Ausflüge gegen das Vergessen (23): Die andere Mainau

Mitte Mai 1945, nur wenige Tage nach Ende des NS-Regimes, requirierte die französische Armee die Insel Mainau und brachte auf ihr befreite schwerkranke französische Häftlinge des KZ Dachau unter, die sich hier vor der Heimkehr erholen sollten. Von den etwa 300 Frauen und Männern starben 33 während ihres Aufenthaltes auf der Insel. Darunter auch, bisher noch kaum erforscht, Angehörige anderer Nationen und jüdische Auschwitz-Überlebende.

Vom „Kraft durch Freude“-Blumenparadies …

Die Insel Mainau war 1930 im Erbgang von der großherzoglich badischen Familie an den Prinzen Wilhelm von Schweden übergegangen, der sie 1932 seinem damals 23-jährigen Sohn Lennart zur Nutzung überließ. Lennart Bernadotte hatte durch „nicht standesgemäße“ Eheschließung sämtliche Titel und Erbansprüche an das schwedische Königshaus verloren und machte die Insel Mainau zu seinem neuen Wohnsitz. Um dafür eine finanzielle Grundlage zu schaffen, öffnete er die Insel dem Tourismus und entwickelte die „Blumeninsel“ zu einem begehrten Reiseziel der NS-Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ (KdF). Ziel dieser im November 1933 gegründeten Organisation war die Stärkung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und die Vervollkommnung und Veredelung der deutschen („arischen“) Menschen; die gemeinsam verbrachte Freizeit sollte sie zu einer starken, anderen Völkern überlegenen Gemeinschaft zusammenschweißen. Bereits in der Saison 1934 trafen die ersten KdF-Urlauberzüge aus dem ganzen Deutschen Reich in Konstanz ein. Die Mainau, nun deutschlandweit als „Blumeninsel“ mit mediterranem Flair beworben, entwickelte sich sehr schnell zum vielbesuchten Reiseziel am Bodensee. Gäste – im Jahr 1938 bereits 275.000 Menschen, die ab Ostern 1937 in der Schwedenschänke auch bewirtet werden konnten – kamen auch per Schiff aus Meersburg und Überlingen.

Viele Jahre begehrtes „Kraft durch Freude“-Ausflugsziel

Die Einnahmen aus dem KdF-Tourismus rissen auch in den ersten Kriegsjahren nicht ab, 1942 reichten sie sogar noch einmal annähernd an das Vorkriegsjahr 1938 heran. Lennart Bernadotte selbst hatte mit seiner Familie am 28. September 1939 während des deutschen Überfalls auf Polen die Insel in Richtung Schweden verlassen und seinen Verwalter mit deren Betreuung beauftragt. Als im Frühjahr 1943 die Besucherzahlen dann aber abrupt abbrachen, konnte er die Insel im Sommer 1943 für monatlich 5000 Reichsmark an die Organisation Todt (OT) verpachten, eine paramilitärische Bautruppe des Rüstungsministeriums von Albert Speer, die dort ein (nie realisiertes) Erholungsheim für Rüstungsindustrielle plante. Stattdessen wurde die Insel im Oktober 1944 vom Auswärtigen Amt französischen Kollaborateuren um den Faschisten Jacques Doriot als Aufenthaltsort zugewiesen; Doriot bot sich den Nazis als schlagkräftige Alternative zum Vichy-Regime an, das nach der Landung der Alliierten im Juni 1944 nach Sigmaringen geflohen war. Doriots Versuch, von der Mainau aus Frankreich von der „gaullistisch-kommunistischen“ Herrschaft zu befreien, endete mit seinem Tod bei einem Fliegerangriff am 22. Februar 1945 in der Nähe von Mengen.

… zum Hospital für befreite KZ-Überlebende

Am 26. April 1945 nahmen französische Truppen Konstanz ein, einen Tag später auch die Insel Mainau. Die gesamte Region wurde Teil der französischen Besatzungszone. Am 29. April 1945 erreichten US-amerikanische Truppen das Konzentrationslager Dachau und befreiten dort über 30.000 Häftlinge, unter ihnen auch viele aus Frankreich. Da in der katastrophalen Schlußphase des NS-Regimes im KZ Typhus ausgebrochen war, verhängten die Amerikaner eine Quarantäne und untersagten den Franzosen, ihre Landsleute sofort nach Hause zu holen. Genehmigt wurde lediglich, sie unter strengen Auflagen in die französische Zone zu bringen. So requirierte die französische Armee am 17. Mai die Inseln Mainau und Reichenau zu ihrer Unterbringung. Auf der Mainau wurden 300 Betten für schwerkranke unterernährte Überlebende eingerichtet, auf der Insel Reichenau 2000 Plätze für weniger kranke KZ-Häftlinge bereitgestellt, die sich erholen beziehungsweise die Quarantänezeit abwarten mussten. Und 1000 Betten wurden im Krankenhaus Reichenau, der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt, für Menschen mit ansteckenden Krankheiten aufgebaut (hier hatte zuletzt eine NS-Eliteschule bestanden).

Der physische und psychische Zustand der auf der Mainau Angekommenen war grauenerregend, wie ein Journalist schrieb: „Im Park trifft man fast überall auf Männer mit rasiertem Schädel, fremdartigem Blick, ihre Kleider flattern um ihre schrecklich abgemagerten Glieder. Sie irren umher auf der Suche nach ich weiß nicht was, zweifellos auf der Suche nach sich selbst.“ Unterernährung, Mangelerkrankungen, Hungerödeme, Durchfall und nicht heilende Wunden gaben vielen Opfern der nationalsozialistischen Lager ein greisenhaftes Aussehen.

Gedenkstelen: „Mensch sein heißt verantwortlich sein“

Die St. Galler „Volksstimme“ berichtete am 14. Juli 1945 über das Lazarett: „Das Bild, das sich uns in seinen Zimmern bot, war furchtbar. Es sind dort Opfer aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau untergebracht, die sich von den furchtbaren Leiden offenbar nicht mehr zu erholen vermögen und für deren Pflege wissenschaftliche Hilfe durch eine Ärztedelegation aus Paris herbeigeholt worden ist. Seit Wochen liegen diese abgemagerten Gestalten in ihren Betten, werden nach den neuesten wissenschaftlichen Methoden ernährt, ohne daß Kraft und Gesundheit in ihre Glieder zurückkehrten. […] ein kleiner Friedhof findet sich auch schon in dem großen Park, und er wird größer werden.“

Bis zur Schließung des Lazaretts Mitte September 1945 starben 33 Menschen auf der Insel. Sie wurden auf einem für sie angelegten kleinen Friedhof unterhalb des Schlosses bestattet. Lennart Bernadotte sorgte 1946 – nicht ohne sich entstandenen Schaden ersetzen zu lassen – für die Auflösung dieses Friedhofs und die Umbettung der Leichname auf den Konstanzer Hauptfriedhof. Alle Toten wurden zwischen 1947 und 1949 nach Frankreich überführt.

Eine Gedenkstätte war lange unerwünscht

Es ist dem Regionalhistoriker Arnulf Moser und seinem 1995 veröffentlichten Buch „Die andere Mainau 1945. Paradies für befreite KZ-Häftlinge“ zu danken, dass die Geschehnisse auf der Mainau überhaupt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden. Schon damals kam die Forderung nach einer Gedenktafel auf. Doch ein Mahnmal war zu Lennart Bernadottes Lebzeiten (1909–2004) undenkbar: „Ich denke nicht gern an die Okkupationstage zurück, die viel schlimmer waren als die Nazizeit.“

Die Historikerkommission, zu der sich am Tag der Enthüllung der Gedenkstätte auch Arnulf Moser gesellen durfte

Wieder aufgenommen wurde die Forderung nach einer Gedenkstätte auf der Mainau im Jahr 2010 von der Deutsch-Französischen Vereinigung Konstanz (DFV), die Arnulf Mosers Recherchen aufgriff und einen entscheidenden Anstoss gab, ein Erinnerungszeichen für die 33 auf der Mainau verstorbenen ehemaligen KZ-Häftlinge zu schaffen. Da der öffentliche Druck nicht nachließ – die Etappen sind auf den verlinkten Seiten der DFV nachzulesen, auch Seemoz berichtete mehrmals – sahen sich Gräfin Bettina Bernadotte und Graf Björn Bernadotte Ende 2011 veranlasst, eine Historikerkommission einzusetzen. Daraufhin beschäftigten sich Lothar Burchardt, Tobias Engelsing und Jürgen Klöckler mit der Geschichte der Insel Mainau zwischen 1930 und der Nachkriegszeit; sie sichteten Quellen und berieten die EigentümerInnen der Mainau bei der Erarbeitung eines Gesamtkonzepts.

Am 18. November 2012 wurde schließlich im Beisein des französischen Botschafters Maurice Gourdault-Montagne und viel regionaler Politprominenz die Gedenkstätte eingeweiht. Sie besteht aus drei Granitstelen; in die Hauptstele sind die Worte des Dichters Antoine de Saint-Exupéry eingelassen: „Mensch sein heißt verantwortlich sein“. Zum Denkmal gehört eine Informationstafel in drei Sprachen mit den Namen der Verstorbenen, deren Lebensdaten bis zu diesem Zeitpunkt ermittelt werden konnten.

Auch jüdische Auschwitz-Überlebende starben auf der Mainau

Am 23. Februar 2016 verlegte Gunter Demnig in der Rotterdamer Mathenesserlaan 417b einen Stolperstein für Eugenie Nicolette („Nieke“) Bril.

Hier woonde
Eugenie Nicolette
Bril
Geb. 1926
Gedeporteed 1942
Uit Westerbork
Auschwitz
Bevrijd
Overleden 11.6.1945
Mainau

Zusammen mit ihren Eltern war das junge holländische Mädchen im Rahmen der „Entjudung“ der Niederlande zunächst nach Kamp Westerbork verschleppt worden. Dieses „Judendurchgangslager“ war zwischen Juli 1942 und September 1944 der Ausgangspunkt für insgesamt 93 Züge in die Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und Sobibor, nach Theresienstadt und Bergen-Belsen. Über 100.000 niederländische und deutsche Jüdinnen und Juden wurden im Wochentakt deportiert. Niekes Vater starb am 1. Oktober 1944 in Auschwitz. Sie selbst überlebte Theresienstadt und Auschwitz, gehörte nach der Befreiung aber zu jenen 33 Menschen, die auf der Insel Mainau starben. Wo sie an den 2012 errichteten Gedenkstelen noch immer als „Französin“ geführt wird.

Informationstafel an der Gedenkstätte

Als die Gedenkstätte damals eingeweiht wurde, gab die Informationstafel berechtigten Anlass zur Hoffnung auf weitergehende Forschung. Stand doch dort: „Die Erinnerung an das Leben von Menschen ist flüchtig. So können derzeit nur die Daten von 25 der vermutlich 33 auf der Insel Mainau gestorbenen Ex-Häftlinge genannt werden. Zum Leben der Übrigen sind weitere Recherchen nötig, um unsichere Überlieferungen zu klären.“

Genährt wurde diese Hoffnung durch die damals noch nicht abgeschlossene, auf neue Quellen gestützte Rekonstruktion der Mainauer Zeitgeschichte, mit der Bettina und Björn Bernadotte die Historikerkommission beauftragt hatte. Mit der Veröffentlichung ihrer Untersuchung im Januar 2014 wurde jedoch klar, dass die Kommission wider Erwarten keine weiteren Recherchen zu den auf der Insel Verstorbenen vorgenommen hatte.

Leider scheint es seit der Errichtung der Gedenkstätte auf der Mainau keinerlei Interesse mehr daran zu geben, das Schicksal der auf der Insel Verstorbenen (unter ihnen auch noch weitere jüdische Überlebende von NS-Konzentrationslagern) weiter zu erforschen und bisherige Informationen gegebenenfalls zu korrigieren. Noch nicht einmal auf dem äußerst ausführlichen Inselplan – der neben allen Sehenswürdigkeiten auch wirklich jede Poststelle und Mülltrennstation ausweist – ist bis heute der Standort der Gedenkstätte verzeichnet.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:

Arnulf Moser: Die andere Mainau 1945. Paradies für befreite KZ-Häftlinge, überarbeitete Neuauflage, Konstanz 2020
Deutsch-Französiche Vereinigung (DFV) zur Gedenkstätte auf der Mainau
Historikerkommission: Gutachten Lennart Bernadotte (1909-2004) während der Zeit des Nationalsozialismus und in den unmittelbaren Nachkriegsjahren
Stichting Loods 24 Rotterdam zu Eugenie Nicolette Bril
Urs Oskar Keller: Flecken auf der Blumenpracht: Vor 75 Jahren, nach Kriegsende kamen einstige KZ-Häftlinge zur Erholung auf die Insel Mainau. Ein Blick zurück, In: Saiten – Ostschweizer Kulturmagazin, Juni 2020, S. 64f.

In unserer Artikel-Reihe “Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und “Euthanasie” (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)
Das KZ Radolfzell (11)
Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch (12)
Das KZ Überlingen (13)
Die Stuttgarter Gedenkstätte für Lilo Herrmann (14)
Die Gedenkstätte für nach Auschwitz deportierte Sinti aus dem Ravensburger Ummenwinkel (15)
Das KZ Bisingen (16)
Freiburger Erinnerungsstätten an die Oktoberdeportation 1940 (17)
Nach Riedheim und Singen im Gedenken an Max Maddalena (18)
Auf den Heuberg (19)
Zum Grab der Widerstandskämpferin Hilde Meisel nach Feldkirch (20)
Das „Gräberfeld X“ in Tübingen (21)
Das KZ Hailfingen-Tailfingen (22)