Sommer, Sonne, Boogie und Bazz

Eine alte Konzertmuschel, Sonne, See, ein und zwei Bier oder ein lokaler Wein – dazu eine ordentliche Dosis Musik sowie ein Blick auf den unnachahmlichen Kirchturm. Radolfzell hat was, und wer die wenigen noch verbleibenden Sommerabende und -tage nutzen will, sollte es möglichst bald tun, sonst ist nämlich schon wieder Winter, oder was heutzutage dafür ausgegeben wird. Kurzum: In den nächsten Tagen gibt es Boogie und Jazz satt, und es ist höchste Zeit, sich anzumelden, denn wegen Corona sind die Plätze rar.

Arik Brauer brachte es auf den Punkt:

Der Mensch stirbt nicht vom Gift,
Der Mensch stirbt nicht vom Tod.
Er stirbt vor lauter Todesangst,
Er stirbt, wenn man ihm droht.

Damals hatte Brauer noch gut spotten, er war jung und die Zeitläufte leidlich friedlich: Derzeit ist das Bedrohungsgefühl schlimmer, sogar viel schlimmer, und dagegen hilft nur gute Musik und sonst nichts, was nicht mindestens 12,5 Prozent Alkohol enthielte.

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Immerhin, gute Musik, die geeignet ist, auch das verschreckteste Seelchen mit dem virenverseuchten Diesseits zu versöhnen, gibt es jetzt auch wieder live, und das in Radolfzell.

Boogielicious

Bereits am morgigen Freitag tritt dort Boogielicious auf, ein deutsch-niederländisches Boogie-, Blues- und Jazz-Trio, das sich 2007 zunächst mit Eeco Rijken Rapp (Klavier, Gesang) und David Herzel (Schlagzeug) als Duo gegründet hat, aber schon ein Jahr später als Trio mit Dr. Bertram Bechers Blues-Harmonika noch homogener und abwechslungsreicher geworden ist. Die drei Herren sind momentan eine der ungewöhnlicheren Boogie-Formationen der Szene in Europa, und retten diese ziemlich populäre Musik der 20er, 30er und 40er Jahre in unser aktuelle Jahrhundert herüber, als welches auch immer wir das nun auch gerade wahrnehmen mögen – als Zeit der Großen … aber lassen wir das.

Inzwischen haben sich die drei Boogielicious-Musiker mit ihren sechs Alben auf die vorderen Ränge ihres Genres vorgearbeitet. Staunten die Medien beim Debüt-Album noch über die Qualität ihres gesamten Albums (Pressestimmen: „Mühelos, schwerelos, einfach wunderbar“), so wird auf den folgenden Alben der typische Sound des Trios auch durch die im Boogie eher selten vertretene Blues-Harmonika geprägt.

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Die Band hat ausgeprägte Live-Qualitäten und wird international geschätzt (es gibt übrigens einige Clips im Internet für die Tüpfelescheißer, die vor einem Konzert alles ganz genau wissen wollen). Die Spielfreude des Trios ist ansteckend, was in der Natur des Boogies liegt, und Liebhaber handgemachter Musik sind nach Angaben der Veranstalterin ebenso elektrisiert wie Alt-Rock’n’Roller und traditionelle Jazz- und Blues-Anhänger. Manche Hallen stehen sogar Kopf (siehe Bild).

Kurzum: Drei Musiker, die sich kennen und schätzen, ihr Handwerk verstehen, ihren Sound draufhaben und Jazz, Blues und Boogie als Lebensgefühl zu vermitteln verstehen. Das rockt, wie man heutzutage zu sagen pflegt, wenn man nicht mehr zu den Jüngsten zählt, das aber nicht wahrhaben will.

Tom Timmler Quartett

Tom Timmler ist ein Künstler mit enormer Bühnenerfahrung und einer langen Liste an berühmten Mitmusikern, darunter so prominenten Namen wie Jiggs Whigham, Ronan Guilfoyle und Jon Hiseman. Sein Markenzeichen ist ein transparenter und eindringlicher Sound, der immer wieder in große melodische Bögen mündet. Dieser Stil prägt besonders sein Quartett. Es bietet schnörkellosen modernen Jazz ohne Popanleihen, puristisch, mit Lust an Improvisation und fieberndem Anspruch. Die Besetzung kann sich sehen (und vor allem auch hören) lassen: Tom Timmler, ts, Tilman Günther, p, German Klaiber, b, Matthias Daneck dr. Als besonderer Gast ist der aus Villingen stammende Trompeter Bernd Hufnagel mit an Bord, der sich unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit Dusko Goykovich oder Charlie Antolini sowie als Leadtrompeter in der Big Band des HR einen Namen gemacht hat.

Das hört sich entspannt an, gell?

Aber denken Sie an Arik Brauer, es gibt schließlich Schlimmeres als einen Lockdown:

Des Kaffeheferl tu i lupfn
Und i giaß ma an Kaffee
Weißen Schlagobers drübergupfen
Und i traam vom ersten Schnee
Grad hab i den Zucker einigschupft
Und denk mir nix dabei
Da san ihrer zwölfe über’s Messer ghupft –
Weg’n der Faschisterei.

H. Borges/MM (Fotos: Boogielicious; K. Ackermann)


Was: Boogielicious, 07.08.2020 um 20 Uhr

Was dann: Tom Timmler Quartett, 09.08.2020 um 11 Uhr

Wo: Alte Konzertmuschel auf der Mettnau, Scheffelstraße 42, Radolfzell

Wichtig: Platzreservierungen sind zwingend (!) erforderlich per E-Mail an kartenbestellung@zellerkultur.de

Weiterwissen: www.zellerkultur.de