Überraschung!

Ausnahmsweise sage ich mal die Wahrheit: Ich habe keine Ahnung, worüber ich hier eigentlich schreibe. SängerInnen der Münstermusik singen im Autohaus, dort wird mit und auf einem schrottreifen Auto gespielt, gleich vier Schlagzeuger versuchen, die Halle möglichst schnell wieder leerzutrommeln – und das alles läuft auch noch als „HighNoon“-Konzert an einem Sonntagmittag um 12 Uhr, also zur unpsychedelischsten Stunde der Woche (von der bei Chefs ach so beliebten Montags­besprechung mal abgesehen).

Eigentlich können Sie diesen Text überlesen, denn Sie werden dieses eine Mal am Ende eines Artikels nicht mehr wissen als am Anfang – aber das werden Sie letztlich gar nicht merken, weil ich Sie einfach mit ein paar frisch gedrechselten Phrasen ablenken werde.

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Graf – nein, nicht Steffi

Das Konzert, von dem hier die Rede ist, aber selbst das ist nicht ganz sicher, läuft unter dem Titel „Stimmenschlag beim Grafen“. Damit ist ausweislich der niedrigen Eintrittspreise nicht gemeint, dass Graf Dracula dort an der Kasse säße und den Portemonnaies der ZuhörerInnen den finalen Biss verpasst, so dass nur gänzlich ausgesaugte Gestalten kreidebleich in den Konzertraum wanken. Vielmehr ist dieser Titel eine Anspielung darauf, dass der musikalische Mittag in dem außergewöhnlichen Ambiente der Verkaufshalle der Audi-Filiale des Autohauses Gohm + Graf Hardenberg in Konstanz stattfinden wird.

Aber was wird dort geboten?

Dort werden zwei der elementarsten Musikinstrumente überhaupt aufeinandertreffen, nämlich die (menschliche) Stimme und das Schlagzeug. Die VeranstalterInnen umschreiben das so: „Es stehen sich also die Linie und der Punkt gegenüber. Die Linie wird hauptsächlich das Vokalensemble der Münstermusik unter Leitung von Steffen Schreyer übernehmen, wobei der Punkt vorwiegend von dem als Solist auftretenden Konstanzer Schlagzeuger Peer Kaliss, aber auch von seinen drei Kollegen Paul Strässle, Norbert Uhl und Ralf Kleinehanding übernommen wird.“ Sie merken schon, das hört sich erst einmal nach einer ziemlich geometrischen Angelegenheit an, etwa so wie „Punkt-Punkt-Komma-Strich, fertig ist das Mondgesicht“.

Doch dieser erste Eindruck täuscht. Auf dem Programm stehen vielmehr Werke für Chor a cappella, Chor und Schlagzeug, Schlagzeugquartett bzw. für Chor, Schlagzeug und PKW von Christian Gernot Nagel, John Cage und Ralf Kleinehanding.

Der göttliche Funke

Der 1974 geborene Christian Gernot Nagel schreibt über seine musikalischen Erfahrungen: „Als Jugendlicher habe ich Popmusik geliebt, als Musikstudent habe ich sie verachtet. Ich mochte Klassik, Jazz, Neue Musik – je komplizierter, desto besser. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass es nichts mit dem Stil zu tun hat, ob mich Musik anspricht oder nicht. Sie muss mich rausholen können aus meiner Welt, mich verzaubern können und mir gut tun. Und das habe ich mit meiner eigenen Musik immer versucht. […] Ich glaube, dass diese unterschiedlichen Stile keine Gegensätze darstellen, sondern einander wunderbar ergänzen. Ein Stück aus der Zeit der Klassik sollte so klingen, als werde es gerade in diesem Moment erfunden, und jedes Musikstück von heute sollte eine Vision von Morgen in sich tragen. Ein geistliches Werk sollte den Schwung und die Frische der Popularmusik haben, und jedes (so genannte) weltliche Werk einen göttlichen Funken.“ Sein Stück heißt „Sechs Übungen für Chor“, ist 2018 entstanden und wurde gerade erst durch das Vokalensemble des Konstanzer Münsters uraufgeführt, es ist also noch ganz frisch.

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Der weltliche Klang

Von John Cage wird das berühmte Stück „Five“ aus der Serie der „Number Pieces“ aufgeführt, die der Erstaunliche im Januar 1988, also wenige Jahre vor seinem 1992 eingetretenen Tod, zu schaffen geruhte. Aufgrund zahlreicher Freiheiten, die die Ausführenden in diesem Werk genießen, gibt es diesen immer wieder zu denken Anlass.

Von Ralf Kleinehanding wird „Das Gerücht“ für Chor und Schlagwerk uraufgeführt. Hierfür hat der Komponist den Prolog aus dem Zweiten Teils von „Heinrich IV.“ von Shakespeare verwendet. Außerdem wird noch sein Schlagzeugquartett „Pakehuda Boguto“ für vier Große Trommeln, TomToms und Claves von 2009 aufgeführt. Ein weiterer ganz besonderer Beitrag des Mittags wird eine Konzeptkomposition für Chor, Schlagzeug und PKW werden, in der sich Komposition und Improvisation mischen.

So, und jetzt können Sie sich ihre Gedanken machen, wie sich ein solches Konzert wohl anhört. Und dann können sie ein Gerücht darüber in die Welt setzen, denn wie schon Shakespeare wusste, ist das Gerücht ein Instrument, das jede/r beherrscht:
„Gerücht ist eine Pfeife,
Die Argwohn, Eifersucht, Vermutung bläst,
Und von so leichtem Griffe, dass sogar
Das Ungeheuer mit zahllosen Köpfen,
Die immer streit’ge, wandelbare Menge,
Drauf spielen kann.“

Harald Borges (Foto: Peer Kaliss, aufgenommen von Kaspar Schweizer)


Sonntag, 30. Juni 2019, 12.00 Uhr, im Autohaus Gohm + Graf Hardenberg, Konstanz, Max-Stromeyer-Straße 122, Veranstalter: HighNoon – Freunde Neuer Musik e.V.
Eintritt: 10 €/6 € ermäßigt.

Steffen Schreyer – Leitung, Vokalensemble der Münstermusik – Leistung, Peer Kaliss, Paul Strässle, Norbert Uhl, Ralf Kleinehanding – allesamt Schlagzeug.

Veranstalter: www.highnoonmusik.de

„High Noon Musik 2000+“ ist seit 2010 feste Konzertreihe in Konstanz. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, zeitgenössische Kammermusik in einem regelmäßig wiederkehrenden und ansprechenden Rahmen zu präsentieren. Darüber hinaus stellt das Format ein Experimentierfeld für professionelle MusikerInnen des Bodenseeraumes dar.