Ausflüge gegen das Vergessen (38): Das hundert Kilometer lange Freiluft-Denkmal „Über die Grenze“ in Vorarlberg

Ein Projekt des Jüdischen Museums Hohenems erlaubt seit Anfang Juli 2022, sich entlang der  Radroute Nr. 1 vom Bodensee bis hinauf zur Silvretta auf einzigartige Weise über Flüchtlingsschicksale in der NS-Zeit zu informieren. Was politische GegnerInnen der Nazis, verfolgte Jüdinnen und Juden, Deserteure, Kriegsgefangene und Zwangs- und FremdarbeiterInnen aus besetzten Ländern Europas in Vorarlberg bei ihren Fluchtversuchen erlebten, kann man nun an symbolischen Grenzsteinen per QR-Code nachverfolgen.

100 Kilometer – 52 Geschichten

Gesammelt hat das Jüdische Museum Hohenems Dokumente und Zeitzeugenberichte zu den Dramen, die sich zwischen 1938 und 1945 entlang der Grenze zwischen Vorarlberg und der Schweiz abspielten, bereits seit Jahrzehnten. In der Dauerausstellung zeugen viele Exponate davon, dass nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland 1938 die Schweiz für Jüdinnen und Juden und erklärte GegnerInnen des Nazi-Regimes das erste Fluchtziel war. Und dass hier, direkt an der Grenze, vor achtzig Jahren Menschen um das nackte Überleben kämpften.

Digitale Radkarte auf der Projekthomepage

Auch die Idee, diese Schicksale einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, bestand seit langem, wie Hanno Loewy, der Direktor des Museums, beim Eröffnungs-Festakt am 3. Juli 2022 auf dem Hohenemser Schlossplatz erläuterte. Aber konkrete Form nahm das Projekt erst an, als zum ersten Mal seit 1945 die im Alltag nicht sichtbare grüne Grenze zwischen Österreich und der Schweiz coronabedingt auf einmal hermetisch abgeriegelt und nur mit Sondergenehmigung zu überwinden war. In einem zweijährigen Arbeitsprozes haben Loewy und sein Team zusammen mit 22 Städten und Gemeinden in Vorarlberg, der Schweiz und Liechtenstein und vielen Projektpartnern den historischen Hör- und Schauweg „Über die Grenze“ entwickelt.

Der Gedenkweg erzählt von Odysseen durch ganz Europa und von einheimischen Schmugglern, die zu Fluchthelfern werden, von Liebenden, die aus dem Gefängnis ausbrechen und Kriegsgefangenen, die sich verirren, von protestierenden Schülerinnen und Verhören durch die Gestapo, von gefährlichen Wegen über den Rhein und die Berge. Er erzählt von menschlichem Mut, Verfolgung, Behördenwillkür und Widerstand.

Dazu wurden entlang der Vorarlberger Radroute Nr. 1 von Lochau bis Partenen und an ausgewählten Orten in der Schweiz und in Liechtenstein symbolische Grenzsteine gesetzt, die jedoch nicht mit den Namen der angrenzenden Länder, sondern mit jenen von Menschen versehen sind, deren Schicksal sich an der betreffenden Stelle entschied. Scannt man den auf der Oberseite des Steins eingelassenen QR-Code ein, erscheinen auf dem Display Fotos, Texte und kurze Hörstücke zum jeweiligen Stationendrama.

Radelnd dramatischen Flüchtlingsschicksalen nachspüren

Darunter sind Geschichten wie die des jungen Lustenauers Wehrmachtssoldaten Josef Hagen, der während eines Heimaturlaubs Ende Mai 1944 den Versuch unternahm, durch ein Rohr über den Alten Rhein in die Schweiz zu desertieren. Von den Schüssen eines Hilfszöllners schwer verletzt, erreichte er zwar die Schweiz, starb aber noch am selben Tag im Krankenhaus von Altstätten. 

Grenzstein für die Fünf Frauen am Alten Rhein

Oder Geschichten wie die der Philosophin Gertrud Kantorowicz, deren Fluchtversuch bei Hohenems scheiterte. Zusammen mit vier anderen Frauen – die meisten kannten sich gut aus dem Berliner Kreis des Dichters Stefan George – und geleitet vom Diepoldsauer Fluchthelfer Jakob Spirig wollte sie am 10. Mai 1942 den Alten Rhein überqueren. Aber nur einer der fünf Frauen, Paula Korn, gelang die Flucht in die Schweiz. Die vier anderen wurden verhaftet. Keine von ihnen überlebte die NS-Herschaft: Paula Hammerschlag brachte sich noch im Hohenemser Wachlokal mit einer Überdosis Phanodorm um; Marie Winter, Gertrud und Clara Kantorowicz starben in Konzentrationslagern.   

Nachzulesen und zu hören sind auch Geschichten wie die des St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger, der Schlagbäume öffnete für Männer, Frauen und Kinder, die nach dem „Anschluss“ Österreichs – von Verfolgung und Deportation in die deutschen Vernichtungslager bedroht – versuchten, illegal in die Schweiz einzureisen. Und jene des Schweizer Konsularbeamten Ernest Prodolliet, der in Bregenz verbotenerweise hunderte Visa für bedrohte Jüdinnen und Juden ausstellte.

Nun sind wir auch nicht mehr darauf angewiesen, eine der raren Karten der Theaterwanderung „Auf der Flucht“ des teatro caprile zu ergattern, das in den Sommermonaten mit ihren Aufführungen an Menschen wie den jungen Dichter Jura Soyfer und die erhängten Jüdinnen in der St. Gallenkircher „Kiecha“ erinnert. Dafür sorgen jetzt ganzjährig die symbolischen Grenzsteine, an denen – unterhalb von Sarotlapass und Schlappiner Joch, den Orten, an denen ihre Flucht vor den NS-Schergen im Montafon scheiterte – ihrem Schicksal nachgespürt werden kann.

Die Erfahrungen der Flüchtlinge spiegeln sich in persönlichen Briefen, in Dokumenten der deutschen und Schweizer Behörden, in Erinnerungen von ZeitzeugInnen und Fotografien der Schauplätze – alles Exponate, die ansonsten nur im Museum zu finden sind. Da wir aber nur sehen, was wir wissen, wird auf diesem Radweg in idyllischer Umgebung entlang des Rheins und der Ill nun auch jenen, die nicht unbedingt ins Museum gekommen wären, bewusst, dass es sich bei diesem Weg auch um eine Fluchtweggeschichtenroute handelt.

Als Plattform für diese Erkundung der Grenzlandschaft im Rheintal und in den Bergen dient die Website www.ueber-die-grenze.at mit einer interaktiven Radkarte.

Sabine Bade (Text und Fotos)

Vertiefende Informationen:
„Über die Grenze“
Jüdisches Museum Hohenems

Anzeige
Aufklärung gegen das Vergessen

In unserer Artikel-Reihe “Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:

Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und “Euthanasie” (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)
Das KZ Radolfzell (11)
Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch (12)
Das KZ Überlingen (13)
Die Stuttgarter Gedenkstätte für Lilo Herrmann (14)
Die Gedenkstätte für nach Auschwitz deportierte Sinti aus dem Ravensburger Ummenwinkel (15)
Das KZ Bisingen (16)
Freiburger Erinnerungsstätten an die Oktoberdeportation 1940 (17)
Nach Riedheim und Singen im Gedenken an Max Maddalena (18)
Auf den Heuberg (19)
Zum Grab der Widerstandskämpferin Hilde Meisel nach Feldkirch (20)
Das „Gräberfeld X“ in Tübingen (21)
Das KZ Hailfingen-Tailfingen (22)
Die andere Mainau (23)
Die ehemalige „Heilanstalt Zwiefalten (24)
Das KZ Oberer Kuhberg in Ulm (25)
Die Gedenkstätte für jüdische Flüchtlinge in Riehen (26)
Der Stuttgarter Deportationsbahnhof (27)
Das jüdische Hohenems (28)
Das Frauen-KZ in Geislingen an der Steige (29)
Im Gedenken an Jura Soyfer und andere Verfolgte des NS-Regimes nach Gargellen (30)
Die Gedenkstele für Ernst Prodolliet in seinem Heimatort Amriswil (31)
Das St. Josefshaus in Herten/Rheinfelden (32)
Das KZ Natzweiler-Struthof (33)
Die Gedenkstele für ZwangsarbeiterInnen in Lindau (34)
Das KZ Echterdingen (35)
Georg-Elser-Gedenkorte in Königsbronn (36)
Erinnerungen an die „Schwarzwälder Blutwoche“ in Kehl (37)