Ausflüge gegen das Vergessen (10): Zum Mahnmal der Grauen Busse in die ehemalige „Heilanstalt Weißenau”

Mindestens 691 PatientInnen der Ravensburger „Heilanstalt Weißenau” wurden ab Mai 1940 mit Bussen in Tötungsanstalten deportiert und dort vergast, zumeist in Grafeneck. Die „Grauen Busse” sind zum Gedenk-Symbol der NS-„Euthanasie”-Aktion geworden. Seit dem Jahr 2007 versperrt am Zentrum für Psychiatrie (ZfP) ein in Beton gegossenes Abbild dieser Busse die historische Pforte der ehemaligen Heilanstalt – eingemeißelt darin die überlieferte Frage eines der Opfer vor dem Abtransport: „Wohin bringt Ihr uns?”

In grauen Bussen in die Tötungsanstalt Grafeneck

In der „Landespflegeanstalt Grafeneck“ bei Gomadingen im Landkreis Reutlingen wurden im Jahr 1940 10.654 Menschen ermordet, davon 558 Frauen und Männer aus der Ravensburger „Heilanstalt Weißenau”. Von den Tätern waren sie als „lebensunwertes Leben“ charakterisiert, ihre Ermordung im Rahmen des umfassenden NS-Programms zur „Reinigung des Volkskörpers“ als „Gnadentod“ (Euthanasie) bezeichnet worden. In Grafeneck begann der heute meist nach der Zentralstelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 als „Aktion T4“ bezeichnete Massenmord, dem dort und in weiteren fünf Vernichtungszentren circa 70.000 PsychiatriepatientInnen und AnstaltsbewohnerInnen – ob krank oder nicht – zum Opfer fielen.

Ein Mahnmal für die Weißenauer Opfer

Historische Aufnahme eines GEKRAT-Busses an der zum Mahnmal gehörenden Infotafel

Als „Verlegungen“ in andere Anstalten getarnt, beförderten ab Mai 1940 grau gestrichene und mit verblendeten Fenstern versehene Busse der NS-Scheinorganisation „Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft“ (GEKRAT) Patientinnen und Patienten aus der Weißenau mit insgesamt elf Transporten in den Tod. 558 von ihnen wurden in der „Landespflegeanstalt Grafeneck“ ermordet. Die dort zur Gaskammer umgebaute Remise konnte bis zu 75 Menschen aufnehmen. Das entsprach exakt der Transportkapazität der drei grauen Busse, mit denen die Opfer dorthin befördert wurden. Nach der Schließung dieser Tötungsanstalt Ende 1940 gingen weitere Transporte aus der Weißenau ins hessische Hadamar.

Obwohl die Aktion der „Verlegungen“ zunächst unter Vorgabe strengster Geheimhaltung und von Tarnorganisationen durchgeführt wurde, wussten schon bald alle in der Psychiatrie Tätigen und auch viele Bürger, was vor sich ging. Zuletzt erahnten auch Patientinnen und Patienten, was ihnen bevorstand.

Um die Erinnerung an Opfer und Täter der sogenannten NS-Euthanasie-Aktion wachzuhalten, schrieben die Stadt Ravensburg und das Zentrum für Psychiatrie im Jahr 2005 den Wettbewerb „Mahnmal Weißenau“ aus. Eine Jury aus Delegierten der Stadt, des ZfP und Kunstexperten entschied sich Anfang 2006 für den Wettbewerbsbeitrag von Horst Hoheisel und Andreas Knitz – einen Denkmalsentwurf in Form einer in Beton gegossenen originalgetreuen Nachbildung der GEKRAT-Omnibusse.

Der graue Bus blockiert dauerhaft die alte Pforte des ZfP Weissenau

„Wir hatten“, so Horst Hoheisel und Andreas Knitz im Buch „Das Denkmal der Grauen Busse“, „als wir die Bilder der grauen Busse sahen, uns sehr schnell entschieden, mit diesem Werkzeug der Täter an die Ermordung der Patienten aus Weißenau zu erinnern. […] Für uns waren sie das stärkste Zeichen. Sie fuhren durch die Dörfer und Städte und keiner hielt sie auf, obwohl die Todesbusse in der Bevölkerung bekannt waren. Wir haben bewusst dieses Werkzeug der Täter als Erinnerungszeichen gewählt, weil wir denken, dass im Land der Täter auch an die Tat und die Täter des fabrikmäßig durchgeführten Massenmordes erinnert werden muss.“

Seit dem 27. Januar 2007 steht das Mahnmal nun genau dort, wo die PatientInnen in den GEKRAT-Bussen die Heilanstalt verließen und blockiert die alte Pforte zum ZfP dauerhaft. Der fast neun Meter lange Bus ist in der Mitte aufgeschnitten, sodass PassantInnen, PatientInnen und Klinikpersonal durch ihn das Klinikgelände betreten oder verlassen können.

Zum Mahnmal an der Weißenau in Ravensburg gehört aber noch ein zweiter, baugleicher Bus, der als mobiles Denkmal fungiert.

Erinnerungskultur in Bewegung – an Orten der Tat, der Opfer und der Täter

Erinnerungskultur in Bewegung – aktuell im ZfP Emmendingen

Dieser zweite, versetzbare graue Bus transportierte die Erinnerung an die „Euthanasie“-Morde bereits an viele verschiedene Orte. Aufgestellt wurde er an Orten der Tat wie Grafeneck, Hadamar und Brandenburg an der Havel; außerdem an Orten der Opfer – er stand beispielsweise vom 16. Oktober 2014 bis zum 20. Mai 2015 im Zentrum für Psychiatrie Reichenau – und an Orten der Täter wie an der Berliner Tiergartenstraße und dem Stuttgarter Schlossplatz, in dessen Nähe sich das württember­gische Innenministerium befand, das am 14. Oktober 1939 das Samariterstift Grafeneck für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmte, um es als Mordstätte für psychisch kranke Menschen einzurichten.

Aktuell und noch bis März 2020 steht das mobile Denkmal im Eingangsbereich des Zentrums für Psychiatrie Emmendingen.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:

ZfP Südwürttemberg zum Weißenauer Mahnmal
Das Denkmal der grauen Busse
Stadt Ravensburg (Hrsg.): Das Denkmal der Grauen Busse, 2012, Teil 1 als PDF
Stadt Ravensburg (Hrsg.): Das Denkmal der Grauen Busse, 2012, Teil 2 als PDF
Thomas Stöckle: Grafeneck 1940. Die Euthanasie-Verbrechen in Südwestdeutschland, Tübingen 3. Aufl. 2012

In unserer Artikel-Reihe „Ausflüge gegen das Vergessen” erschien bisher:
Widerständiges Bregenz (1)
Die Tötungsanstalt Schloss Grafeneck (2)
Auf den Spuren Paul Grüningers in Diepoldsau (3)
Das KZ Spaichingen (4)
Zum Naturfreundehaus Markelfingen im Gedenken an Heinrich Weber (5)
Orte jüdischen Lebens in Gailingen (6)
Das Ulmer Erinnerungszeichen zu Zwangssterilisation und „Euthanasie“ (7)
Die KZ-Gedenkstätte im Eckerwald (8)
Endstation Feldkirch (9)