Ausflüge gegen das Vergessen (4): Das KZ Spaichingen

Von September 1944 bis April 1945 stand auf der Schwäbischen Alb mitten in Spaichingen ein NS-Konzentrationslager. In diesem Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof mussten hier in den letzten Kriegsmonaten durchschnittlich 300 bis 400 Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Zwangsarbeit für die Waffenschmiede Mauser aus Oberndorf am Neckar leisten. Für viele von ihnen kam die Befreiung zu spät.

Zwangsarbeit für die Waffenschmiede Mauser

Alliierte Luftangriffe hatten Mitte 1944 große Teile der Produktionsstätten der Waffenfabrik Mauser in Oberndorf, damals im Besitz der Familie Quandt, zerstört. Unter dem Tarnnamen „Metallwerke Spaichingen“ sollte nun ein Teil der Rüstungsproduktion auch nach Spaichingen verlagert werden. Mauser erhielt Häftlinge und SS-Wachpersonal aus dem KZ Natzweiler-Struthof im besetzten Elsass für den Bau einer Fabrikhalle im außerhalb des Ortes gelegenen Gewann Lehmgrube.

Im Ortszentrum – dort, wo sich heute am Marktplatz das Spaichinger Rathaus, das Evangelische Gemeindehaus, Post, Busbahnhof, Büros, Geschäfte und Wohnungen befinden – wurde das Konzentrationslager errichtet. Hier entstanden die Baracken zur Unterbringung der Häftlinge, die für die „Metallwerke Spaichingen“ schuften mussten. Tag für Tag trieben die Wachmannschaften den Zug dieser Arbeitssklaven durch die Stadt zum Arbeitsplatz und zurück.

Lageplan der KZ-Baracken im Zentrum Spaichingens

Als sich in Rastatt zwischen Dezember 1946 und Frühsommer 1947 über 500 Angeklagte vor einem französischen Militärgericht für die Verbrechen in den Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof zu verantworten hatten, charakterisierten Zeugen das KZ Spaichingen als „wahre Hölle“ und berichteten von bestialischen Quälereien. Die Häftlinge seien bei geringstem Vergehen an den Händen aufgehängt worden, auf dem Heimweg habe man sie aus purer Willkür schwere Steine tragen lassen und auch Erschießungen seien vorgekommen. Chaim Parzenczewski, ein ehemaliger KZ-Häftling, dem auf dem Todesmarsch von Spaichingen in Richtung Allgäu im April 1945 die Flucht gelungen war, schilderte während des Prozesses: „Es gab Menschen, die uns in dieser schrecklichen Hungerszeit kleinere Päckchen oder Brot auslegten auf unserem Marsch von und zur Arbeit. Groß konnten sie nicht sein, damit es nicht auffiel. Als einmal zwei Häftlinge ausscheren wollten, um sich etwas zu schnappen, sah dies der SS-Mann und erschoss die beiden Häftlinge auf der Stelle.“

Wie viele der KZ-Häftlinge zwischen September 1944 und April 1945 in Spaichingen ermordet, durch Arbeit vernichtet wurden oder auf dem Todesmarsch in Richtung Allgäu starben, lässt sich heute nicht mehr exakt beziffern.

KZ-Gedenkstätte und Weg der Erinnerung am Ort eines Massengrabes

Dort, wo zwischen Bahndamm und Spaichinger Friedhof 30 KZ-Häftlinge im April 1945 in einem Massengrab verscharrt worden waren, errichtete ein in Rottweil stationiertes französisches Regiment bereits im Sommer 1945 eine erste schlichte Gedenkstätte für die vor allem aus Ungarn, Jugoslawien und Italien stammenden Toten.

Im Jahr 1964 errichtetes Mahnmal am Ort des Massengrabs

Im Jahr 1964 wurde diese bereits verfallene Gedenkstätte durch ein neues Mahnmal ersetzt. Die sieben Meter hohe Konstruktion nach dem Entwurf des Tuttlinger Bildhauers Roland Martin besteht aus ineinander verflochtenen, verschieden hohen Kreuzen aus Eisenrohren. In den Granitboden, aus dem die Kreuzgruppe aufsteigt, wurden gusseiserne Platten mit den Namen der 30 dort verscharrten Männer eingelassen.

Am 29. September 2019 wurde die Neugestaltung der Gedenkstätte mit einer Feierstunde begangen. Sie ist nun über einen circa hundert Meter langen und von Linden gesäumten „Weg der Erinnerung“ erreichbar, der auf zehn Informationstafeln in dreisprachiger Ausführung (Deutsch, Französisch und Englisch) die Geschichte des KZ Spaichingen dokumentiert.

Außerdem sind nun gegenüber dem Mahnmal auch in weiteren acht Bodenplatten die Namen jener 64 Menschen aufgeführt, die 1944/45 vom Standesamt Spaichingen als Sterbefälle des KZ beurkundet wurden.

„Noch einmal und Ihr geht mit!“

Dass auch im Stadtzentrum seit einigen Jahren an das KZ Spaichingen erinnert wird, ist diversen lokalen, meist privaten oder kirchlichen Initiativen zu danken.

KZ-Gedenkort vor dem Martin-Luther-Haus

So konnten im Jahr 2005 an drei Stellen des früheren KZ-Geländes von SchülerInnen gestaltete Bronzeguss-Platten auf dem Marktplatz, vor dem Martin-Luther-Haus und am Busbahnhof in den Boden eingelassen werden.

Drei Jahre später errichteten die Eigentümer der Firma HOGRI auf ihrem Betriebs­gelände im Gewann Lehm­grube einen Gedenkstein zur Erinnerung an Häftlinge, die dort 1944/45 zur Errichtung der Montagehalle eingesetzt waren.

Gedenktafel vor der Firma HOGRI

Seit dem Jahr 2013 ist der Leidensweg, den die Häftlinge Tag für Tag zwischen diesen beiden Orten zurücklegen mussten, durch zehn klitzekleine Bodenplatten markiert: Stilisierte Nahrungsmittel, die Anwohner den Häftlingen zustecken wollten, und die überlieferte Drohung „Noch einmal und Ihr geht mit!“ führen so vom Marktplatz über Hauptstraße, Vorgasse, Angerstraße, Karlstraße, Hausener Straße und Maybachweg zum Gedenkstein in der Rudolf-Diesel-Straße. Eine Erläuterung dieses Leidenswegs befindet sich auf einer Gedenkstele vor dem Martin-Luther-Haus.

Die Initiative KZ-Gedenken Spaichingen ist Mitglied im Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e.V. (VGKN), in dem sich derzeit 15 Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen des ehemaligen KZ-Komplexes Natzweiler-Struthof zusammengeschlossen haben.

Diese Initiativen werden – 75 Jahre nach der Befreiung – am Wochenende 4./5. April 2020 in Vaihingen gemeinsam an das Ende der Lager erinnern.

Sabine Bade (Text und Fotos)

KZ-Gedenkort am Busbahnhof


Vertiefende Informationen:

Initiative KZ-Gedenken in Spaichingen e.V.
Gedenkstätten-Flyer mit Übersichtsplan
Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e.V. (VGKN)
Kastilan, Jochen: Spaichingen – Das KZ im Gewann „Lehmgrube“, In: Alte Synagoge Hechingen (Hg.): Möglichkeiten des Erinnerns – Orte jüdischen Lebens und nationalsozialistischen Unrechts im Zollernalbkreis und im Kreis Rottweil, 1997, S. 80-83.
Kastilan, Jochen: Das Konzentrationslager Spaichingen, In: Spaichinger Stadtchronik, Spaichingen, 1990


In unserer Artikel-Reihe „Ausflüge gegen das Vergessen“ erschienen bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)