Ausflüge gegen das Vergessen (13): Das KZ Überlingen

Um die Rüstungsproduktion am Bodensee unterirdisch „bombensicher“ fortsetzen zu können, wurde in Überlingen im September 1944 ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau errichtet. Die KZ-Häftlinge schufteten beim Bau des Goldbacher Stollens, in den Teile der Rüstungsbetriebe aus Friedrichshafen verlagert werden sollten. Mindestens 243 von ihnen wurden innerhalb von nur acht Monaten getötet, fielen den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen zum Opfer oder wurden von den Wachmannschaften ermordet.

Bombensichere Rüstungsproduktion: „Unternehmen Magnesit“

Friedrichshafen war eines der großen Rüstungszentren des Nazi-Regimes. Alle Panzer der Wehrmacht fuhren mit Maybach-Motoren, die Luftschiffbau Zeppelin GmbH fertigte unter anderem Antennen für Peil- und Radargeräte, Dornier produzierte Flugzeuge und die Zahnradfabrik (ZF) Getriebe. Aufgrund dieser beträchtlichen Ansammlung von Rüstungsbetrieben war die Stadt ab Juni 1943 ein Ziel alliierter Luftangriffe. Nach den besonders schweren Bombardierungen am 28. April 1944 beauftragte Albert Speers Reichsministerium für Rüstung und Kriegsproduktion ein Konsortium von Baufirmen mit der Errichtung einer in die Molassefelsen von Überlingen getriebenen Stollenanlage zur bombensichereren Aufnahme der Fabriken. Das Projekt erhielt den Decknamen „Magnesit“.

Heutiger Eingang zum Goldbacher Stollen mit Infotafel

Anfang Juni 1944 wurde mit dem Stollenbau begonnen. Nach Fertigstellung der notwendigen Vorarbeiten (Installationen, elektrische Anlagen und ähnliches) wurden für die Schwerstarbeiten in zwei großen Transporten im September und Oktober 1944 Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau nach Überlingen verlegt. Für die Männer – mehrheitlich Italiener und Slowenen – war zwischen Überlingen und Aufkirch ein Lager errichtet worden, das aus drei Wohnbaracken für die durchschnittlich dort lebenden 700 Häftlinge bestand. Das Areal war mit Stacheldraht umgeben und von vier Wachtürmen gesichert. Auf Menschen abgerichtete Wachhunde sollten Fluchtversuche verhindern. Lagerkommandant war SS-Obersturmführer Georg Grünberg, der nach Einsätzen in den Konzentrationslagern Oranienburg und Auschwitz vorher bereits im Außenlager Friedrichshafen in gleicher Funktion tätig war.

Die Häftlinge arbeiteten sechs Tage pro Woche in Zwölf-Stunden-Schichten. Sie hatten ohne jegliche Vorkehrungen für ihren persönlichen Schutz Stollen aus dem Felsen zu sprengen und das Gestein abzutransportieren.

… und dessen Opfer

Informationstafeln im Stollen

Mindestens 243 Menschen starben an den Folgen der Zwangsarbeit, an Unterernährung, Misshandlung und während der Ab- und Rücktransporte in die Lager Saulgau, Allach (München) und Dachau vor Eintreffen der französischen Truppen am 25. April 1945 oder kurz danach. Anfangs wurden die Leichen zur Einäscherung in das Konstanzer Krematorium gebracht. Von 70 dort verbrannten Toten sind die Namen bekannt, weil das dortige Standesamt zunächst noch Buch darüber führte. Nach dem Krieg konnten die Urnen dadurch den Angehörigen übergeben und in ihre Heimat überführt werden – wie die Urne des italienischen Rechtsanwalts Franco Tranfaglia, die sich seither in der Gedenkstätte auf dem zwischen Lago Maggiore und Luganer See gelegenen Monte San Martino befindet. Er hatte sich dem lokalen Widerstand gegen die deutsche Besatzung Italiens angeschlossen, wurde verhaftet, über Bozen im Oktober 1944 nach Deutschland deportiert und starb am 17. Januar 1945 in Überlingen. An „allgemeiner Schwäche“, wie es damals oft hieß.

Als die Kohleversorgung des Konstanzer Krematoriums für eine Verbrennung nicht mehr ausreichte, wurden zwischen Februar und April 1945  97 Tote im nahen Degenhardter Wäldchen in einem Massengrab verscharrt. Anfang April 1946 ordnete die französische Militärbehörde die Öffnung des Massengrabs an: Ehemalige Bewacher und Überlinger Nazis mussten die Leichen bergen. Eine Identifizierung war nicht mehr möglich, bei der Bergung wurden aber die Todesursachen festgehalten: „Zehn der namenlosen Opfer wiesen Schußwunden auf, die den Tod herbeigeführt hatten. Bei 90 Prozent der Leichen war der Tod durch Schwäche, Hunger, Mißhandlungen oder durch willkürlich provozierte ‚Arbeitsunfälle‘ herbeigeführt worden, da die Häftlinge manchmal in den Stollen Sprengungen beiwohnen mußten. Einer trug noch eine Schlinge um den Hals. Zehn Prozent der Opfer wiesen Hundebisse auf.“

Die Leichen wurden in einfachen Holzsärgen auf dem Landungsplatz in Überlingen aufgebahrt und nach einer Nachtwache und einer Gedächtnisfeier am 9. April 1946 auf dem neu angelegten KZ-Friedhof Birnau beigesetzt.

Gedenktafel am Rand des Degenhardter Wäldchens

Auch wer wie der Slowene Anton Jež das Glück hatte, die unmenschlichen Haft- und Arbeitsbedingungen zu überleben, war für das Leben gezeichnet: „Mehr als dreißig Jahre brauchte ich, um die bösen Bilder aus meinem Gehirn weit weg verdrängen und ein normales, unbelastetes Leben führen zu können.“ Als Schüler hatte er sich 1941 der nationalen slowenischen Befreiungsbewegung (Osvobodilna Fronta) angeschlossen, die zunächst gegen die italienische und später die deutsche Besatzung Sloweniens kämpfte. 1944 gefangen genommen, wurde er zunächst nach Dachau, später nach Überlingen deportiert.

Zusammen mit anderen slowenischen ehemaligen Häftlingen hat er später viele Informationen über die Lebens- und Arbeitsverhältnisse im KZ Überlingen beisteuern können. Im Mai 1995 nahm Anton Jež das erste Mal an der Gedenkfeier teil, die die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA e.V.) zusammen mit dem DGB jedes Jahr am Wochenende nach dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus am KZ-Friedhof Birnau ausrichtet. Danach kam er regelmäßig nach Überlingen. Und wenn sein hohes Alter ihm auch heute die lange Reise von Ljubljana nicht mehr gestattet, so vergeht doch keine der jährlichen Gedenkveranstaltungen, ohne dass er nicht wenigstens eine Grußbotschaft sendet.

Gedenken und Erinnern in und um Überlingen

Gedenkstätte in der Nähe des früheren KZ-Geländes

An einem der schönsten Plätze über dem Überlinger See – nur 500 Meter von der Wallfahrtskirche Birnau entfernt – ließ die französische Militärregierung den KZ-Friedhof anlegen. Dort, wo früher unterhalb eines großen Kreuzes für die 97 namenlosen Opfer 46 kleine Kreuze mit jeweils zwei, manchmal drei Nummern standen, liegen seit dem Sommer 2016 97 Steinplatten, auf denen Namen und Lebensdaten der Toten zu lesen sind. Dass sie, die hier eine menschenwürdige letzte Ruhestätte fanden, nun auch namentlich bekannt sind, ist das Ergebnis von jahrzehntelangem bürgerschaftlichen Engagement.

Seit 1981 werden Führungen durch die Stollenanlage angeboten. Im Jahr 1996 gründete sich der Verein „Dokumentationsstätte Goldbacher Stollen und KZ Aufkirch in Überlingen e.V.“, der im selben Jahr im Stollen selbst eine schlichte Dokumentationsstätte einrichtete und Oswald Burgers Buch „Der Stollen“ herausbrachte, das mittlerweile in der 12. aktualisierten Auflage vorliegt. Bereits vorher hatte die Stadt Überlingen 1985 am alten Stolleneingang eine Gedenktafel mit Kreuz angebracht; 1995 wurde der Ort um eine Gedenktafel des Comitato Resistenza Colle del Lys ergänzt, mit dem die VVN-BdA seit vielen Jahren in freundschaftlichem Kontakt steht. Und im Rahmen des 6. Internationalen Bodensee-Ostermarsches wurde auf Initiative der Überlinger Ärztin Dr. Lili Walther und der Überlinger Friedensinitiative am Härlenweg in der Nähe des früheren KZ-Geländes am Karsamstag 1993 eine weitere Gedenkstätte eingeweiht. Seit dem Jahr 2012 erinnert darüber hinaus ein Gedenkstein am Rande des Degenhardter Wäldchens an die an dieser Stelle verscharrten toten Häftlinge.

Wie im Rahmen der Landesgartenschau Überlingen – der Uferpark befindet sich auf dem Gelände, das durch den Stollen-Aushub entstand – der Opfer des „Unternehmen Magnesit” gedacht wird, berichten wir demnächst.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:

Der Überlinger Stollen im Internet – „Unternehmen Magnesit“
Oswald Burger: Dokumentationsstätte  Goldbacher  Stollen  und Konzentrationslager Aufkirch
Oswald Burger: Der Stollen, 12. Auflage 2017
Anton Jež: Der Stollen war unser Unglück und unser Glück. Erinnerungen an das KZ-Außenkommando Überlingen/Aufkirch. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hg.): KZ-Außenlager – Geschichte und Erinnerung (= Dachauer Hefte, Heft 15), Dachau 1999
Wie Dachau an den See kam … Dokumentation über den Überlinger KZ-Stollen und das Gedenken, Videofilm von Stephan Kern und Jürgen Weber, Konstanz, 1995 (45 Min.)
Unter Deutschlands Erde, Ein Video der Medienwerkstatt Freiburg. Freiburg 1983 (60 Min.)

 

In unserer Artikel-Reihe “Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:

Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und “Euthanasie” (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)
Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige Heilanstalt Weißenau (10)
Das KZ Radolfzell (11)
Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch (12)