Machen Schmetterlinge im Bauch satt?

Und was haben die eigentlich im Bauch, wenn sie verliebt sind? Diese und so manch‘ andere skurril-komische, naiv-lustige und tief philosophische Frage beschäftigen Jonas Pätzold in „Kurz vor Kuss“. Das langjährige Ensemblemitglied des Theater Konstanz hat einen fulminanten „Liederabend an 88 Tasten“ auf die Bühne gebracht. Eine One-Man-Show ist der Abend in jedem Fall, aber eine richtig gute!

Wie im Wohnzimmer

Die Bühne ist schwarz und leer. Nur das Klavier und der zugehörige Hocker stehen im Zentrum. Die Tasten sind in warm-goldenes Licht getaucht. Dort macht es sich Pätzold bequem, nachdem er mit Gummibaum, Umzugskarton und einer orangefarbenen Stehlampe unterm Arm auf die Bühne gestolpert kommt. Von Anfang an herrscht eine intime Atmosphäre. Das Wohnzimmerfeeling geht sogar so weit, dass eine Dame aus der ersten Reihe den Darsteller fragt, ob sie ihm nicht mit all den Sachen behilflich sein könne. „Ne danke, geht schon“, antwortet dieser nonchalant. Aus seinen Umzugskartons holt Pätzold im Laufe des Abends einige Requisiten, die verschiedentlich zum Einsatz kommen und seine Darbietung unterstützen. Während er mit dem Publikum spricht, baut er nahezu beiläufig die Kulisse auf und um. Er ist ‚casual‘ gekleidet, trägt Sneakers, Jeans und ein aufgekrempeltes Hemd. Es wird ein lockerer Abend unter Freunden. Man hat das Gefühl, dass Pätzold uns jedenfalls auch ein Stück weit an seinem (Liebes-)leben teilhaben lassen möchte.

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Hintersinnige Musik vom Feinsten

Wer eine Darbietung der bekanntesten Liebeslieder von Beethovens „Für Elise“ bis Céline Dions „My heart will go on“ erwartet hat, wird positiv überrascht, denn diese wurden – sind wir mal ehrlich – schon ausreichend rauf- und runtergespielt. Das wäre nichts Besonderes. Doch Pätzolds Lieder sind nicht nur eine Premiere, sie sind Wort- und Notenspiele von höchster Raffinesse. Alle Texte sind auf Deutsch und zwischen Klavierkabarett und Liedermacher-Genre zu verorten. Pätzold beweist, dass er sowohl mit Sprache als auch mit Melodie und Rhythmus jonglieren kann. Er passt die Musik den Situationen an, die er beschreiben möchte, und nicht andersherum. Etwa deutet er auf der Tastatur ein Tatütata an, als es im Text zum Ernstfall kommt. Die Interaktion mit dem Publikum, wenn Pätzold gerade musikalisch erzählt, macht ihm den ein oder anderen notwendigen Blick auf die Tasten oder die erforderliche Konzentration auf den Text schwer. An manchen Stellen läuft dieses Multitasking noch nicht ganz rund, diese überspielt er aber charmant und schafft es, aus einer kleinen Panne auch noch einen Lacher raus zu kitzeln.

Fliegende Herzen

In herrlich witziger, manchmal auch melancholischer Art und Weise setzen sich Jonas Pätzolds Stücke mit verschiedenen Stadien und Formen der Liebe auseinander. Es geht um Singleheime und Schneckensex und das Überwinden der eigenen Komfortzone. Das nachdenkliche „Du kannst weinen, wenn es raus muss“ sagt uns, dass es in Ordnung ist, der Liebe wegen auch mal tieftraurig zu sein und sich mit einer Packung Taschentücher aufs Sofa vor den Fernseher zu setzen. Der Liederabend ist dem Schauspieler eine Herzensangelegenheit – das merkt man, insbesondere als er am Ende seiner Vocal Coach Darja Godec gesonderten Dank ausspricht. Für seine Authentizität und Feinfühligkeit sowie die musikalische Leistung fliegen ihm die Herzen des Premierenpublikums zu. Manche munkeln schon, dass das ein Kassenschlager im Theater Konstanz wird. Verdient wäre es! An dem Abend bleibt kein Auge trocken, ob vor Freude oder vor Rührung – für jeden Heul-Typ ist etwas dabei.

F. Spanner (Foto: Bjørn Jansen)


Weitere Aufführungen in der Werkstatt/Inselgasse: 29.1. [ausverkauft!] und 7.2., 20.00 Uhr