Alles Gute zum 75., Jochen Kelter!

Er gehört zu jener LiteratInnen-Generation, die von der jungen Universität Konstanz vor mehr als 50 Jahren an den Bodensee gelockt wurde, von hier aus ihre literarischen Gehversuche unternahm und bis heute geblieben ist. Er zählt zur Generation der von 1968 zumindest Inspirierten, die in der Literatur nicht nur Subjektivität, sondern die Verbindung von Empfindung und gesellschaftlichem Verständnis forder(te)n – und in Konstanz anfangs eine lockere Gruppe bildeten. Jochen Kelter ist 75.

Eine heroisch-romantische Aura umweht sie mittlerweile, jene Kämpen, die bis heute die Fahne der 68er und ihrer mehr oder weniger engagierten Literatur hochhalten und immer wieder einmal von der gesellschaftsprägenden Kraft der Literatur – und natürlich ganz speziell ihrer eigenen Werke – zumindest träumen.

Kelter kann dabei auf einen der großen biographischen Brüche verweisen, die sein frühes politisches Engagement verbürgen[1]: Der noch heute in Sachen Fußball, Bier und (igitt!) Düsseldorf in der Wolle gefärbte Kölner, in jeder anderen Hinsicht aber überzeugte Schweizer kam 1968 als einer der ersten Studenten nach Konstanz. Er arbeitete im linken AStA und in einigen informellen Grüppchen mit und begann eine Hochschulkarriere – die 1974 jäh durch ein Berufsverbot beendet wurde.

Ein Thema: Gerechtigkeit

Es gibt Menschen, die daran zerbrochen sind und beruflich und wirtschaftlich nie recht Fuß gefasst haben, es gibt Menschen, die „ihr“ Berufsverbot wie einen Orden tragen – Kelter gehört zu keiner dieser Spezies. Er fordert heute Aufklärung über die damaligen Vorgänge und Entscheidungsgründe – kurzum, er will politische, persönliche und poetische Gerechtigkeit[5].

Für Kelter stand damals schnell fest: Nie wieder wollte er „heim ins Reich“, er war in die Schweiz gezogen und blieb dort. Seinen Lebensunterhalt verdiente er, wovon Studierte eben leben: als freier Mitarbeiter für den Rundfunk etwa oder als Lehrer z.B. an der Kantonsschule in Kreuzlingen.

Gleichzeitig arbeitete er an der Zeitschrift Univers[6] in Konstanz mit, zu deren engerem Kreis auch Hans Georg Bulla, Peter Salomon, der Ende August verstorbene Hermann Kinder, Karin Reschke und Imre Török zählten – sowie Siegmund Kopitzki, bis heute für die Kulturredaktion des Südkuriers tätig, mehr dazu weiter unten. Das Schreiben ist Kelters Leben bis heute.

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Schon bald wuchs Kelter auch die Rolle des Schriftstellerfunktionärs zu, er war Geschäftsführer der Gruppe Olten[7] mit u.a. Peter Bichsel, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Ludwig Hohl und Adolf Muschg. Er wurde Präsident weiterer Verbände von Kulturschaffenden wie Suisseculture, Pro Litteris und des europäischen Schriftsteller-Dachverbandes und lebte viele Jahre davon, mit staatlichen Stellen und Verlegerverbänden hart und erfolgreich um Subventionen, Urheberrechte und Tantiemen zu feilschen. In seinem Heimatkanton Thurgau gehört er zu den Initianten jener Kulturstiftung, die das Bodmanhaus in Gottlieben als Literaturhaus Thurgau trägt.

Die Zeiten werden härter

Natürlich ist Kelter vor allem anderen Schriftsteller, und zwar einer von der eingangs beschriebenen, gelegentlich knorrigen Sorte. Auch in seinem gerade erschienenen Gedichtband „Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek“ macht er bereits im ersten Gedicht unmissverständlich deutlich, dass er sich zur (aussterbenden) linken Minderheit zählt:

[…] die Generation
ist abgehakt die wenigen
die bis zuletzt gestänkert haben
gegen soziale Willkür Bonzen
Wüstenei Geldschneiderei
das graue immer dümmere Allerlei
ihr seid abgeräumt euer
Jahrhundert sagt good-bye
nichts wird sein mehr wie zuvor[2]

Kelters Lyrik hat keinerlei hermetischen Züge, seine Sprache ist auf Kommunikation angelegt, er will sich direkt mitteilen, ohne wie Heine (vielleicht eines seiner Vorbilder?) eine sichere Balance zwischen poetischer Brillanz und politischer Aussage zu finden – dazu ist Kelter zu wenig in der Ironie daheim und nimmt zu wenig Abstand zu sich und seiner Umwelt; er geht die Dinge gern direkt an, dabei auch mal eher Agitprop als Westwärts 1&2. Lustig und gelassen ist er bewusst nicht, er meint sehr ernst, was er schreibt. Wenn er politisch wird, dann weniger wegen der Abgründe des Lebens, sondern weil er den Feind klar ausmachen kann und umgehend mit scharfen Waffen ins Visier nehmen will.

Die andere Seite, und damit zählt Kelter zur noch nicht klar definierten Bodenseeliteratur, ist die Naturstimmungslyrik – Licht, Wasser, Farben, wie sie ein Bewohner etwa der norddeutschen Taiga so kaum jemals schreiben dürfte.

Weit hinter den kurzen dunklen
Wellen vor meinen Füssen am Ufer
stehen im rosablauen Dunst die Vesuve
die Blesshühner schwarz fliegen auf
als der Motorkahn das dünne Eis bricht[8]

oder

[…] am Landungssteg döst einer
auf der Bank an der blauen Sonne
Mutter und Kind aus dem Kinderwagen
recken die Hälse wie Schlafwandler
unter kahlen Platanen die Luft schmeckt
ohne linden Hauch leer und aseptisch
die Gasthäuser sind geschlossen[9]

Doch leicht ist es für die meisten Schriftsteller nicht, die Auflagen sinken, die Honorare befinden sich im freien Fall, jede Form leidlich ernsthafter Literatur hat es von Jahr zu Jahr schwerer. Auch Kelter ist von dieser Entwicklung betroffen, denn insbesondere Lyrik, in den letzten Jahren sein Schwerpunkt, gerät als schwer marktgängig zunehmend ins Abseits, und die Feuilletons werden immer dünner und desinteressierter.

Sie kennen und sie schlagen sich

Eine besondere Beziehung pflegt Kelter seit Jahrzehnten zum hiesigen Südkurier, an dem sich ja auch manch andere Menschen aus der schreibenden Szene (zumindest innerlich) abgearbeitet haben. Zwischen Dezember 1982 und März 1986 erschienen im „Nebelhorn“ seine bis heute legendären Glossen unter dem Pseudonym Sunny, in denen er sich in brillanter Prosa als äußerst kritischer Biograph des „südwestlichsten Demokratie-Anzeigers“ betätigte[3]. (Diese Glossen sind hier online zu finden.) Zugegeben, der Südkurier machte es ihm denkbar leicht, denn vieles dort dampfte noch in den achtziger Jahren den Geist der Adenauer-Zeit. Mochten die Fronten des Kalten Krieges auch langsam aufweichen, unser Heimatblatt blieb hart, und was vor allem der unter uns Älteren unvergessene Thilo Koch dort ablieferte, war in seiner reaktionären Dumpfheit schon damals eine Karikatur seiner selbst.

Später fanden beide Seiten dann wieder zusammen, und Kelter schrieb bis 2018 etwa zehn Jahre lang eine Kolumne für die Wirtschaftsredaktion des Südkuriers.

Doch damit ist die Geschichte zwischen Jochen Kelter und dem Südkurier noch lange nicht vorbei, sie hat eine neue, unerwartete Wendung genommen. Vor knapp zwei Wochen starb Hermann Kinder, Kelters Mitstreiter und Freund seit alten Universitäts- und Univers-Tagen. Kinder war in der damaligen losen Literatengruppe der erfolgreichste Schriftsteller. Mit Büchern wie Der Schleiftrog, Du mußt nur die Laufrichtung ändern oder Vom Schweinemut der Zeit konnte er in Verlagen wie Diogenes und Haffmanns vergleichsweise hohe Auflagen erreichen – er schaffte es ins bundesdeutsche Feuilleton, und die Kritik kannte seinen Namen. Er war ein bescheidener, herzensguter, seinen Studenten gegenüber ungewöhnlich aufgeschlossener Literaturdozent und ein sensibler, gelegentlich vielleicht zu zurückgenommener Literat. Einfach ein ganz feiner Mensch.

Siegmund Kopitzki, der ebenfalls zum Univers-Kreis gehört hatte, ließ am vergangenen Wochenende im Südkurier Menschen aus Hermann Kinders Umfeld an den Verstorbenen erinnern – einen lud Kopitzki allerdings nicht ein: Jochen Kelter, der, nachdem die Wirtschaftsredaktion 2018 die Zusammenarbeit mit ihm beendet hatte, einige deutliche Worte über jenen Vorgang publiziert hatte und seither beim Südkurier nicht mehr stattfand. Kelter machte seinem schweren Herzen am Sonntagnachmittag in einer E-Mail an Kopitzki Luft:

„Lieber Siegmund,
eine neutralere Anrede steht uns im Deutschen leider nicht zur Verfügung.
Der neue Leiter der Wirtschaftsredaktion beendete im Sommer 2018 aus politischen Gründen meine Kommentatorentätigkeit. Dabei hatte sein Vorgänger mich nicht etwa aus Zuneigung zu meinen wirtschaftspolitischen Ansichten angeheuert, sondern weil er auch Leser/innen binden wollte, die weder eine einseitig neoliberale Berichterstattung noch das überschaubare journalistische Niveau des Südkurier sonderlich schätzen.
Es folgte ein generelles Schreibverbot für mich sowie das Verbot, meinen Namen in der Zeitung zu erwähnen. Weil ich mich abfällig über den Südkurier geäussert haben soll. Ich vermute allerdings eher, dass der Grund in einem Bericht von KontextWochenzeitung[4] über die Wirtschaftsredaktion und ihr Gebaren sowie in meinem Essay Dankrede für einen Preis, den ich nie bekommen habe lag, in dem ich u.a. den Kungeleien, in die auch Du als Redakteur verbandelt warst und bist, im Kulturbetrieb der Provinz nachgegangen bin.
Vor kurzem ist nun unser gemeinsamer Freund, der Autor Hermann Kinder gestorben. Du hast einige Tage nach seinem Tod auf der Kulturseite des Südkurier einen, wie ich finde, grottenschlechten Nachruf veröffentlicht (die angeblich bessere Online-Version kenne ich nicht). Und in der Samstagausgabe vom 4. September 2021 hast Du Stimmen von Freunden und Weggefährten versammelt. Die meine fehlt.
Dass Du mich sogar noch im Fall der Trauer um einen gemeinsamen Freund ausschliesst, ist nun wirklich der Tiefpunkt eines zivilisierten Umgangs miteinander. So etwas ist eigentlich nur in Steinzeit-Diktaturen gang und gäbe. Da scheint Ihr mittlerweile irgendwo angekommen.
Ich grüsse Dich,
Jochen“

Hier wird von beiden Seiten mit einem Todesfall im Freundeskreis beherzt Lokal- und Erinnerungspolitik gemacht, hier werden einmal mehr die Messer der persönlichen Eitelkeiten und Verletztheiten öffentlich gewetzt. Auf Außenstehende wirkt das … nun ja. Dies ist eben auch die Tragikomödie vieler künstlerisch tätiger Linker, die einerseits in ihrer Eigenschaft als Linke dem Medienbetrieb ihre Verachtung entgegenschleudern, sich andererseits aber in ihrer Eigenschaft als LiteratInnen, KünstlerInnen oder KomponistInnen doch nur zu gern der öffentlichen Aufmerksamkeit erfreuen möchten, die dieser Betrieb zu bieten hat.

In diesem Sinne wünsche ich Dir, Jochen Kelter, zum 75., dass Du es schaffst, Deinen Feinden ein noch besserer Feind zu werden. Denn eins ist gewiss: Auch sie sind Dir in Treue fest verbunden.

Text: Harald Borges (Bild: Isolde Ohlbaum)

Anmerkungen und Quellen

[1] Ein ausführliches autobiographisches Gespräch in vier Teilen erschien vor einem Jahr bei seemoz als „Der Schriftsteller, das Chamäleon und das Berufsverbot“.
[2] Jochen Kelter, Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek, Warth 2021.
[3] Jochen Kelter, Finstere Wolken, Vaterland. Die deutsche Provinzpresse greift ein. 35 Glossen, Weingarten 1986 sowie online hier.
[4] https://www.kontextwochenzeitung.de/medien/379/gehen-sie-in-eine-weinstube-5190.html (Zugriff am 07.09.2021)
[5] http://www.berufsverbote.de/tl_files/docs/Kelter_an_Kretschmann.pdf (Zugriff am 07.09.2021)
[6] Peter Salomon: UNIVERS. Zur Geschichte einer Konstanzer Literaturzeitschrift 1974-1981, Eggingen 2007.
[7] Peter A. Schmid, Theres Roth-Hunkeler (Hrsg.): Abschied von der Spaltung. Die letzten Jahre der Schweizer Autorinnen und Autoren Gruppe Olten und des Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftsteller-Verbandes, Zürich 2003.
[8] Jochen Kelter, Die Möwen von Sultanahmet. Gedichte, Frankfurt 2015.
[9] Jochen Kelter, Wie eine Feder übern Himmel. Gedichte, Frankfurt 2017.