Traut euch, junge Hunde

Oh oh. Das wird spannend. Vielleicht sogar aufregend. Denn wenn Regisseur Oliver Vorwerk ab Samstag gemeinsam mit dem Jungen Theater „Junge Hunde“ in der Spiegelhalle loslässt, steht kein Langweiler auf dem Spielplan. Zu Beginn der letzten Saison von Christoph Nix realisieren sie gemeinsam den gleichnamigen Roman des Intendanten in der Ausstattung von Elena Bulochnikova und mit der Dramaturgin Anna-Lena Kühner.

Es sind die 68er-Jahre, die thematisiert werden am Beispiel junger Leute in Hessen, die vom Vietnam-Krieg lesen und hören. Ho Chi Min oder Rudi Dutschke und Napalm – Worte, Namen, Begriffe, die sie fast täglich begleiten. In ihrer Musik ebenso wie bei endlosen, konfrontativen Diskussionen der Generationen: Eine Politik wurde wahrgenommen, die sich allmählich zu verändern begann durch das brutale Welt-Theater. „Ich bin in dieser Zeit groß geworden, wo man am Sonntagnachmittag beim Kaffeetrinken politisiert hat“, beschreibt Vorwerk seine persönlichen Wurzeln und wird im Gespräch nicht müde zu betonen, dass die 68er „sehr viel erreicht haben“.

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Und wie bringt man das auf die Bühne? Neben seiner persönlichen Prägung ist es hilfreich, „dass es jetzt wieder aktuell ist, auf die Straße zu gehen“. Also steht da die Frage nach einer „Botschaft“ im Raum, „was erzähle ich den Jugendlichen heute?“. Lange habe er darüber nachgedacht, sagt Oliver Vorwerk im Interview, denn normal sei das nicht so seine Sache. Aber in diesem Fall formuliert er sogar eine Botschaft, die er aber auf keinen Fall als Zeigefinger verstehen will: Die festgemauerten Gebäude der Politik müssen nicht für 1000 Jahre stehen, „Traut euch!“ Und sieht, auf das Buch „1968 – Worauf wir stolz sein dürfen“ von Gretchen Dutschke angesprochen, Parallelen insofern, weil man begreifen müsse, dass man etwas Gutes tut: „Man ist erstmal Außenseiter, man ist Gruppe, wird vom Establishment verlacht, bekämpft, bis man begreift, dass es wichtig, dass es gut ist, was man macht.“ Den Mut möchte er den jungen Leuten vermitteln, denn es tut uns allen gut, wenn sie sagen: Bitte nicht so weiter, es ist unser Leben. „Das ist ein bisschen die Message, die ich habe.“

Erwachsene wie junge Menschen wollen die Theatermacher ansprechen, die Jugendlichen haben allerdings Oliver Vorwerks Hauptinteresse, „auch wenn meine Handschrift ist, das Erwachsenen-Theater zu sehen. Deshalb hat auch die Dramaturgin gesagt: Wir machen es ihnen nicht leicht. Es ist hoffentlich auch humorvoll, es ist spannend und ein bisschen dramatisch.“

Oliver Vorwerk studierte zunächst Schauspiel an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum. Nach seinem Studienabschluss arbeitete er am Schauspielhaus Bochum, dem Theater des Westens in Berlin und dem Bremer Theater. Ab Anfang der 90er Jahre begann er Regie zu führen, zunächst in Mainz, später auch an anderen Spielorten. In Konstanz inszeniert er seit 2010 und hat unter anderem „Das Spiel ist aus“ von Jean Paul Sartre, „Ritter, Dene, Voss“ von Thomas Bernhard, „Aby Warburg“ von Gerd Zahner, in der abgelaufenen Saison „Eine Art Liebeserklärung“ von Neil LaBute auf die Bühne gebracht.

Zu Beginn der Inszenierung, so erzählt es der Regisseur, sei es etwas schwierig gewesen mit dem jungen Ensemble, weil es eben kein Shakespeare ist, weit weg von 2019. Denn noch ist dieses Thema 1968 nah an uns dran, auch gut 50 Jahre danach. Viel Überzeugungsarbeit hat es gekostet, viel Disziplin, „und ich sag mal: Theater ist ein Denksport, man muss sich hineindenken, aber es ist ein sehr fruchtbarer Weg.“ Vorwerk scheint dieser Balance-Akt gelungen, denn er merkt die Reaktionen „meiner jungen Kollegen, sie kommen, fragen nach, ob wir dies oder das nicht dazu nehmen können – es ist richtig im Kontext. Ein toller Lernprozess, in dem auch ich wahnsinnig viel gelernt habe“.

Bleiben schließlich noch zwei Fragen, die die grundsätzlich theaterpositiven KonstanzerInnen bewegen dürften: Für wen ist diese Inszenierung genau richtig, Oliver Vorwerk? „Ich sage: Für alle, 16 sollten sie aber schon sein, es braucht vielleicht ein bisschen politisches Verständnis. Aber es gibt natürlich 14-Jährige, die das schon haben und 16-Jährige nicht. Ich würde sagen: Es ist Theater für alle.“ Und, das Gespräch mit diesem sympathischen, stets sorgsam überlegenden Regisseur neigt sich dem Ende zu: Welche Reaktionen erwarten Sie? „Ähmmm … hmmm … ich glaube schon, es wird kontrovers sein, aber ich glaube, dass das offene Publikum sich darüber freuen wird.“ Als 73-Jähriger mit einer gewissen aktiven Vergangenheit hat man dann noch das Recht auf eine persönliche Frage zum Schluss: „Werden wehmütige Alt-68er an früher denken?“ Hoffentlich, hoffentlich, sagt er und lächelt ein wenig. „Das ist natürlich auch meine Intention. Eine ganz starke Intention.“ Treffpunkt Spiegelhalle. Oh oh. Das wird spannend. Vielleicht sogar aufregend.

Lutz Rauschnick (Text & Foto)