Musik aus einem Jahrhundert der Katastrophen

Das Cello ist ein Instrument von großer akustischer Durchsetzungskraft und daher immer wieder mit brillanten Solokonzerten bedacht worden. Zwei selten zu hörende Werke für Cello und Orchester wird am 6. April Matthew Brooke zusammen mit dem Concerto Konstanz spielen. Außerdem gibt es an diesem Abend unter der Leitung von Wolfgang Mettler Schostakowitschs gewaltige Kammersinfonie op. 110a zu erleben, ein in der DDR entstandenes, aufrührendes Werk, gewidmet den „Opfern von Faschismus und Krieg“.

In der Musik gibt es seit jeher Querbezüge zuhauf: Wenn Beethoven oder Mozart eine Fuge schreiben, darf man dabei getrost Bach mitdenken, und auch Schostakowitsch hat nicht zufällig gerade 1950, zu Bachs 200. Todestag, einen Zyklus von Präludien und Fugen vorgelegt, dessen Aufbau dem des „Wohltemperierte Klaviers“ des Großmeisters (fast) aller Klassen gleicht. Die musikalische Bedeutung von Bachs Zyklus erreichte dieses Werk von Schostakowitsch nicht, aber vielleicht wollte er Bach damals ja überholen, ohne ihn einzuholen.

Auch die drei Werke des Abends mit dem Concerto Konstanz sind in mehrerer Hinsicht inhaltlich miteinander verwandt. Einerseits auf einer persönlichen Ebene, denn der weitgehend vergessene Mieczysław Weinberg (1919-1996) unterhielt eine der unter KomponistInnen eher seltenen musikalischen Künstlerfreundschaften des 20. Jahrhunderts zu seinem älteren Freund, Kollegen und Förderer Dmitri Schostakowitsch (1906-1975). Andererseits beziehen sowohl Weinberg als auch Ernest Bloch (1880-1959) in ihren Stücken Elemente jüdischer Musik mit ein, auf die der US-Amerikaner Bloch in etlichen Werktiteln explizit Bezug nahm, in diesem Fall ist es sein „From Jewish Life“ für Cello, Harfe und Streichorchester. Nicht zu vergessen ist aber auch, dass Schostakowitsch 1948 seine Lieder „Aus der jüdischen Volkspoesie“ schrieb, also im selben Jahr, in dem das Concertino für Cello und Streichorchester op. 43 von Weinberg entstand, das in der Dreifaltigkeitskirche zu hören sein wird. Aber genug der Deutebolderei.

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Flucht in die UdSSR

Weinbergs Concertino ist eine Rarität, es ist die 1948 entstandene Urfassung des längeren Cellokonzerts, die erst 2017 in dieser Form uraufgeführt wurde, während das „große“ Konzert ja spätestens durch die Aufnahme mit Rostropowitsch und Roschdestwenski aus dem Jahr 1964 seinen Ritterschlag erhielt. Weinberg, der 1919 in eine jüdische Familie in Polen geboren wurde, vor den Nationalsozialisten in die Sowjetunion floh, jedoch seine ganze Familie im Holocaust verlor, ließ das Stück zunächst in der Schublade verschwinden. Weinberg betrachtete seine kompositorische Arbeit als Trauerarbeit und fortwährende Erinnerung an die Opfer von Krieg und Holocaust. So beginnt und endet das Concertino mit je einem melodischen, melancholischen Satz, während die beiden mittleren Sätze Motive aus osteuropäischer jüdischer Volksmusik, dem Klezmer, verarbeiten.

Weinberg war ein enger Freund und musikalischer Inspirationspartner von Dmitri Schostakowitsch, der ihn umfassend förderte. Musikalisch verbindet die beiden nicht nur die wiederholte Verwendung jüdischer volkstümlicher Melodien, sondern auch das Verständnis von Musik als Erinnerung und Mahnmal für die „Opfer von Faschismus und Krieg“. Diesen ist die Kammersinfonie op. 110a gewidmet, eine von Schostakowitsch autorisierte Bearbeitung seines achten Streichquartetts durch Rudolf Barshai.

Schostakowitsch bei den Sachsen

1960 komponierte Schostakowitsch bei einem Kur- und Arbeitsaufenthalt in der DDR in Gohrisch nahe Dresden die Filmmusik zu „Fünf Tage – Fünf Nächte“, einem Film über die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg. Er genoss den Aufenthalt sichtlich: „Man hatte es mir dort sehr gut eingerichtet, zwecks Schaffung einer schöpferischen Arbeitsatmosphäre. Die Gegend ist unerhört schön. Übrigens gehört sich das für sie auch so: Die Gegend nennt sich ‚Sächsische Schweiz‘.“

Bei der Arbeit an der Filmmusik berührten ihn Kontakte zu Zeitzeugen so tief, dass er sie binnen weniger Tage in seinem ergreifenden Streichquartett verarbeitete, das mit Recht zu den meistgespielten Werken dieser Gattung aus dem zwanzigsten Jahrhundert zählt. Die Musik drückt vielfach Härte, Gewalt, Schmerz, Zerstörung und Trauer aus, der als Selbstbehauptung und Hoffnung musikalische Zitate aus früheren Werken des Komponisten sowie im 2. Satz eine jüdische Klezmermelodie entgegenstehen. Selbstbekenntnis von Schostakowitsch zur Kammersinfonie und ihrer Widmung ist auch das nach seinen Initialen gebildete Viertonmotiv D-S-C-H, das sich durch alle fünf Sätze zieht. Schostakowitsch hatte Glück mit seinen Initialen, die er öfter in seine Werke einschrieb. Diese ist eine weitere Parallele zum in Sachsen wirkenden Johann Sebastian Bach, der bekanntlich über einer Fuge, „wo der Nahme B-A-C-H im Contrasubject angebracht worden“, verstarb, wie sein Sohn Carl Philipp Emanuel im Manuskript der „Kunst der Fuge“ notierte.

Aus dem jüdischen Leben

Zeitlich weit vor den schrecklichen Geschehnissen des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust entstand 1924 die Trilogie „From Jewish Life“ von Ernest Bloch, einem seit 1916 in den USA lebenden Schweizers. Blochs intensive musikalische Auseinandersetzung mit seiner jüdischen Identität, die sein kompositorisches Schaffen kennzeichnet, zeigt sich bereits im Titel. Im Gegensatz zu Weinberg und Schostakowitsch zitierte er aber niemals direkt jüdische Melodien, sondern ließ sich von den Tonarten jüdisch-osteuropäischer religiöser Gesänge, den sogenannten aschkenasischen Modi, musikalischen Elementen wie dem Einsatz von Vierteltönen und der freifließenden Rhythmik der hebräischen Sprache inspirieren. So entsteht eine neuartige intensive, expressive und emotionale Atmosphäre. Die Stimme des Cellos erinnert stellenweise an den Gesang eines jüdischen Kantors.

Das Concerto Konstanz ist ein reines Streichorchester, in dem seit 1971 engagierte AmateurmusikerInnen aus Konstanz und Umgebung unter der Leitung von Wolfgang Mettler anspruchsvolle Konzertprogramme erarbeiten. Der aus New York stammende Cellist Matthew Brooke, der Solist des Abends, ist seit 1990 in Konstanz ansässig und seitdem mit seinem markanten Schnauzbart, seinen funkelnden Augen und seinem Cello auf dem Rücken eine Bereicherung des Konstanzer Stadtbildes.

Harald Borges/MM (Foto: Concerto Konstanz)


NachtDenkMusik III, 6. April 2019, 20.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche Konstanz, die Kirche ist ab 20.00 Uhr geöffnet.

Karten (18 Euro, ermäßigt 9 Euro) gibt es bei BuchKultur Opitz am Stefansplatz in Konstanz oder im Internet unter www.concerto-konstanz.de.