Turne bis zur Urne!

Als ich eines Morgens erwachte, fand ich mich – nein, nicht wie Gregor Samsa in ein Ungeziefer verwandelt, es kam schlimmer. Ich konnte mich keine zwei Zentimeter mehr rühren, ohne in Schmerzensgeheul auszubrechen. Ein Arzt konstatierte: „Wir haben Rücken“ und jagte mir ein Weizenglas voll Diclo ins Kreuz. Das wäre ein unbedeutendes Schicksal unter Tausenden, wenn es sich nicht ausgerechnet um meinen Rücken gehandelt hätte. Die beste Krankheit ist ja nichts wert, wenn sie nicht ein andrer hat.

Die OP ist gut verlaufen, die Fäden sind gezogen, das Höllenschmerzfeuer in meinem Rücken ist erloschen. Der Wirbelkanal im Inneren meiner Wirbelsäule wurde mit einer Diamantfräse erweitert, weil sich dort ein Stück Bandscheibe in die Nerven gebohrt hatte. Eine solche Begegnung von Nerv und Bandscheibe ist derart schmerzhaft, dass man sich freiwillig nicht nur unters Messer, sondern auch in eine Kreissäge, neben ein Wahlplakat der FDP oder vor den nächsten Zug legt, in der vergeblichen Hoffnung, dass der pünktlich sein möge. Wenn’s nur schnell wieder aufhört!

Die Nachbarn baten mich, da ich mich nur schmerzschreiend aufs Klo schleppen konnte, ihnen rechtzeitig vor meinen Pinkelpausen per WhatsApp Bescheid zu geben: Sie wollten ihren Kindern dann unverzüglich die Ohren zuhalten, damit die nicht durch mein Gewinsel frühkindliche Traumata entwickeln und am Ende noch heimtückische Mordanschläge wider ihre Eltern aushecken.

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Nach der OP

Der Schmerz ist jetzt meistens weg, außer bei einzelnen ungünstigen Bewegungen (das morgendliche Salutieren vor meinem Arbeitgeber gehört dazu), und ich habe die Schmerzmittel abgesetzt. Meine Experimente mit Alkohol zu Novalgin und Ibuprofen musste ich unverzüglich abbrechen: Mir wuchs ein dem Weitertrinken höchst hinderlicher schwarzer Pelz auf der Zunge. Außerdem führte die Mischung zu unkontrolliertem Rumtelefonieren mit irgendwelchen Bekannten bei gleichzeitigem Totalausfall des Gedächtnisses.

Ich habe versucht, nach Beschwerdemails von Betroffenen den Telefonverlauf eines Wochenendes anhand der Anrufliste meines Telefons zu rekonstruieren, um mich bei den Opfern zu entschuldigen, aber die Liste war komplett leer – genau wie mein Gedächtnis. Das alles ist äußerst rätselhaft und bedrohlich. Wohnt in meinem Bett noch ein anderer Mensch, den ich nur noch nicht entdeckt habe? Wie ist er reingekommen? Was isst er? Wie heißt er? Hat etwa er und nicht ich all den Wein getrunken? Wieso spricht er mit meiner Stimme und kann von meinem Telefon aus anrufen? Woher kennt er dieselben Leute wie ich? Warum lallt er? Und vor allem: Darf er das überhaupt?

Als ich schließlich am Sonntagabend loswanken wollte, schnell noch den Freitagseinkauf fürs vergangene Wochenende zu erledigen, kam ich nicht mal mehr bis ins Treppenhaus. Da wurde mir schlagartig klar, dass es so nicht weitergeht. Andere verzeihen mir vielleicht nicht, ich will da aber ausnahmsweise etwas großzügiger sein. Also: Schwamm drüber. Ich habe Novalgin, Ibuprofan und Dicloprofit abgesetzt und stattdessen mit meinem Weinhändler eine Sonderlieferung vereinbart. Lediglich den Pelz auf der Zunge muss ich noch irgendwie abrasieren, ohne die Geschmacksknospen mit wegzuraspeln.

Die Eiserne

Zweimal wöchentlich gibt es jetzt Krankengymnastik bei der Eisernen, einer erprobten und bewährten Physiotherapeutin. Ihr therapeutisches Credo:
„Unter meinen Eisenfingern
hör‘ ich selbst den Stärksten wimmern.“

Als ich mehrere Wochen nach der OP an einem Dienstagmorgen um 5.45 Uhr (welche Uhrzeit!) schmerzgekrümmt zu meiner ersten Mobilisierungsrunde bei ihr einhumpelte, rief sie begeistert: „Sie gehen ja schon wieder richtig gut! Andere stehen so schnell nach der OP noch nicht wieder auf den Beinen und müssen weiter in die Bettflasche pissen. Aber keine Angst: In sechs Wochen haben Sie um diese Zeit schon ihre erste Stunde Gymnastik hinter sich und waren eine halbe Stunde an den Geräten, dann sind Sie ganz süchtig nach Sport!“

Selten fühlte ich mich derart erniedrigt! Als ich darauf spitzte, wie ich ihr am besten aufs Maul haue, sah ich ihren ausgeprägten Kiefermuskeln an, dass die schon so manchen drohend erhobenen Unterarm mit einem einzigen Biss vom Patientenkörper abgetrennt haben, und ließ die Idee mit der Haue spontan fallen.

Angst

Seitdem wache ich manchmal nachts aus einem verqueren Alptraum auf. Ich träume davon, dass sich die Eiserne in süßen Fantasien von gymnastischen Exerzitien gerade wohlig auf ihrem Nagelbrett wälzt und ihrerseits davon träumt, mit mir Rückenschwimmen in einem Haifischbecken voll flüssiger Lava zu üben. Zum Glück kommt dann in meiner Vorstellung ihr – eigens für sie von Gott aus einem einzigen Block Kryptonit geschmiedeter – Göttergatte vorbei und weckt sie mit ihrem Lieblingsmüsli aus Reißzwecken und Knallerbsen sowie einem Liter Molotow-Cocktail als Morgentrunk, den sie samt Flasche und brennendem Lappen zu schlucken pflegt wie Kindergartenkinder ihren hundsgewöhnlichen morgendlichen Becher Domestos mit einem Schuss Wodka.

Heute hat die Eiserne meine Wirbelsäule rund um die OP-Narbe herum bearbeitet, damit dort keine Verhärtung um den blankgelegten Nerv und den der Länge nach aufgeschnittenen Rückenstrecker-Muskel eintritt („irgendwie müssen die ja ans Rückenmark kommen, da gehen sie halt durch den Muskel in die Wirbelsäule und halten solange die Wunde offen“). Sie drückte mit sichtlicher Begeisterung auf einen Wirbel: „Hier ist die Stelle, an der sie bei der OP in Ihre Wirbelsäule reingegangen sind.“ Ich, vor Schreck & Urschmerz atemlos: „Aaarrrggghhh!“

Unverzüglich war ich bereit, sogar den Mordversuch an Lenin im Jahr 1918 zu gestehen, wenn man mir nur schnell den Gnadenschuss gäbe. Ich war’s, ich, ich, ich, nicht Fanny Kaplan! Das mit Lenin bleibt aber bitte unter uns: die meisten meiner Freunde stehen ziemlich weit links der Mitte, da käme dieses Geständnis gar nicht gut an.

Freude

Sie merken schon, ich mag die Eiserne wirklich, ihr Optimismus und ihr unerbittlicher Tatendrang wirken einfach ansteckend: Wenn’s überhaupt jemand auf Erden schafft, aus mir einen rundum pupsgesunden Menschen mit einem ausgeprägten Gymnastik-Tick zu machen, dann sie.

Derzeit darf ich nur ausnahmsweise mal eine halbe Stunde sitzen und liege weiterhin rund 18 Stunden am Tag im Bett, zumeist wie vorgeschrieben auf dem Rücken, gelegentlich auch auf der Seite (wenn das die Eiserne erfährt, gibt es vermutlich ein Sonderstraftraining meiner Bierbauchmuskulatur, wahrscheinlich ganz radikal durch Bierverbot). Mir wurde täglich 3 x 1 Stunde Spaziergang anbefohlen („Sie müssen aber nicht pünktlich umkehren, sondern dürfen gern auch ein oder zwei Stunden länger gehen, wichtig ist nur, dass Sie’s dreimal am Tag tun!“).

Vermutlich wird extra für mich der Tag demnächst auf 36 Stunden verlängert, damit ich länger rumlaufen kann. Dass mir meine Krankenkasse einen neuen Erdteil im Konstanzer Hafen anlegt, damit ich längere Wege machen kann und nicht den ganzen Tag mit bedrückter Miene die Innenstadt kreisförmig umschleichen muss, dürfte allerdings ein Gerücht sein, so spendabel sind diese bürokratiebesessenen Sadisten nicht.

Niemand sah sie je wieder

Erste kleine gymnastische Übungen im Liegen sind mir angeraten, Hohlkreuz, Katzbuckeln, Wegducken und Vergleichbares, also alles, was der Lohnarbeiter in seinem freudlosen Angestelltenalltag dringend zum Überleben braucht, diese Verbiegungen sind aber noch schmerzhaft. In 14 Tagen soll mit der Arbeit an den Geräten begonnen werden. Der Geräteraum (Plakat an der Tür: „Nur in schnellem Trab schaffst Du’s pünktlich in Dein Grab“) ist immer verschlossen, so dass ich noch keinen Blick hineintun konnte. Mir ist nur aufgefallen, dass dort zwar viele Menschen hineingehen, aber außer der Eisernen niemals jemand wieder herauskommt …

Nach Meinung des Neurochirurgen werde ich in wenigen Wochen wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Dann werde ich vermutlich morgens erst mal ein kräftigendes Bad in flüssiger Lava nehmen und mich schon beim Erwachen auf mein Reißzwecken-Müsli und das Zähneputzen mit frischem Stacheldraht freuen.

Dass mir bei der Gymnastik gerade eine Sehne im Knie abgerissen ist, macht nichts, sagt die Eiserne, denn trotz des Rückschlages durch die Knie-OP werden sich meine Gelenke dank des unentwegten Trainings eh bald in atomgetriebene Edelstahlscharniere verwandelt haben, so dass ich die rissige Sehne in wenigen Wochen einfach durch eine Fahrradkette ersetzen kann. Eine hundsgewöhnliche Fahrradkette? „Klar, nur gut geölt muss sie sein!“

D. S. (Text und Bild)