Portwein statt Proust

Am Sonntag ist es wieder so weit: Während andere sich Schlag 12 Uhr zu Tisch verfügen oder gar schon ihre Bäuerchen machen, bietet das nächste Konzert der Reihe „HighNoon“ herausfordernden Ohrenschmaus. Werke von KomponistInnen des 20. und 21. Jahrhunderts stehen auf dem abwechslungsreichen Programm, dargeboten vom Klavierduo Kristín Kristjánsdóttir und Annette Harzer. Wer also Übergewicht und Cholesterin fürchtet, findet hier ein ideales Gesundheitsprogramm: Hören statt Mittagessen.

Anzeige

Es gibt immer wieder Enfants terribles, die zwar irgendwie zur Musikgeschichte dazugehören, andererseits aber nicht so recht in ihre Zeit einzuordnen sind. Eines davon ist Federico Mompou (1893-1987), ein spanischer Komponist, der durch seine musikalischen Erfahrungen im Paris der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Man vergesse nicht, dass Paris damals der Nabel auch der iberischen Kulturwelt war und dass es zur selben Zeit wie Mompou auch andere spanische Künstler wie Picasso in die Seine-Metropole zog.

Der Schweiger

Mompous Klavierzyklus „Música Callada“, 1959-1967 entstanden, hört sich denn auch nach einer Hommage an Satie (mit dem er den Sinn für Ökonomie teilte) und Debussy (an den Mompus Klangfarben erinnern) an. Aber natürlich geht Mompou darüber hinaus, sonst bräuchte man nicht von ihm zu sprechen. Der Pianist Herbert Henck beschreibt seinen ersten Eindruck so: „Virtuoses, Ornamentales oder Spielerisches fehlte fast ganz, ebenso alles, was gewöhnlich zu den Errungenschaften moderner Musik zählt, wie etwa komplexe rhythmische Proportionen, häufige Taktwechsel, extreme Register, exzessive Dynamik, Häufung von Vorzeichen oder große Intervallsprünge. Alles schien auf Gleichmaß, Ruhe und sangbare Linien angelegt. Ausgewogenheit, Beschränkung und Unaufdringlichkeit standen im Vordergrund, und im Wesentlichen bestimmte ein Tonfall von Wehmut, Trauer, Stille oder Versenkung den Ausdruck der Musik.“ Mompou, der zeitlebens zurückgezogen lebte und eine Scheu vor Menschen gehabt haben soll, hat eine verschwiegene Musik geschaffen, wie es der Titel des Zyklus ja auch nahelegt.

Ich stelle mir bei solchen Klängen gern einen Herbstnachmittag vor, grauer Himmel, ein Nebelschweif, die letzten braunen Blätter tropfen von den Bäumen, in meiner Hand ruht ein Band Proust – und auf dem Tischchen neben meinem Lesesofa thront eine Flasche schweren, klebrigen Portweins, der neben der Musik bald meine ganze Aufmerksamkeit gilt. Oder können Sie etwa in Ruhe Proust lesen, wenn es Musik und Portwein gibt?

Von Györgi Ligeti bis Udo Jürgens

Kaum vorzustellen braucht man hingegen György Kurtág, Jahrgang 1926, der mit einem anderen großen ungarischen Komponisten der zweiten Jahrhunderthälfte, György Ligeti, zusammen in Budapest studierte. 1956 lernte er in Paris bei Darius Milhaud und Olivier Messiaen und wirkte in den nächsten Jahrzehnten etwas ab vom musikalischen Schuss in Ungarn, ehe er als Größe der neuen Musik auch international gefeiert wurde. Von ihm werden im HighNoon-Konzert „Játékok“ (Spiele) und Transkriptionen von G. Frescobaldi und J.S. Bach gespielt. Mit diesen kurzen Stücken stellt er sich in die Tradition von Bachs „Klavierübung“ bis zu Bartóks „pädagogischen“ Kompositionen.

Weitere Kompositionen des Mittags stammen etwa von Alice Baumgartner, die 1987 in St. Gallen geboren wurde und als Musikerin in ihrer Heimat lebt. Man darf auf ihr Werk „Ich atme Lichtstimmung ein, folge ihren Spuren“ durchaus gespannt sein, denn sie hat ungewöhnliche musikalische Vorlieben: „Fragt man Alice Baumgartner nach ihren musikalischen Vorbildern, gesellen sich da – sehr gegensätzlich – Stars wie Udo Jürgens oder Elton John zu Komponisten wie György Ligeti oder Sofia Gubaidulina,“ berichtete Martin Preisser vor einigen Jahren im St. Galler Tagblatt. Dass die Komponistin in ihrem Lebenslauf, durchaus ungewöhnlich für einen unter dem Sternzeichen Skorpion geborenen Menschen, als Hobbies „Komponieren von populärer Musik, klassischer Gesang, Klavier, Haltung und Pflege meiner beiden Landschildkröten, Tauchen mit Pressluftflaschen, Tanzen, Lesen, Kochen“ angibt, verspricht einen originellen Zugang zur Musik und gute Unterhaltung.

Anzeige

Weitere Werke des Konzerts stammen vom Schweizer Hermann Meier (1906–2002) und von Bnaya Halperin-Kaddari (*1988), einem aus Israel stammenden Komponisten und Video-, Installations- und Performance-Künstler, dazu gibt es den obligatorischen musikalischen Aperitif von Ralf Kleinehanding (*1965).

Die beiden Pianistinnen sind übrigens in der Region tätig und bekannt. Sie spielen schon seit Jahrzehnten zusammen und haben bereits 1995 als Duo den 1. Preis beim Kammermusikwettbewerb der Musikhochschule Trossingen gewonnen. Also keine Bange: Auf ins Konzert, am Sonntag glühen die Ohren, dafür bleibt die Küche kalt.

Harald Borges (Foto: Annette Harzer, Kristín Kristjándóttir [c] HighNoon)


Konzert „Klangmaterial“, 12. Mai 2019, 12.00 Uhr im Studio der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz, Fischmarkt 2. Eintritt: 10 € / 6 € ermäßigt, Veranstalter: HighNoon – Freunde Neuer Musik e.V.