Ausflüge gegen das Vergessen (1): Widerständiges Bregenz

Im Bodenseeraum existiert eine Vielzahl von Gedenkstätten und Erinnerungsorten, die die Geschichte der Verbrechen der Nationalsozialisten dokumentieren und deren Opfern gewidmet sind. Da man aber „nur sieht, was man weiß“ (Goethe), stellen wir in lockerer Folge einige dieser Orte vor – und beginnen in Bregenz am Widerstands- und Deserteursdenkmal.

Nur einen Steinwurf entfernt vom Bregenzer Kornmarktplatz – nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 als „Adolf-Hitler-Platz“ zentraler Aufmarschplatz für NS-Propagandaveranstaltungen – wird seit dem Jahr 2015 auch Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren gedacht. Noch Jahrzehnte nach Kriegsende vielfach als „Vaterlandsverrräter“ und „Feiglinge“ gebrandmarkt, hatte das österreichische Parlament Deserteure der Wehrmacht und Opfer der NS-Justiz erst im Oktober 2009 (gegen die Stimmen der rechten FPÖ) rehabilitiert.

Bald darauf wurde die Forderung nach einem Denkmal für die Vorarlberger Wehrmachtsdeserteure und Wehrdienstverweigerer laut. Forciert wurde dieses Vorhaben vor allem von den Bregenzer Grünen und der Johann-August-Malin-Gesellschaft, die vor Ort besonders aktiv an der Aufarbeitung der NS-Geschichte arbeitet.

Eine vom Bregenzer Bürgermeister eingesetzte Arbeitsgruppe legte allerdings fest, das Denkmal solle auch weiterer Opfer gedenken, solle an all „jene Vorarlbergerinnen/Vorarlberger erinnern, die dem nationalsozialistischen Unrechtsregime den Gehorsam verweigert oder aufgekündigt haben: im Besonderen an Wehrdienstverweigerer und Deserteure, an Widerstandskämpferinnen/ Widerstandskämpfer und an Bürgerinnen/Bürger, die gegenüber Verfolgten und Misshandelten trotz Verbots Menschlichkeit geübt haben“. Trotzdem ein gewaltiger Schritt für eine Stadt, in der es Jahre vorher noch nicht möglich war, die von Hannes Heer konzipierte Wehrmachtsausstellung zu zeigen.

Das Bregenzer Widerstands- und Deserteursdenkmal

Die junge Künstlerin Nataša Sienčnik konzipierte am Bregenzer Sparkassenplatz ein Denkmal, das die Tageszeitung Standard ein „Schaufenster der Zivilcourage“ nannte: Früheren Abfahrtstafeln an Bahnhöfen und Flughäfen gleich sind auf der elektronisch gesteuerten Faltblattanzeige in einer Endlosschleife die Namen und Daten (Delikt und Konsequenz) von 100 VorarlbergerInnen zu lesen, die stellvertretend für all jene stehen, die sich dem nationalsozialistischen Unrechtsregime entgegengestellt hatten. Hier finden sich Namen wie der von Arthur Sohm, der als Mitglied der Dornbirner „Aktionistischen Kampforganisation“ 1944 im KZ Mauthausen starb, von Johann August Malin, der wegen „Wehrkraftzersetzung, der Vorbereitung zum Hochverrat sowie der Verbreitung von Lügennachrichten ausländischer Sender“ 1942 in München-Stadelheim exekutiert wurde oder dem von Pro-Vikar Carl Lampert, den die Nazis 1944 in Halle hingerichtet hatten.

Die Rede zur Einweihung des Denkmals am 14. November 2015 hielt die ungarische Philosophin Ágnes Heller, Überlebende des Holocaust und emeritierte Inhaberin des Hannah-Arendt-Lehrstuhls für Philosophie an der New School for Social Research in New York. Sie begann mit den Worten: „In Brechts Drama Galilei klagt der erschütterte Galilei mit den folgenden Worten über seine Zeit: ,Unglücklich sind die Zeiten, die keine Helden haben!’ Worauf sein junger Freund antwortet: ,Unglücklich sind die Zeiten, die Helden brauchen!’ Dieses Mahnmal, dieses Denkmal spricht über Menschen, die in einer solchen Zeit lebten, die Helden brauchte, doch sehr wenig Helden hatte.“

Ihre Rede beendete Ágnes Heller mit einer Mahnung an uns alle: „Wir leben in glücklicheren Zeiten, in Zeiten, in denen man für Ehrlichkeit nicht mit dem Leben bezahlen muss. Doch die Bereitschaft dazu kann man auch heute lernen. Ein Mahnmal mahnt uns: Vielleicht, wer weiß, werden wir es noch brauchen.“

Gedenkweg – Widerstand und Verfolgung in Bregenz 1938-1945

Seit 2002 besteht in Bregenz bereits ein Gedenkweg, der anlässlich des Bodenseekirchentags eingerichtet wurde. Der Weg umfasst neun Stationen und führt unter anderem in die Römerstraße 7, wo sich zwischen 1938 und 1945 das „Grenzpolizeikommissariat Bregenz“, das Gestapo-Hauptquartier für Vorarlberg, befand. Viele der hier „verhörten“ Menschen wurden danach von der Gestapo im Gefangenenhaus in der Bregenzer Oberstadt, einer weiteren Station des Gedenkwegs, inhaftiert, bevor sie in Konzentrations- oder sogenannte Arbeitserziehungslager weitertransportiert wurden. Von 1938 bis 1945 wurden dort circa 6000 Personen festgehalten. Nachweislich 115 Personen aus Vorarlberg wurden in ein Konzentrationslager deportiert. Mindestens 36 fanden dort den Tod. Von mindestens 80 Personen ist nachgewiesen, dass sie aus politischen Gründen entweder von Gerichten zum Tode verurteilt und hingerichtet, in Konzentrationslagern zu Tode gebracht, im Widerstand oder auf der Flucht getötet wurden oder sich der KZ-Einweisung durch Suizid entzogen haben.
Einigen dieser Frauen und Männer sind weitere Stationen des Gedenkweges gewidmet:

– Hugo Lunardon hatte in den dreißiger Jahren als Gendarmerie-Kommandant in Dornbirn gegen die damals in Österreich illegale NSDAP ermittelt, Sprengstoffanschläge aufgedeckt und SS-Mitglieder verhaften lassen. Nach der Machtübernahme durch die Nazis wurde er bereits am 12. März 1938 verhaftet. Er starb im März 1940, nach Misshandlungen vollkommen entkräftet, im KZ Mauthausen.

– Die 60-jährige Bregenzer Geschäftsfrau Karoline Redler wurde wegen „Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“ angeklagt und zum Tode verurteilt. Sie starb am 8. November 1944 in Wien unter dem Fallbeil. Ihr Vergehen: Ein Gespräch im Wartezimmer eines Hohenemser Heilpraktikers, bei dem Redler Deutschland für den Krieg und die Bombardements der Alliierten verantwortlich gemacht haben soll.

– Der Gitarrenbauer Ernst Volkmann verweigerte aus christlich-religiöser Überzeugung den Fahneneid auf Adolf Hitler. Er wurde deswegen zum Tode verurteilt und am 9. August 1941 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet. An der Pfarrkirche St. Gallus, in direkter Nachbarschaft zum monumentalen Gefallenendenkmal, wurde für ihn eine Gedenkstele errichtet. Sie mutet, wie vom Künstler Georg Vith auch beabsichtigt, wie eine der Bregenzer Bushaltestellen an: An der „Halte-Stele“ wird Volkmanns Lebensweg nachgezeichnet – und statt eines Plans für Abfahrtszeiten findet sich auf der Stele das Faksimile seiner Sterbeurkunde.

Weitere Stationen des Bregenzer Gedenkweges sind dem Gewerkschafter Samuel Spindler gewidmet, der sich umbrachte, um der Verfolgung durch die Nazis zu entgehen, der Krankenschwester Maria Stromberger, die sich freiwillig zum Dienst in Auschwitz meldete, um dort den Häftlingen beistehen zu können, und Anton Renz, der kurz vor Ende des Krieges versuchte, die Sprengung der Lauteracher Achbrücke durch abziehende deutsche Truppen zu verhindern. Er wurde deswegen von der SS erschossen.

Sabine Bade (Text und Fotos)


Vertiefende Informationen:
Kurzbiografien der 100 namentlich genannten Personen am Widerstands- und Deserteursdenkmal
Gedenkweg – Widerstand und Verfolgung in Bregenz 1938 – 1945 (mit Plan)
Johann-August-Malin-Gesellschaft – Historischer Verein für Vorarlberg