Philharmonie: Sie dürfen wieder spielen

Am Sonntag geht es los mit den Klassikkonzerten im neuen, pandemiegerechten Gewand. Ensembles der Südwestdeutschen Philharmonie geben zwischen 21. Juni und 26. Juli rund zwanzig Konzerte an verschiedenen Spielstätten und nutzen die Gelegenheit, ein teils etwas anderes Repertoire zu präsentieren. Neben mehr oder weniger Klassischem gibt es auch Filmmusik, Tangos sowie zwei eigene Kinderkonzerte zu hören. Als Spielstätten dienen Neuwerk, Rosgartenmuseum, Mainau-Palmenhaus und Inselhotel.

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Der Herr auf dem Foto ist Carlos Gardel (ca. 1890-1935). In Europa ist er weitgehend unbekannt, in Argentinien aber wird er als einer der drei Nationalheiligen verehrt. Ähnlich wie Evita Perón (Heilige No. 1) ist er früh gestorben, aber anders als Maradona (No. 2) konnte er nie die Hand Gottes für sich reklamieren. Dafür war er aber die Stimme Gottes und gilt bis heute als größter Tangosänger aller Zeiten, und das will in Argentinien wahrlich etwas heißen. Er hat etliche Klassiker mitkomponiert, und seine Stimme ist noch heute, 85 Jahre nach seinem Tode, jedem Porteño vertraut. Er war allerdings kein Abgott der Oberschichten entlang des Río de la Plata, denn die mochte solche Texte nicht und bevorzugte rein instrumentalen Tango in großer Besetzung.

Weltdokumentenerbe

Klettert man in Buenos Aires links vom Café Tortoni die ausgetretenen Stufen der Academia Nacional del Tango hinauf, kann man dort sogar einen Hut von Gardel besichtigen (auch wenn der sich nicht von anderen Hüten unterscheidet), und Spötter behaupten, Gardel erhalte noch heute Tag für Tag Berge an brieflichen Heiratsanträgen, für die Petrus im Himmel sogar ein eigenes Postamt eingerichtet habe. Fakt hingegen ist, dass seine (immer noch sehr hörenswerten) Aufnahmen zum Weltdokumentenerbe der UNESCO zählen, genau wie das Manuskript von Beethovens 9. Sinfonie – sie werden dort allerdings unter „Uruguay“ gelistet, aber das mag hier unerwähnt bleiben. Wenn Sie noch nie etwas von ihm gehört haben, kommen Sie ganz sicher nicht aus Argentinien, müssen aber auch nicht extra hinfahren, sondern können diese Bildungslücke demnächst sehr bequem schließen, denn am 19.07. um 15:00 Uhr gibt das Circolo Quartett im Rosgartenmuseum ein Programm mit Tango & Jazz.

Der Kultursommer beginnt

„Nach der Corona-bedingten Zwangspause freuen wir uns auf die persönliche Begegnung mit unserem Publikum“, so Philharmonie-Intendantin Insa Pijanka, „Konstanz hat eine großartige Kulturlandschaft, und die möchten wir mit dieser Reihe unterstützen.“ In den vergangenen Wochen des kompletten kulturellen Stillstandes suchte das Orchester nach neuen Möglichkeiten, mit seiner Musik vor Publikum aufzutreten. Dabei entstanden überraschende Allianzen innerhalb der Kulturszene, etwa der „Kultursommer“, eine Kooperation mehrerer Konstanzer Kulturschaffender und Institutionen, initiiert von Christoph Sinz vom Zebra-Kino und Benjamin Kreibich vom Kulturladen. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass es ausgerechnet im Neuwerk ein dreißigminütiges Programm „Der kleine Doppeldecker“ für Kinder von drei bis fünf Jahren geben wird (18. und 15. Juli). Bereits am 17. wird am selben Ort ein Konzert mit Werken für Percussion-Trio plus Beethovens Streichquintett gegeben, eine Kombination also, die wahrlich nicht alltäglich ist.

Tobias Engelsing (übrigens auch ein zumindest gelegentlicher Hutträger), Direktor der Städtischen Museen, freut sich seinerseits über neue Gäste: „Gemeinsam mit Musikern der Philharmonie zaubern wir feinste Wiener Kaffeehaus-Atmosphäre in den Museumsgarten. Dies ist ein stimmungsvolles Signal gegen den allgemeinen ‚Corona-Blues‘, der sich gerade breitmacht.“ Im Museum beginnt der sommerliche Konzertreigen am 21. Juni denn auch mit einem Auftritt der Fagottgruppe der Philharmonie. Jede Wette, so viel Fagott haben sie im Leben noch nicht gehört – es sei denn, Sie sind selbst auf diesem wundersamen Instrument aktiv. Außerdem gastiert dort auch noch das renommierte Miroir-Quintett mit seinem bewährten Repertoire für klangvolle Bläserbesetzungen.

Im Palmenhaus der Mainau schließlich gibt es vier Konzerte, darunter die Bratschen der Philharmonie mit „Heiligem und Eiligem“ (man stellt sich mal besser nichts darunter vor, sonst kommt man noch auf dumme Gedanken) sowie die Truppe „Los Contrabandidos“ mit einer „Reise durch die Jahrhunderte“.

Kaninchen und Schlange

Etwas ausgefallener werden die 1:1- Konzerte jeweils am Montag von 18:00 bis 20:00 Uhr im Steigenberger Inselhotel. Dort treffen jeweils 1 Instrument und 1 Person Publikum aufeinander, wer das Publikum jeweils ist, wird unter den BewerberInnen ausgelost, und es wird vorher auch nicht verraten, welches Instrument an diesem Abend dort sein wird. Gänsehaut pur also, wenn die Publikumsperson in der Hochzeitssuite zwei Stunden lang wie das Kaninchen der Schlange den Kastagnetten bei ihrem klangvollen Werk zuschauen darf. Viel Glück bei der Verlosung!

Apropos Glück: Gardel hatte wenig Glück, denn er starb 1935 in Medellín bei einem Flugzeugunfall. Trug er bisher Ehrennamen wie „der Magier“ und „die Amsel“, wurde er nun als „der Stumme“ verehrt. Aber auch Astor Piazzolla, späterer Begründer des Tango Nuevo und als Knabe Gardels Dolmetscher in New York, hatte in diesem Zusammenhang wieder einmal Pech: Piazzollas Vater hatte seinem Idol Gardel einen Glücksbringer geschenkt. Astor sah Jahre später in der Auslage eines Antiquitätengeschäfts einen angekokelten Glücksbringer, der dem Gardel geschenkten verdammt ähnlich sah. Er wollte das gute Stück sofort aus der Nähe betrachten, aber der Laden war geschlossen. Als Piazzolla am nächsten Tag wiederkam, war das gute Stück, das jahrelang herumgelegen hatte, überraschenderweise gerade verkauft worden (dass der Käufer Hörner hatte, hinkte und nach Schwefel roch, konnte übrigens nie bewiesen werden). Der Verkäufer erzählte, dass sei ein Glücksbringer gewesen, den Gardel bei seinem Tod bei sich trug, das erkläre die Brandspuren, die Piazzollas Aufmerksamkeit geweckt hatten.

Angesichts dieser Verwicklungen wundert man sich plötzlich nicht mehr, dass der magische Realismus ausgerechnet in Lateinamerika entstand – und dass Buenos Aires die höchste Psychoanalytiker-Dichte der Welt hat.

Text: MM/Harald Borges, Bild: Carlos Gardel (Foto: José María Silva (1897-2000) / Public domain)


Das Programm und Informationen dazu, wie Sie an Karten kommen können, finden Sie hier.