen jüdischen Schul- und Gemeindehauses, das 1845-47 gegenüber der Synagoge erbaut wurde, befindet sich heute das vom Verein für jüdische Geschichte Gailingen e.V. getragene Jüdische Museum Gailingen. Und auch vor dem Friedrichsheim, in dem sich von 1898 bis 1940 das jüdische Altersheim befand, wird mit einer Gedenktafel namentlich an alle 108 von dort deportierten Menschen erinnert.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:

Jüdisches Museum Gailingen
Tobias Engelsing: „Morgens 7 Uhr Gestapo bei uns“, In: ZEIT Nr. 42/2015, 15. Oktober 2015
Eckhardt Friedrich und Dagmar Schmieder (Hg.): Die Gailinger Juden, Konstanz, 4. Auflage 2010

In unserer Artikel-Reihe „Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)