Trouble in Paradise

Beim Nachdenken über diese Rauminstallation im Kunstverein Konstanz – englische Ausstellungstitel scheinen immer mehr in Mode zu kommen – nützt mir die Begrifflichkeit, wie sie die gängige Kunstkritik verwendet, wenig. Ich lasse mich daher auf einen fruchtlosen Kunst-Nichtkunst-Diskurs gar nicht erst ein, sondern interessiere mich ausschließlich für die mögliche Relevanz des Vorgeführten.

Deshalb zunächst zu dem, was Catherina Szonns Installation zeigt: Von der Wessenberg-Galerie kommend den schmalen Gang entlang hin zum großen Vierecksaal „tritt man wie durch eine Art Torsituation, wo man dann mit den Worten … auf dem LED <EINSEITIGE BELASTUNG VERMEIDEN>, <CHANCE OHNE HOFFNUNG BEGREIFEN>, <DINGE ALS GEWINN> [begrüßt wird] … und mit diesem eher offenen Inhalt startet man in die Ausstellung“ [1].

Dann stehe ich im großen Vierecksaal vor einem zentral positionierten, ausgedienten Teppichpaternoster direkt unter dem Oberlicht. Die analoge Maschine ist funktionstüchtig, 700 Kilogramm schwer, fast fünf Meter lang, über zwei Meter hoch, mit neun Holmen. Diese Holme sind aber nicht mit Auslegware bestückt, sondern mit einer Masse bunter, leichtgewichtiger Plastikobjekte, die sich beim Betrieb des Paternosters, wenn die Holme absteigend in Bodennähe kommen, durch eine ölige Schmiere quetschen müssen („Die müssen da durch … das ist auch Teil des Lebens, und alles ist vergänglich“, so Catherina Szonn), bevor sie erneut aufsteigen können – und so immerfort. Dabei entsteht eine Menge Plastikausschuss, da die Materialien beim Durchquetschen auf Dauer Luft verlieren oder platzen.

Mensch-Maschine

Der dritte Raum zeigt auf einem Bildschirm den von einer Überwachungskamera im Inneren der Maschine gefilmten Bewegungsablauf, eine Sicht, die man als Betrachter nicht haben kann. Außerdem sind hier weitere Objekte positioniert, ein „Plastik-Smiley“, aus dem eine Art Schmutzwasser läuft, oder ein sich drehender „Anti-Stress-Kokon“ – ebenfalls aus Plastik – beide mit Leuchtschriftzeilen bestückt.

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Folge ich den Ausführungen der Fachjury (drei Juroren, ausschließlich Männer!), dann sollte ich angesichts der Ausstellung zu folgenden Erkenntnissen gelangen: Erstens, dass aus dem Miteinander aller verteilten plastischen Elemente sowie der LED-Laufbandtexte „mögliche ironische Brechungen hervor scheinen“; zweitens, dass ich es hier mit einer Installation zu tun habe, die einen überzeugenden Beitrag zur Auseinandersetzung mit den technologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten unserer Gegenwart leistet; drittens, dass sich Catharina Szonn bei ihrer Arbeit aus dem Werkzeugkasten überholter Kulturphänomene bedient und viertens, dass sie in der nicht zu übersehenden Vergänglichkeit solcher Kulturphänomene Spuren zu revitalisierenden Zukunftsfragen gelegt hat. Selbst wenn ich zu diesen Erkenntnissen gelangt bin – was ist damit gewonnen?

Mir sei der Zweifel gestattet, ob wir es uns heute an den Kipppunkten des menschlichen Daseins (Corona-Pandemie, Ressourcenverschwendung, Klimakrise mit extremen Folgen wie Dürre, Waldbrände, Gletscherschmelze, auftauender Permafrost, Überschwemmungen und dergleichen, außerdem Artensterben, Überbevölkerung, von Plastikmüll verseuchte Meere, Flüchtlingskrise und Kriege nicht zu vergessen, um nur einige der drängendsten Probleme zu benennen) noch leisten dürfen, lediglich Spuren zu „revitalisierenden Zukunftsfragen“ zu legen; zu Fragen also, die wir seit Jahrzehnten ebenso kennen wie Hoffnung erweckende Antworten. Doch sich an diesen Antworten orientierende Konzepte für künftiges Handeln werden, sofern überhaupt schon entwickelt, gar nicht oder nur zögerlich in Angriff genommen. Denn dann müssten wir den Turbo-Konsum, der unsere paradiesische Sorglos-Existenz erst ermöglicht, deutlich reduzieren. Das würde Einschränkungen oder gar Verzicht auf vielen Ebenen nach sich ziehen, Disziplinen, in denen uns jede Übung fehlt. Solange wir also dieses unverbindliche Frage-Antwort-Spiel weiterspielen, wird alles bleiben, wie es ist; solange wir die Fragen nur immer wieder mal hervorholen, wird deren Revitalisierung als Voraussetzung für zukunftsorientierte Lösungen weiterhin auf sich warten lassen. Da muss sich auch diese Installation damit begnügen, unzulängliches Experiment zu sein.

Kunst und Erkenntnis

Auch wenn eine der angesprochenen Textzeilen einen Ausweg anzudeuten scheint, „DU BIST AUF DEM RICHTIGEN WEG ALS TEIL DES PROBLEMS“, meine ich, dass weder eine Installation wie diese noch überhaupt irgendeine in künstlerischer Absicht (und nicht um der kommerziellen Aufmerksamkeit willen) unternommene Aktivität tiefer gehende Einsichten und schon gar nicht darauf beruhende Lösungsaktivitäten befördern kann; nicht einmal bei denen, die diese Einsichten längst teilen. In der Komplexität unserer globalen Welt kann die viel zu zurückhaltend aufscheinende Absicht hinter diesem „installativen Konzept“ nicht mehr sein als ein hilfloser Hinweis auf „Trouble in unserem (Noch)-Paradies“. Da spielt es auch keine Rolle, wie viel die präsentierten Objekte wiegen (Gewicht ist nicht gleich gewichtig) oder welche Ausmaße sie haben (Größe ist kein Indikator für Bedeutung).

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Mein subjektives Fazit zur Relevanz dieser Präsentation lautet: Ich sehe auch nach bisher viermaligem Ausstellungsbesuch nicht mehr als eine bewegte Inszenierung (bewegt ist nicht gleich bedeutend mit bewegend) zahlloser Einzelobjekte. Die LED-Laufbänder sind ohne Unterbrechung in Aktion, die Plastik malträtierende und zerstörende Paternoster-Maschine mit ihren Begleitgeräuschen läuft nur zu bestimmten Zeiten oder wenn sie durch das Aufsicht führende Personal in Gang gesetzt wird. Selbst wenn ich der Installation einen vermutlich ernst gemeinten gesellschaftspolitischen Anspruch zubillige, so bleibt er für mich allzu vage zugunsten gaghafter „Spektakelmomente“, in denen ich als Betrachter entscheiden soll, ob ich „dem unaufhaltsamen Auf- und Abstieg der Maschine, ihrer destruktiven Kraft empathielos, mit Amüsement oder wachsender Unruhe folgen will“. [2] Ich folge diesem Auf- und Abstieg der Maschinenholme samt angehängter Plastikflut allenfalls mit einem fragenden „Was-soll’s?“. Ob das diesen auch finanziellen Aufwand rechtfertigt?

Da fordern die unleugbaren Fakten mehr, die uns die mediale Realität tagaus tagein in humorloser Eindeutigkeit vor Augen führt: Diese Fakten sind es, durch die ich, durch die wir alle hindurch müssen. Ob die schüchternen Antworten, wie sie diese Ausstellung zu geben versucht, dabei eine Hilfe sind, wage ich zu verneinen.

Text: Hans-D. Pfundtner, Bild: Kunstverein

Was: Trouble in Paradise, Rauminstallation von Catharina Szonn.
Wann: Noch bis zum 27. September 2020. Di–Fr, 10–18 Uhr, Sa/So/Feiertage 10–17 Uhr. Paternoster-Laufzeiten ausschließlich während der Führungen und Di–Fr 14–18 Uhr, Sa–So 10–17 Uhr; der Paternoster kann durch die Besucher über einen Fußschalter aktiviert werden, die Aufsichtskräfte helfen gern.
Wo: Kunstverein Konstanz e.V. im Kulturzentrum am Münster, Wessenbergstraße 39/41, 78462 Konstanz, Tel. + 49 (0) 75 31 / 22 341, E-Mail info@kunstverein-konstanz.de
Was noch: Führungen Do, 10.9.2020, 16.30 Uhr; So, 20.9.2020, 11.30 Uhr
Anmerkungen
[1] Interview mit Catherina Szonn auf kunstverein-konstanz.de
[2] Introtext auf kunstverein-konstanz.de